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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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führen sie in Scharen dem neuen Moloch zu, dem Götzen der Karriere und des charakterlosen Strebertums. Groß und herzzerreißend ist die Not unserer osteuropäischen Glaubensgenossen, aber nicht minder groß . und nicht minder tief empfunden ist die sittliche innere Not der Juden in Deutschland, in ganz.Westeuropa, und mit'banger Sorge erfüllt uns die Frage, wie es in der zweiten und dritten Generation sein wird, wenn nicht etwas geschieht. Als Schlagwort der Judennot gilt der Zionismus, an welchem die jüdische Hoffnung sich emporrankt. In der Tat haben viele Tausende durch ihn ihr der, lorenes Selbstbewußtsein wiedergefuuden, der Zionismus ist zu verstehen als das Suchen der in der Heimat heimatlos gemachten Seele nach einer neuen Heimat. Aber wenn nach Ansicht des Zionismus das Judentum nichts weiter sein soll als eine Rassengemeinschaft, wenn das ganze Ideal desselben die jüdische Nation an sich ist, mag der einzelne Jude empfinden und denken, was und wie er will, wenn um die Judenheit der ganze Kamps und die ganze Frage und nicht um das Judentum geht, dann hat es. für die Welt keinen Wert, wenn noch so ein Völkchen ein kümmerliches Dasein fristet. Dabei bleibt jedoch noch unser inniges Verhältnis zum deutschen Vaterlande außer Betracht. Als ferneres Allheilmittel wird das orthodoxe Judentum angeboten. Den Liberalen wird zum Vorwurf gemacht, daß sie die Altäre des alten Gottesumgestoßen haben, und gesagt, daß durch das Wiederaufbauen der Altäre die Judennot ein Ende haben wird. Das ist aber nicht wahr; hier liegt eine Verwechslung zwischen Ursache und Wirkung vor. Nicht das Reformjudentum ist schuld an der Zersetzung des Judentums, sondern die Zersetzung des Judentums ist schuld an dem Reformjudentum. Haben die deutschen Rabbiner jemals dem orthodoxen Judentum eine einzige Seele abspenstig machen wollen? Das Leben hat alles getan, die mächtige Umwandlung aller Verhältnisse, denen wir uns nicht entziehen können. Wir sind alle unter dem Einfiuß der modernen Zeit andere Menschen geworden. Noch niemals seit seinem Bestände befand sich das Judentum in einer solchen Lage wie heute; es stand noch niemals so mitten eingefügt in den Organismus des Volkslebens. Die beherrschende Macht des Familieneinflusses muß gleichsam eine eiserne Klammer u»u uns schmieden, die keiner sprengen . kann; es muß ein neues soziales Milieu innerhalb unserer Gesellschaft geschaffen werden. Die Orthodoxie kann die Jugend auf die Dauer ni ch t geistig bei sich behalten. Wenn die Abkehr von dem orthodoxen Judentum zugleich die Abkehr vom Judentum wäre, müßte da nicht die Stunde kommen, da das Judentum wie eine verlassene Mutter dasteht, von der sich alle ihre Kinder entfernt haben? Es bleibt nichts anderes übrig: die Mutter muß, wenn sie ihre Kinder lieb hat, den Kindern entgcgenkommen. Das Judentum muß den veränderten Zeitverhnltnissen sich anpassen, es muß der neuen religiösen Weltanschauung Rechnung tragen. Das ist das tragische Verhängnis der Religion. Leidenschaftlich haben ihre Hüter sich jeder neuen Bewegung der Geister widersetzt und haben behauptet, die Religion müsse da stehen bleiben, wo sie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden hingestellt worden ist; sie haben die Religion dazu verurteilt, inmitten aller.der gewaltigen Wandlungen im Denken und Leben der neuen Zeit die alten Vorstellungen und Formen festzuhalten. Darum entspricht der gegenwärtige Stand der Religion nicht den Forderungen der Wissenschaft und des Herzens. Das Judentum muß also liberal sein, sonst wird es nicht sein, das Judentum muß jung sein, sonst wird es die Jugend nicht halten, es muß eine Religion der Gegenwart sein, sonst wird es eine vergangene Religion werden. Wir wollen nicht auflösen, sondern erhalten. Gerade wir. die liberale Partei, die das Judentum erhalten will, wir sind die eminent konservative Partei innerhalb des Judentums. Wir wollen nur mit anderen Mitteln das Judentum für die Zukunft erhalten. Wir wollen keine fremden Religionsforderungen nachäffen, wir wollen den geschichtlichen Boden nicht verlassen, wir wollen nicht aus Assimilationsfreude oder aus Emanzipationssucht irgend etwas tun oder lassen oder ändern. Der wahre Liberalismus ist es, den wir in die Massen hineintragen wollen, der geboren ist aus der gewaltigen, unbezwingbaren Sehnsucht des Herzens nach persönlicher Religion, nach einer Religion, wie sie einst in den Herzen derer lebte, die unsere Psalmen gesungen haben, derer, die wir als unsere Propheten, als die gewaltigen Genien und Schöpfer der ewigen Menschheitsreligion verehren. Die alten Formen sprechen zum Teil nicht mehr zu unserer Seele, sie regen nicht mehr die schlummernden Gefühleunserer Seele an. Das alte hebräische Gebet ist für diejenigen, die es nicht verstehen, trotz aller Mystik und Romantik, die wir hineinlegen können, Lippenwerk und - nicht Herzenssache.: Wir, können es nicht durchsetzen, daß unsere Jugend soviel Hebräisch lernt, daß sie auf die Dauer einem fast rein hebräischen Gottesdienst folgen kann. Aus. unserem liberalen Prinzip heraus können wir nicht zugeben, daß das Hauptgewicht des Judentums auf veraltete Vorschriften und Gebräuche, auf abgestorbene Sitten gelegt wird. Wir verlangen, daß der Gottesdienst so gestaltet werde, daß wir imstande sind, die Jugend auf die Dauer für den Gottesdienst zu fesseln, damit unsere Jugend und unser Alter Erhebung und Erbauung, Befriedigung ihrer persönlichen religiösen Bedürfnisse dort findet. Auch unsere häuslichen religiösen Familienfeiern müssen eine Umgestaltung im modernen Geist erfahren, wenn sie die alte Wirkung wiedergewinnen sollen. Der Religionsunterricht in der Schule, unser.Streben nach Verinnerlichung und Vertiefung des Judentums durch - intensive Pflege der jüdischen Wissenschaft, unser Streben, die jüdische Frau und das jüdische Mädchen dem religiösen Leben wiederzugewinnen, alles ist in erster Linie getragen und geleitet von dem religiösen Gegenwartsbedürfnis. Die Kluft zwischen dem historisch überlieferten Judentum und der persönlichen inneren Freiheit, die Kluft zwischen den Formen und dem Bedürfnis, unserem inneren Empfinden äußeren Ausdruck zu verleihen, muß überbrückt werden, indem wir das Judentum an uns heranziehen, mit unserer Liebe wieder lebendig machen. Wir müssen das Judentum in seinen Institutionen so umgestalten, daß es uns wieder Herzensreligion, Gegenwartsreligion werden kann. Aus unserer Sehnsucht nach mehr Religion nehmen wir die Berechtigung zu reformieren. Wer das Leben will, darf sich nicht vom Toten beherrschen lassen. Das ist der Gedanke des religiösen Liberalismus, das ist seine Berechtigung. Nach einigen kurzen Erläuterungen zum Programmentwurf schließt der Redner sein mit großem Beifall anfgenommenes Referat ebenfalls mit der Bitte, persönliche Wünsche um des Gelingens des Ganzen zurückzustellen; ein Programm, das jeden gefalle, sei eine Unmöglichkeit zu schaffen, das Programm sei aber kein Dogma, das auf alle Zukunft den einzelnen festlegen wolle. — Rechtsanwalt Dr. Blau-Frankfurt a. M. befürwortete alsdann die Annahme folgender von der Siebener-KomvMwn noch vorgeschlagenen Resolution: „Der religiöse Liberalismus im Judentum entnimmt seine Berechtigung aus dem Wesen des Judentums und seiner geschichtlichen Entwicklung und stellt somit neben der Orthodoxie einen vollberechtigten Faktor im Leben der deutschen Juden dar. Wie der religiöse Liberalismus das Selbstbestimmungsrecht der Orthodoxie in ihren religiösen Angelegenheiten anerkennt und jeden Gewissenszwang verwirft, so verlangt er das gleiche Recht und die gleiche Freiheit für sich. Die Anerkennung dieser Grundsätze bildet die unverrückbare Grundlage eines friedlichen und gedeihlichen Zusammenwirkens innerhalb der Gemeinde. Unser Programm enthält die Forderungen, die der jüdische Liberalismus für sich aufstellt und im Gemeindeleben betätigen will; dem liberalen Prinzip der Gewissensfreiheit entsprechend, wird bei seiner Durchführung den lokalen Verhältnissen Rechnung zu tragen sein. * Unter Berücksichtigung dieser Erklärung empfiehlt sich die unveränderte Annahme des Programms." Der Redner fügt hinzu, daß die Existenzberechtigung des religiösen Liberalismus festgestellt werden müsse gegenüber dem Jndifferentismus, der die Religion überhaupt, und die jüdische Religion insbesondere, nicht als Lebensmacht anerkennt, und vor allem gegenüber der Orthodoxie, welche die liberalen Juden gerade noch als Juden betrachtet. Ihr gegenüber müsse das Selbstbestimmungsrecht des Liberalismus, der im deutschen Judentum die Majorität bilde, gewahrt werden, unter sorgsamer Berücksichtigung einzelner lokaler Wünsche. In der hieran anschließenden Generaldebatte gestand zunächst Dr. med. I. Kastan-Verlin zu, in seinen mannigfachen Bedenken durch die bisherigen Reden nicht geschwächt worden zu sein. Er bestritt vor allem die Kompetenz der Versammlung, über die

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