Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · p. Seite 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228818--64488-3276554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Und noch durch einen dritten Vorfall sind wir an eine - frühere Beschuldigung der Juden erinnert worden, an die Beschuldigung, daß sie die Brunnen vergiften, um das Volk zu töten. Weil in Frankreich einige jüdische Gauner gesundheitlich schädliches Fleisch aufgekauft und an Garnisonen geliefert haben, hat in Berlin, der deutschen Reichshauptstadt, ein antisemitisches Blatt die unglaubliche Kühnheit, folgendes zu schreiben: „Das Kapitel „Juden als Seuchenverbreiter" hat durch diesen geradezu beispiellosen Skandal, über den unsere freisinnige Presse sich merkwürdigerweise ganz ausschweigt oder mit kurzen Notizen begnügt, eine neue Bestätigung erhalten." Im erleuchteten Mittelalter war der Menschenverstand nicht gesund genug, zu begreifen, daß die Brnnnenvergistung den Juden ja auch geschadet haben müßte, und so wird man es verstehen, daß der Menschenverstand antisemitischer Redakteure von heute sich nicht daran stößt, daß, da ja in der französischen Armee doch auch Juden dienen, Juden gleichfalls durch die schändlichen jüdischen Armeelieferanten zu Schaden kommen konnten und sich über die Vergifter der Armee zu beklagen Grund hatten. Mit dem Judentum hat also die Lieferung gesundheitschädlichen Fleisches an die Garnisonen nicht das geringste zu tun. Juden und Freisinnige werden ganz so gern und eifrig dabei sein, damit den gewissenlosen Lieferanten ein möglichst ordentlicher Denkzettel verabfolgt werde, wie jene Herren, die, indem sie über die physische Vergiftung einiger östlicher französischer Garnisonen Tränen vergießen, ganz außer acht lassen, daß sie mit ihrer Verdrehung die Seelen ihrer deutschen Leser vergiften. Aber noch anderes vergessen diese Leute. So zum Beispiel, daß in Berlin auch schon, und nicht, von Juden, gründlich verseuchtes und von zuständiger Seite als zu menschlicher Nahrung ungeeignet zurückgewiesenes Fleisch in den Handel gebracht worden ist. Ferner haben sie die schönen russischen Armeelieferantengeschichten ganz vergessen, in welchen sogar Großfürsten eine Rolle spielen oder die amerikanischen Fleischskandale und dergleichen mehr. Wenn sie sich einmal entschließen sollten, ganze Bände über das Thema „Juden als Militärlieferanten" zu schreiben, werden sie hoffentlich auch nicht unterlassen, dazu zu bemerken, wie viel Nicht-Juden bei Armeelieferungen eine mindestens ebenbürtige Gewissenlosigkeit an den Tag gelegt haben. Wie viele Tränen, welche Ströme Blut, wie viele tausende Leben haben nicht die drei Beschuldigungen: Ritnalmord, Hostienschändung und Brunnenvergiftung den Juden im Laufe der Jahrhunderte gekostet! Alle drei grundlose, ganz und gar erdichtete Beschuldigungen, die bei dem geringsten Nachdenken selbst von kleinen Geistern als erstunken und erlogen hätten erkannt werden müssen. Und doch ist es noch nach Jahrhunderten in der deutschen Reichshauptstadt möglich, daß bei einem um die Passahzeit vorgekommenen Knabenmord es Leute gibt, die die Behörden auf einen jüdischen Ritualmord Hinweisen können, ist es noch nach Jahrhunderten möglich, daß man an eine jüdische Hostienschändung unter besonders erschwerenden Umständen denken kann, ist es möglich, daß ein Berliner Blatt schreiben kann: Das Kapitel „Juden als Seuchenverbreiter" hat eine neue Bestätigung erhalten. Wenn der menschliche Geist im Laufe der Jahrhunderte Fortschritte gemacht hat, dann ist es sicher unter vollständigem Ausschluß aller dieser Kreise geschehen, oder aber, da wir an einen Stillstand, an einen solchen Stillstand nicht glauben können, welche Fortschritte muß die menschliche Bosheit gemacht haben! Selbst die gescheiteren Leute im Mittelalter mögen immer noch in gutem Glauben gehandelt haben, ' wie jenes Mütterlein, das noch einige 'Holzspäne aus den Scheiterhaufen von Johann Huß legte, in „sanota simpliostate" gehandelt hat; aber in unserem Jahrhundert nach den mannigfachen Fortschritten auf religiösem und historischem Gebiete ist eine bonaüäes undenkbar; die antisemitischen Hetzer bringen so viel, das heißt so wenig Intellekt als sie haben, ihrem traurigen und leider nicht ganz erfolglosen Hetzgeschäft zum Opfer. Und das ist der Unterschied von Mittelalter und Neuzeit! Bit Woche. / Berlin, 4. Mai. Zusammenschluß der liberalen Elemente innerhalb der deutschen Judenheit ist seit gestern zur erfreulichen Tatsache geworden. Wenn irgend etwas die Notwendigkeit eines solchen Zusammenschlusses, die wir seit Jahren, betont haben, erweisen würde, so wären es die häßlichen Angriffe, die die Orthodoxie gegen eine solche liberale Vereinigung I schon vor der Begründung derselben zu richten für notwendig erachtet hatte. Wie die Not der Zeit die Männer des freien Gedankens aus allen Gebieten geistigen und Politischen Lebens zusammengeführt, so hat auch die Erkenntnis der Gefahren, die dem modernen fortschrittlichen Judentum in dieser Reaktionsära drohen, zum Zusammenschluß der freisinnigen Elemente, die ja doch die weit überwiegende Mehrheit unter den deutschen Juden bilden, mit innerer Naturnotwendigkeit führen müssen. Man darf den wackeren Männern herzlichen. Dank sagen, die nunmehr das Werk ins Leben gerufen haben,, und man darf die Hoffnung daran knüpfen, daß zu der großem Schar, die sich bereits um die neue Vereinigung gesammelt., bald alle sich gesellen werden, die für eine fortschrittliche Entwicklung des Judentums Interesse und Teilnahme haben. Der Gedanke dieser Entwicklung ist ja der wichtigste Moment in der ganzen Sache. Mag mancher mit Aufruf, Programm oder Resolution im Ganzen oder Einzelnen weniger einverstanden sein — die Hauptsache bleibt der Gedanke, daß die Idee der Reform und des Fortschritts innerhalb des deutschen Judentums wieder eine Stätte hat, von der aus für die Verbreitung jener Idee eifrig wird gewirkt werden. Gegenüber der Bedeutung dieser Tatsache treten alle übrigen Momente zurück, müssen alle Bedenken schweigen, muß jeder, dem die Zukunft des deutschen Judentums wirklich am Herzen liegt, die neue Vereinigung willkommen heißen. Soeben haben zwei für unsere Angelegenheiten bedeutsame Hauptversammlungen stattgesunden. Die eine zeigte wie unsere politisch organisierten Todfeinde wieder rührig an der Arbeit sind. Im „Volksheim" (einer auf Volksbildung und Volksaufklärung berechneten Gründung!) zu Leipzig tagte der 12. Parteitag der „Deutschen Re form Part ei" als diesjährige Heerschau. Zum Begrüßüngsabend hatten sich zahlreiche Delegierte aus dem Reiche, besonders aus Sachsen und Hessen, eingefunden. Die sechs Reichstagsabgeordneten der Partei sowie die Vertreter in den Landtagen waren fast vollzählig erschienen. Die Verhandlungen leitete der Reichstags- und sächsische- Landtagsabgeordnete Oswald Zinrmermann. Derselbe Mann, der früher als römisch-katholisch die Stimmen der vereinzelten Wähler dieses Bekenntnisses zu gewinnen suchte, neuerdings als „altkatholisch" auf die scharfe antirömische Propaganda im Königreich Sachsen, insbesondere in den Erzgebirg-Distrikten spekuliert, derselbe, welcher in seinen eigenen Lebensabrissen schämig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.