Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
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Lichen Bundestage zur ^Beschlußfassung vorzulegen. Man kann dieser OrganisationsarbeiL der Juden Oesterreichs nur das beste Gedeihen wünschen. Um so lebhafter aber muß man die Zustände jenseits der Leitha beklagen. Auch dort steht der Feind vor den Toren. Die Juden aber wollen sich leider nicht einigen und zersplittern sich in unfruchtbaren Kämpfen, ohne die Zeichen der Zeit zu beachten. Ein solches. Zeichen ist sicher auch der folgende Vorgang: ' Budapest, 30. April. Der bisherige Verlauf des vom früheren Iustizminister Polonyi -gegen den Abgeordneten Lengyel angestrengten Verleumdungsprozesses zieht immer weitere Kreise und beginnt eine für Polonyi recht unangenehme Wendung zu nehmen. Sensationell gestaltete sich gestern mittag die Aussage des eigens von Wiesbaden hierher geeilten Abgeordneten Paul Sandor, der unter Eid ausfagte, daß Polonyi, der damals Justizminister war, einen Vertrauensmann zu ihm sandte mit dem Aufträge, ihm binnen 24 Stunden jene Fälle mitzuteilen, welche der verstorbene Bürgermeister Haimos gegen ihn, Polonyi, als Stadtrepräsentant Vorbringen wollte. Sollte er eine Auskunft nicht erhalten, dann werde er dafür Sorge tragen, daß im ganzen Lande eine blutige Judenverfolgung veranstaltet werde. Diese Aussage, welche Sensation verursachte, versuchte Polonyi zu entkräften, was ihm jedoch nicht gelang. ( Möchten doch auch die Juden Ungarns endlich dem Bei-' spiel ihrer cisleithanischen Brüder folgen! & In der russischen Dumakommission für die Landesverteidigung hat für die äußerste Rechte der Abgeordnete Krupenski den Antrag eingebracht, die Juden vom Militärdienst auszuschließen und ihnen dafür bestimmte finanzielle Lasten aufzuerlegen. Die russischen Juden erblicken mit Recht in diesem Versuch der Reaktionäre den ersten Schritt' zur völligen Entrechtung der Juden in Rußland und wehren sich mit allen Mitteln dagegen. Auch die gemäßigte Partei erklärte sich durch ihren Führer Wladimir Vobrinski für den Antrag, aber gegen die finanzielle Belastung als Ablösung der Wehrpflicht. Da die Opposition in dieser Kommission nicht vertreten ist und die Oktobristen sowie die Regierungsvertreter es nicht für nötig fanden, gegen diesen unerhörten Antrag Stellung zu nehmen, so bleibt nur die Möglichkeit, .im Plenum der Duma dagegen auszutreten, zumal der Abgeordnete Purischkewitsch bereits einen solchen Antrag eingebracht hat, wonach Juden von der Pflicht des Militärdienstes befreit und dafür mit Kopfsteuer von zehn Rubel belegt werden sollen. Die Opposition gedenkt bei dieser Gelegenheit die Tatsache hervorzuheben, daß im letzten Kriege in Ostasien über fünfzigtausend jüdische Soldaten tapfer gekämpft haben, ungerechnet die große Zahl jüdischer Aerzte. Dir Vrrriiligung für öaa liberale Judentum in Deutschland. 3. Berlin, 3. Mai. ine ansehnliche Schar, weit über 200 Männer aus allen Teilen des deutschen Vaterlandes, hatten sich im Saale des hiesigen Architektenhauses heute vormittag eingefunden, um an der konstituierenden Versammlung der Liberalen Jüdischen Vereinigung teilzunehmen. Den Vorstand der heutiger Versammlung bildeten die Mitglieder der Siebener-Kommission, welche den Wortlaut des Aufrufs und des Programms in einer Vorsitzung festgestellt hatten: die Herren Justizrat Bernhard Breslauer-Berlin als Vorsitzender, ferner Dr. med. A. Baerwald - Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Freudenthal-Nürnberg, Dr. med. Carl Reich-Breslau, Prof. Dr. M. Schaefer-Verlin, Rabbiner Dr. C. Seligmann-r Frankfurt a. M. und Rabbiner Dr. H. Vogelstein-Stettin. Kurz nach 10 Uhr wurde die Versammlung durch Zustizrat Breslauer eröffnet. Namens des „Liberalen Vereins -für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" begrüßte Professor Dr. Siegmund Blaschke die Erschienenen in kurzen, herzlichen Worten. Erstellte mit Nachdruck die Forderung des Liberalismus auf, daß Lehre und Leben sich entsprechen müssen, daß alle die religiösen Vorschriften, die von dauernder Kraft auf das Judentum sein sollen, im innigsten Zusammenhang stehen müssen mit unseren! Leben, und unser Leben im innigsten Zusammenhang mit unserer Lehre. Die Aufgabe der neuen Vereinigung glaubt er in den Worten des Propheten zu sehen: „Du wirst ausroden, du wirst niederreißen, du wirst bauen und du wirst pflanzen!" Der Vorsitzende teilte alsdann geschäftlich mit, daß Aufruf und Programm an2000 deutsche' Juden versandt worden sind. Das Resultat ist ein erfreuliches. Bereits 564 sind der Vereinigung als Mitglieder fest beigetreten, acht Herren haben sich den Anschluß noch' Vorbehalten. Unter diesen Mitgliedern befinden sich 56 liberale Rabbiner. Zur heutigen Versammlung sind über 200 Mitglieder angemeldet, darunter 34 Rabbiner. Die Versendung des Ausrufs über Deutschland hat einen guten Erfolg gehabt. Von überallher sind der Siebener-KommissionDankschreibenzugegangen, von überallher klang es wie ein. Aufatmen, daß man bereit ist, aus aller Kraft an dem Werke mitzuarbeiten. Insbesondere sind ans den Mittelstädten und kleineren Gemeinden Zustimmungsschreiben eingegangen. In Hamburg hat sich bereits infolge des Aufrufs ein liberaler Verein gegründet, der als Ortsgruppe für die neue Vereinigung tätig sein will. Alsdann nahm als erster Referent Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin das Wort. Er gab zunächst der innigen Dankbarkeit gegen Gott, dessen Gnade uns diesen Tag hat erleben lassen, feierlichen Ausdruck und sprach den Wunsch aus, daß die Hoffnung, mit der wir diesen Tag begrüßen, sich zum Heile des Juden tums und zur Kräftigung des religiösen Gedankens verwirklichen möge. Diese Versammlung'liefert den sprechenden Beweis, daß auch in der Gegenwart, die auf religiösem Gebiets so manche tiefbetrübende Erscheinung gezeitigt hat, sich das alte Wort noch bewährt: Israel ist nicht verwaist. Seine urwüchsige Kraft, wenn auch eine Zeitlang niedergehalten, überwindet schließlich alle Schwierigkeiten und Hinderniffe. Unsere altehrwürdige und doch ewig jugendfrische Religion, die uns lehrt, unter dem Banner des. Gottesglaubens nach dem höchsten Menschentum zu streben, unsere Religion besitzt Gott sei Dank auch in unseren Tagen noch Kraft, sie übt noch Einfluß auf den Geist und das Gemüt vieler Tausende und hat in manchen von ihnen den lebhaften Wunsch wachgerufen, die nach vielen Tausenden zählenden Gleichgültigen wieder dem religiösen Leben zu gewinnen, sie zu begeistern für' die Ziele des Judentums und die Zukunft desselben gegen die ihm drohenden Gefahren sicherzustellen. Denn daß dunkle Wetterwolken an dem Horizonte des Judentums aufgezogen sind, ja teilweise sich entladen und furchtbare Verheerungen angerichtet haben, dieser Erkenntnis kann sich niemand entziehen. Es ist nicht sowohl der Antisemitismus, der unsere Kraft schwächt, als vielmehr der viel gefährlichere innere Feind, der Jndifferentismus, der mit allen zu Gebote stehenden Mitteln bekämpft werden muß, wenn wir mit' Seelenruhe und mit froher Zuversicht in die Zukunft blicken, wenn wir unser heiliges Erbe der treuen Hut unserer Kinder und Kindeskinder anvertraut wissen wollen. Diesen Kampf kann die Orthodoxie mit Aussicht auf- Erfolg nicht führen, da ja gerade der Widerspruch zwischen Lehre und Leben durch die starren Formen hervorgerufen wird. Der Liberalismus allein, der streng scheidet zwischen Kern und Schale, der die ewigen Wahrheiten, den ewigen Gehalt und die wechselnden Formen unserer Religion sorgfältig auseinanderhält, der die Pietät gegen das von der Vergangenheit uns Ueberlieserte mit der wohlwollenden Berücksichtigung des von der Gegenwart Geforderten zu vereinbaren sich bemüht und der vor allem die Entwicklungsfähigkeit des Judentums als obersten Grundsatz verkündet, er kann, wenn er die richtigen Bahnen wandelt, wenn er sich vom umstürzlerischen Radikalismus und von Inkonsequenz gleich weit entfernt hält, sich der Hoffnung hingeben, von den schon halb und halb zu den Verlorenen Zählenden wenigstens einen Teil znrückzuerobernunddemWeiterumsichgreifendesJndisferentismusEinhaltzutun