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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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vorliegenden Fragen Zu entscheiden. Noch niemals hat man erlebt, so .führte der Redner unter zum Teil sehr lebhaftem Widerspruch der .Versammlung aus, daß eine Versammlung einberufen wird und auftritt:' wir wollen reformieren. Wenn man reformieren will, muß man vor allen Dingen wissen, was und wieweit man reformieren will. Daraus folgt mit Notwendigkeit, daß man sagen muß, in diesen Dingen bedarf eine religiöse Gemeinschaft dringend der Reform. .Alle vorhandenen religiösen Systeme befinden sich in der gleichen Lage wie das Judentum, auch in ihnen bestehen Gegensätze, die man genau kennt. Das ist das Erbteil aller Religionen, die einen dogmatischen Inhalt haben, und niemand wird leugnen wolle», daß das Judentum einen dogmatischen Inhalt hat. Es ist ein Irrtum, zu sagen, daß das Judentum darin seinen Kern hat, daß es an einen einzig-einigen Gott glaubt. Wer das behauptet, hat um die Geschichte des Judentums sich zu kümmern keine Zeit oder keine Veranlassung gehabt. Die Abänderung gewisser Dinge, die nicht mehr zu halten sind, erscheint allerdings notwendig. In den Hauptpunkten muß aber erklärt werden, was geändert werden soll. Auf den Standpunkt der vorgeschlagenen Resolution kann man sich allenfalls stellen, aber auf das vorliegende Programm kann man sich unmöglich verpflichten. Das Programm ist noch nicht genügend durchgc. rbeitet, so daß man sich darüber auch nur verständigen, geschweige.' denn einigen kann. Sowie man sich seit Jahrhunderten bemüht hat, die Grenze zwischen Staat und Kirche festzustellen, so wird es auch mit diesen Dingen gehen. ' Religion und natur-. wissenschaftliche Anschauung sind zwei Dinge, die miteinander gar nichts zu tun haben. Ans glühend warmem Herzen für das Judentum rät der Redner, nur die Resolution anzunehmen, und das Programm, durch dessen Annahme eine Spaltung in die jüdische Gemeinsamkeit hineingetragen wird, der Siebener-Kommission zur sorgsamen Durcharbeitung zurückzugeben und es dann einer nur aus liberalen Rabbinern bestehenden Versammlung zur Entscheidung vorzulegen. — Rechtsanwalt Dr. Auerbach-Frankfurt a. M. erwidert, daß der Vorredner vollständig die Bedeutung der Versammlung verkannt habe. Es soll nicht die Frage geprüft werden, was Liberalismus ist, sondern wir kämpfen gegen die Orthodoxie, die das'Judentum gepachtet zu haben glaubt; dazu haben die Liberalen sich endlich aufgerafft. Wirkämpfen für den Liberalismus im Judentum und für die zukünftige Generation. Das sind genügend positive Punkte des Programms, an dessen Einzelheiten nicht gerüttelt werden sollte. Er bittet die Siebener-Kommission, die Resolution zurückzu ziehen, denn die Liberalen wollen nur für sich sorgen, und kein Mensch glaubt, daß die Liberalen die Orthodoxie beeinträchtigen wollen. An die Theologen, denen nunmehr durch die Vereinigung der bisher fehlende Resonanz, boden gegeben wird, richtet er die eindringliche Mahnung, die Zeit und Gelegenheit zu nützen, die Religion fortzubilden. — Rabbiner Dr. Dienemann-Ratibor glaubt auch im Namen der jüngeren Rabbiner vom heutigen Tage erwarten zu dürfen, daß nunmehr von den liberalen Juden mehr positive Arbeit geleistet werden wird als bisher. Nicht die liberalen Rabbiner sind schuld daran, daß so wenige Leute sich positiv betätigen, sondern die Gemeinden. — Dr. Baerwald- Frankfurt a. M. gibt namens der Siebener-Kommission die Erklärung ab, daß die Resolution nicht zurückgezogen werden kann. Die Kommission hält es jetzt vor allem für notwendig, zu dokumentieren, daß die Liberalen nichts weiter haben wollen als ihr Recht, als die Anerkennung, daß sie gleiches Recht haben wie die.Orthodoxen. Wir Liberale befinden uns nicht im Kampfe gegen die Orthodoxie, sondern in der Verteidigung gegen sie. Aus welchem inneren Drange wir dazu kommen, jetzt hervorzutreten, und um dein Kampfe die Spitze zu nehmen, erklären wir, daß wir die Rechte der Orthodoxen anerkennen. Das ist keine Verbeugung vor der Orthodoxie, sondern geschieht nur, um jetzt keinen Streit hervorzurufen. Nachdem noch Rabbiner Dr. Samuel-Essen für die unveränderte Annahme des Programms eingetreten ist und der Versammlung den Dank ausgesprochen hat, daß durch die Vereinigung endlich ein Resonanzboden für den Liberalismus geschaffen sei, gelangt der von Justizrat Dr. Horwitz-Berlin beantragte und befürwortete Schluß der Rednerliste, zur Annahme. Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsberg glaubt aus rein praktischen Rücksichten und zur Abwehr der mannigfachen Mißverständnisse, die durch dos Programm hervorgerufen seien, die Annahme der Resolution empfehlen zu müssen. Prediger Dr. Rieger-Hamburg bittet, das Programm, das bedenkliche Undeutlichkeit zeige, nur in den beiden letzten Absätzen anzunehmen und das genauere Programm einer späteren Sitzung vorzubehalten; die Annahme der Resolution empfiehlt er. Justizrat Behrend-Danzig schlägt vor. nur die Konstituierung vorzunehmen und von allen Details abzusehen. Dr. Adolf Brüll-Frankfurt a. M. bittet dagegen dringend um unverkürzte Annahme des Programmentwurss. Diesem Wunsche schließt sich der Referent Dr. Vogelstein-Stettin in seinem Schlußworte an. Bei der Abstimmung, die für die ersten und letzten Sätze des Programms getrennt vorgenommen wird, gelangen das Programm und die Resolution mit sehr großer Mehrheit zur Annahme. Das Programm hat folgenden Wortlaut: „Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand und ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert. Hieraus ergibt sich für die Gegenwart die Berechtigung und Notwendigkeit, den ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht. Die deutschen Juden müssen unter pietätvoller Anlehnung an die Vergangenheit ihr äußeres Leben mit ihren inneren Anschauungen in Uebereinstimmung bringen, insbesondere darf kein Gewicht auf die Jnnehaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten gelegt werden. Der Gottesdienst ist gemäß den Bedürfnissen der Zeit auszugestalten, und es ist in ihm der deutschen Sprache ein breiter Raum zu gewähren, damit Geist und Gemüt der Besucher des Gotteshauses Erhebung und Erbauung finde. Der Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt, die Entwickluugsfähigkeir des Judentums anerkennt, dadurch die Schüler mit Liebe zum Judentum erfüllt und sie nicht in Gegensatz zum Elternhause bringt. Es muß der Wiffenschast des Judentums der ihr gebührende Platz und Einfluß eingeräumt werden, damit durch Wort und Schrift die jüdische Religion in ihrer modernen Gestaltung würdig vertreten und verfochten wird. Auf die stärkere Beteiligung der Frau im religiösen und Gemeindeleben ist besonderer Wert zu legen. Zur Vertretung der Interessen des liberalen Judentums und zur Stärkung des liberalen Gedankens ist eine ganz Deutschland umfassende Vereinigung gegründet. Dieser Vereinigung können Einzelpersonen — Männer und _ Frauen — und Vereine beitreten; die bestehenden oder neu zu begründenden liberalen Vereine sollen sich der allgemeinen Vereinigung als Ortsgruppe an schließen. Ihre Zwecke sucht die Liberal- Jüdische Vereinigung zu verwirklichen: 1. durch Errichtung und Unterhaltung einer periodisch wiederkehrenden Zeitschrift, 2. durch Vortrage und ihre Verbreitung, 3. durch Anregung zur Errichtung liberaler Jugendvereine." Nach kurzer Debatte gelangen auch dann die Satzungen, die wir demnächst zum Abdruck bringen werden, zur Annahme. Hieraus folgen die Vorstandswahlen. Nach dem Vorschläge von Dr. Blau- Frankfurt a. M. wird zunächst die Siebener-Kommission so ipso in den Vorstand gewählt und außerdem noch folgende Herren: Professor Ludwig Geiger-Berlin, Justizrat Veit. Simon-Berlin, Albert Landauer-München, Schuldirektor Gombrich-Nürnberg. Max Elb-Dresden, Rechtsanwalt Dr. Moos I Ulm, Stadtrat Hamburger-Karlsruhe, Joseph Lippmann-Hamburg,. Sally Flörsheim-Dortmund, Rechtsanwalt Dr. Loeb-Mainz, Justizrat Wolsf-Lissa, Professor Lassar-Cohn-Königsberg, B. Heidenheim-Cöln. Mit warmen Dankesworten schließt der Vorsitzende nach 2 Uhr die Versammlung, deren Resultate hoffentlich von Bedeutung für die Zukunft sein werden.

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