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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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Die Berechtigung des Liberalismus ist durch die Geschichte dargetan, wofür sich in unseren Traditionsschriften zahlreiche Belege finden. Jederzeit hat man verstanden, einen Ausgleich, herbeizuführen zwischen Religion und dem Zeitbewnßtseinzwischen dem Glauben und Wissen. Auch die heutigen Orthodoxen haben manches abgelegt, woran sie . für alle Zeit festzuhalten früher behauptet hatten, auch sie haben manches akzeptiert, wogegen' sie sich lange Zeit gesträubt haben. Besteht nicht ein gewaltiger Unterschied zwischen den deutschen Orthodoxen und den russischen und polnischen Orthodoxen? Wer die Entwicklungsfähigkeit des Judentums leugnet oder für die Gegenwart nicht gelten lassen will, der muß sich zu dem mittelalterlichen Ghettojudentnm bekennen, oder er begeht fortwährend eine Inkonsequenz und stellt durch sein Verhalten einen Widerspruch mit seiner eigenen Theorie her. Von dem Augenblick an, da die deutschen Juden zu der Beteiligung am öffentlichen Leben und der Kultur der deutschen Nation, von welcher sie jahrhundertelang ausgeschlossen waren, zugelassen wurden, hat sich auch in ihren religiösen Anschauungen eine Umwandlung vollzogen, die ja naturgemäß auch bei der Einrichtung der religiösen Institutionen berücksichtigt werden mußte. Das haben die führenden Geister des vorigen Jahrhunderts voll erkannt, und sie waren redlich bestrebt, der jüdischen Religion zunächst im Kultus eine moderne Form zu geben, dafür zu sorgen, daß die Bedürsnisie des Geistes und des Gemüts im Gottesdienste befriedigt wurden. Inden Rabbinerversammlungen istmit wissenschaftlichem Ernste und unter sorgfältiger Erwägung aller Umstände über die Zulässigkeit und das Maß von Reformen beraten worden, und manche dieser Reformen sind zum Teil unter heftigen Kümpfen eingeführt worden. Es stellte sich aber bald heraus, daß die Priester die Schäden am Religionsgebäude Israels allein nicht heilen können, daß vielmehr die Beteiligung des sogenannten Laienelementes notwendig war, wenn die religiösen freiheitlichen Bestrebungen von der grauen Theorie in die Praxis herübergesührt werden sollen. Die Hoffnung, durch Synoden, in denen Rabbiner und Laien gemeinschaftlich berieten, das Interesse des großen Publikums wachzurufen und die Beteiligung am religiösen Leben schöner und heilsamer auszngestalten, hat sich nicht verwirklicht. Der greifbare Erfolg der Synoden in Leipzig (1S69j und in Augsburg (1871) ist nur ein geringer gewesen, der Boden war ja hierfür noch nicht genügend vorbereitet.' Dieser Mißerfolg in Verbindung mit der der liberalen Entwicklung wenig günstigen Zeitströmung und mit der materialistischen Richtung anderseits hat dann von einer eifrigen Förderung des liberalen Gedankens abgeschreckt. und eiw bedauerlicher Niedergang des Liberalismus war, wie auf politischem Gebiet, so auch auf religiösem Gebiet die Signatur, der kommenden Zeit. Dazu kam, daß wir uns gegen die Angriffe des .Antisemitismus zu wehren hatten, daß unsere staatsbürgerlichen Rechte bedroht waren, so daß vor allem Einigkeit nach außen uns not tat. Freilich hat die Orthodoxie auch in diesen schweren Zeiten ihre Sonderbestrebungen eifrig verfolgt, zum Teil, wie beim preußischen Volksschulunterhaltungsgesetz, zum Schaden der Gesamtheit; sie hat es kräftig verstanden, ihre Position zu befestigen, ihre Reihen zu schließen, sich zu einer großen Vereinigung zusammenzutun und trotz ihrer Minderzahl Ton und Richtung anzugeben. Es waren allerdings nur Pyrrhussiege, die sie davongetragen hat. Denu auch in ihrem eigenen Lager hat die Gleichgültigkeit, ja der förmliche Abfall große Verheerungen angerichtet, und es läßt sich statistisch beweisen, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil von Abtrünnigen aus orthodoxen Familien hervorgegangen ist. Uns Liberalen, die wir das Auge auf das Ganze richten, die wir die Ueberzeugung in uns tragen, daß nur eine auf fortschrittlicher Grundlage sich vollziehende Entwicklung des Judentums zum Heile führt, daß nur eine solche imstande ist, die Jugend für die erhabenen Lehren des Judentums zu begeistern, uns liegt die heilige Pflicht jetzt ob, dafür zu sorgen, daß die Entwicklung nicht länger hinausgeschoben wird, dahin zu wirken, daß der Versumpfung des religiösen Lebens vorgebeugt wird. Denn die Zukunft des Liberalismus, darüber kann sich niemand täuschen, der klar in die Verhältnisse blickt, ist die Zukunft des Judentums. Es geht ja gottlob wieder ein religiöser Zug durch die Welt. Die Herrschaft des krassen Materialismus ist, wenn auch nicht im Schwinden, so doch in der Abnahme begriffen. In allen Konfessionen dringt mehr und mehr die Erkenntnis durch,- daß die Religion ein unentbehrlicher Faktor, eine geistige Macht ist. die ihr Anrecht an den Menschen geltend macht. Nutzen wir die sich uns darbietende Gelegenheit, treten wir mutig und entschlossen, pietätvoll und unter schonender Berück? sichtigung des geschichtlich Gewordenen der vielfach verbreiteten irrigen Ansicht entgegen, als ob das Wesen des Judentums ausschließlich in seinen Zeremonien, in den abgestorbenen Formen bestehe, als ob gar Frömmigkeit und religiöser Fortschritt Gegensätze seien. Hüten wir uns bei aller Pietät, die wir im Herzen tragen und betätigen wollen, vor der falschen Pietät, die nur Totenkränze windet, aber für die Lebenden keine Blumen hat. die nur die Vorfahren kennt und nicht bedenkt, daß auch Enkel nach uns kommen, die. nur in die Vergangenheit blickt und das Recht der Gegenwart mißachtet. Trösten wir uns auch nicht mit dem öfter geäußerten Gedanken, daß dasjenige, was sich überlebt hat, von selbst ohne unser Hinzutun ausgeschieden wird. Die eminente Gefahr ist vorhanden, daß auch viel Gutes, viel Lebenskräftiges mit dem Untergang geweiht ist, lassen wir uns vor allem nicht durch die Friedensliebe davon zurückhalten, die bessernde Hand an die Schäden zu legen, allüberall, wo sich solche Schäden zeigen. Es liegt uns völlig fern, in das Gebiet der Orthodoxie einzubrechen, den Besitzstand der Konservativen wollen wir unangetastet lassen. Liberal und intolerant reimt sich nicht zusammen. Aber wirverlangen auch für uns das volle Recht und die uneingeschränkte Freiheit, unserer religiösen Ueberzeugung kräftigen Ausdruck zu verleihen, wir verlangen das 'Uecht. unsere religiösen Institutionen so auszugestalten, daß sie ihren Zweck erfüllen, daß sie wahrhaft fromme Gedanken in uns erzeugen. Dem religiösen Liberalismus muß in der deutschen Judenheit die Stellung gewahrt oder vielmehr erobert werden, die ihm, abgesehen von der großen Zahl seiner Anhänger, wegen seiner geistigen Bedeutung zukommt. Das ist nur möglich, wenn ihm eine feste Organisation gegeben wird, wenn an Stelle der bisherigen Zersplitterung eine möglichst alle. Kräfte zusammenfassende Vereinigung tritt. Die Gewissensfreiheit und die Freiheit in der Ausübung der Religion soll durch unsere Vereinigung nicht verschränkt werden. Keine Gemeinde soll von ihrem Selbstbestimmungsrecht auch nur das allergeringste einbüßen. Wir wissen sehr wohl, daß lokale Verhältnisse berücksichtigt, daß gewisse Ueberlieferungen und Sitten respektiert werden müssen. Wir verlangen auch nicht, daß über alle religiösen Fragen Uebernnstimmung herrschen. Das ist auch gar nicht nötig, denn im Wesen des Liberalismus liegt ja schon diese Freiheit. Nur über die Grundprinzipien muß eine Einigung erzielt werden, sie müssen in einem Programm, das gleichsam die Verfassung unserer Vereinigung ist, festgelegt und zu.klarem, präzisem Ausdruck gebracht werden. Dieser Mühe, ein solches Programm zu entwerfen, haben wir uns unterzogen. Es war eine mühsame, langwierige Arbeit, jeden Satz und jedes einzelne Wort haben wir uns sorgsam überlegt. Ob es uns gelungen ist, die mittlere Linie innezuhalten, auf der die mehr nach rechts oder mehr nach links sich Neigenden sich bewegen können,. hat die heutige Versammlung zu entscheiden. Ein Opfer des Intellekts, ein Opfer der religiösen Ueberzeugung wird in dem Programmentwurf keinem liberal Denkenden zugemutet, aber auf das eine Opfer, das stets gebracht werden muß, wenn ein. großes Werk zustande kommen soll, daß man feine persönlichen Wünsche auf dem Altar der Gemeinsamkeit niederlegt, auf dieses Opfer kann nicht verzichtet werden. Möge aus der Opferstamme der Gott wohlgefällige Duft der Wahrheit und des Friedens emporsteigen zum Heile für Israel, zum Segen für uns und unsere Nach kommen. (Lebhafter, allseitiger Beifall.) In einer ebenfalls groß angelegten Rede besprach alsdann der zweite Referent Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt a. M^ die Motive, aus denen heraus die Bewegung geboren ist, und erläuterte kurz die einzelnen Punkte des Progrämmentwurfs. Jedes neue, was geschaffen werden soll, so führte etwa der Redner aus, geht aus einer Unzufriedenheit mit dem Bestehenden hervor. In der Tat leidet die westeuropäische Judenheit an ihrem Judentum. Von außen Haß und Verachtung, von innen Kraftlosigkeit und Zwecklosigkeit. Die Symptome der Dekadenz sind in ihren niederdrückendsten Formen zutage getreten. In jedem Jahre haben seit den letzten Jahrzehnten in den großen Städten 400—500 den Glauben ihrer Väter verlassen, und ihre unmündigen Kinder

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