Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228818--64487-3276553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 8. Mai 1008. 27. Jahrgangr Nr.l9. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteh'ährl. 3 M. Redakteur: Gustav Aarxeles. Begründet von Rabbiner D»> Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen fär Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Wir im Mitteiaitrr. Berlin, 5. Mai. enn man in den letzten Wochen die Tagesblätter aufmerksam durchgelesen, danu ist wohl manchem von uns der Seufzer entschlüpft: Genau wie im Mittelalter! DennRitualmord, Hostienschändung und Brunnenvergiftung nehmen wieder das öffentliche Interesse in Anspruch, als lebten wir tatsächlich im sechzehnten Jahrhundert. Wir haben schon in unserer letzten Nummer darauf hingewiesen, daß man in der Metropole der Intelligenz den scheußlichen Knabenmord kurz vor Ostern mit einem Ritualmord in Verbindung zu bringen gewagt hat. Nun ist aber nicht ein Christenkind, sondern.ein jüdischer Knabe ermordet worden. Da konnte natürlich selbst bei den zurückgebliebensten Antisemiten von einem Ritualmord nicht die Rede sein. Es war ein Glück, daß noch rechtzeitig und ungewöhnlich schnell die Zugehörigkeit des Ermordeten zur jüdischen Bevölkerung hat festgestellt werden können, obgleich der Mörder mit ebenso großer Brutalität wie teuflischer Ueberlegung die Leiche so zerstückelt hatte, daß eine Feststellung der Persönlichkeit kaum möglich schien. Gesichtshaut, Augen, Haare usw. waren von dem Mörder entfernt worden. Die Juden haben daher der Berliner Polizei besonders dankbar zu sein, denn sonst hätten die Antisemiten unter Hinweis auf das bevorstehende Passahsest genau so .wie vor einigen Jahren in dem Rußland benachbarten Könitz oder wie im finsteren Mittelalter nicht eher geruht, als bis das Ritualmordgeschrei durch ganz Deutschland hallte. Aber ein süßer Trost ist den Antisemiten geblieben. Der ermordete Knabe diente einem abscheulichen Laster. Ein"antisemitisches Blatt weist darauf hin, „daß das jüdische Milieu von der liederlichsten Seite aus beleuchtet werde". Zwischen dem Sohn, der fortwährend aus der Lehre laufe, und dem von Ungarn her eingewanderten Vater, der charakteristischerweise Kassierer eines Abzahlungsgeschäftes sei, bestehe keine Spur von Vertrauen. Der Vater vermisse den ermordeten Sproß gar nicht. Dieser wate im Sumpfe des Berliner Nachtlebens, bis er einer Bestie in die Hände fällt. Der Mörder ist mit. dem einen Worte'„Bestie" abgetan. Der ganze Artikel aber , macht den Eindruck, als wenn der Hauptschuldige der minderjährige jüdische Schneiderlehrling wäre. Es ist wohl keinem Juden jemals auch nur entfernt im Traume eingefallen, von manchen in der letzten Zeit vielgenannten adeligen Herren Rückschlüsse zu. machen auf das Christentum oder das Deutschtum. Dennoch wird jeder wohl zugeben, daß diese weit mehr als Repräsentanten der deutschen Nation angesehen werden könnten wie der minderjährige jüdische.Schneiderlehrling aus Ungarn als Vertreter des Judentums und der Judenheit. Den in Könitz ermordeten Gymnasiasten, der ein unsittliches Leben geführt haben soll, obwohl er seiner Herkunft und seiner Bildung nach eine andere Lebensweise hätte führen müssen, machten die Antisemiten zu einem Heros; auf den jüdischen Schneiderlehrling aber, der in seiner Armut ein Opfer lasterhafter Verführer werden konnte, wirft man ohne weiteres Steine, die gleichzeitig die ganze Judenschaft treffen sollen. Man sieht das Verhältnis zwischen dem jüdischen Vater und dem ermordeten Sohn anscheinend als besonders charakteristisch an, sollte doch aber wissen, wie nur zuoft in Berlin nichtjüdische Eltern ihre Kinder nicht vermissen, die viel länger ihnen davongelausen sind. Doch genug davon. Der Knabenmord in Berlin hat nur wieder einmal gezeigt, was alles heute noch möglich ist. Leider aber sind wir nicht durch diesen allein an alte Zeiten erinnert worden.. Der Vorfall 'in der Sixtinischen Kapelle, wo eine jüdische Dame, die irrtümlich mit ihrer Schwester und ihrem Schwager unter die Reihen der zur Kommunion Gekommenen geraten war, vom Papst die Hostie bekam und diese wieder hat fallen lassen, ist bemerkenswert, weil er als ein Sakrileg in die Welt hinaus geschrien wurde. Man hat es wirklich in österreichischen Professorenkreisen fertig gebracht, dem Kollegen öffentlich eine Rüge zu erteilen, man hat ihn sogar seines Lehramts enthoben. Es ist dies jedenfalls nur eine Konzession an die antisemitisch durchseuchte öffentliche Meinung Wiens. Daß man aber heute in einer europäischen Großstadt so hirnverbrannt sein kann, anzunehmen, ein jüdischer Gelehrter werde sich mit Damen in die Sixtinische Kapelle begeben, um angesichts des Papstes etwa absichtlich die Hostie zu schünden, übersteigt das Vorstellungsvermögen eines normal denkenden Menschen. Es kann sich doch eben nur um einen bedauerlichen Unglücksfall handeln, um eine beklagenswerte Folge eines einmal stattgefundenen Irrtums. Wir begreifen sehr wohl, daß der Fall von allen Seiten bedauert wird, und wahrscheinlich von keiner mehr als von dem Manne, der für den Fehler der Schwägerin verantwortlich gemacht wird. Wir begreifen, daß infolge des. Unfalles eine Entsühnung der Kapelle stattfindet; was wir aber nicht begreifen, ist, daß eine absichtliche Hostienschändung vermutet wird, denn nur in solchem Falle wären der Lärm und die schwere Bestrafung des obendrein nur - indirekt Beteiligten zu verstehen. Indessen werden wir, nachdem wir gesehen, wie man im zwanzigsten Jahrhundert einen Jrröen bestraft, der die Hostie nicht geschändet hat, weil seine Schwägerin sie auch nicht hat schänden wollen, fortan geneigt sein, die Menschen im vierzehnten Jahrhundert milder zu beurteilen, die Judenverfolgungen wegen Hostienschändung veranstaltet haben.