Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Bereitung auf die Gesetzesvorlage, welche doch wohl auch im Punkte der Aufbewahrung der lleberreste von Juden, welche durch das Feuer zur ewigen Ruhe eingingen, Rechtssicherheit und Ordnung schaffen muß. Krm?ipikn des Liberalismus. Von Dr. H. Fuchs, Rabbiner in Chemnitz. ' leichzeitig mit dem politischen Liberalismus und dem Anwachsen religiöser Sehnsucht überhaupt erwacht in unfern Tagen der jüdische Liberalismus in erfreulicher Weise. Wie die Zeitungen melden, steht sogar die Gründung eines Verbandes sämtlicher liberalen Juden in Deutschland in Aussicht. Da darf man sich schon einmal die Frage wieder vorlegen: Was will eigentlich der jüdische Liberalismus? Welche Prinzipien kann und soll er vertreten? Die Gegner des Liberalismus stellen ihn ja gewöhnlich hin als den Ausfluß von Launen, Modenarrheiten, Bequemlichkeitsrücksichten oder gar der Assimilation an das Christentum. Und der schwerste Vorwurf, den man ihm macht, ist, daß er überhaupt kein Prinzip haben könne, da er ja seinem Wesen nach die Religion der individuellen Willkür ausliefern müsse: Wenn jeder nach seiner Fasson soll selig werden können, so ist die religiöse Anarchie stabiliert; so kann es keine Gemeinschaft der Religion mehr geben, da solche eine Fesselung des persönlichen religiösen Lebens in sich schließt; so ist der Liberalismus höchstens eine Methode, aber nimmer ein Programm; so hat er also auch kein Recht, zu einer Partei sich zusammenzuschließen. Denn die Methode kann wohl einen Wissenschaftsbetrieb Zusammenhalten — weshalb auch etwa die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sich nur auf vorurteilsfreie Forschung festzulegen brauchte, — aber eine religiöse Partei, die Anhänger werben, der Kindererziehung bestimmte Richtung geben und praktische religiöse Institutionen schaffen will, muß bestimmen können, welche positiven Ziele sie im einzelnen hat. Das aber darf der Liberalismus nicht, will er liberal bleiben. Solche Vorwürfe gewinnen einen Schein von Berechtigung, wenn man die neueste Literatur des jüdischen Liberalismus verfolgt. Sie verteidigt diese und jene Position, stellt hier und dort eine Forderung auf, und begründet jede aus sich heraus, zum Teil sogar höchst inkonsequent mit den Waffen \ber Gegner, aber ein Zusammenhang und der Zwang religiöser Logik ist selten zu finden. Nur der Kundige weiß, daß der Liberalismus ein System ist, eine Welt- und Lebensanschauung. Indem ich versuche, die Grundlinien dieses Systems zu skizzieren, hoffe ich dem Liberalismus selbst einen Dienst zu erweisen; denn eine Bewegung, die so wie er sich aus den Verstand stützt, kann nur gewinnen, je klarer ihre Prinzipien erkennbar sind. Neues wird „der Wissende" dabei freilich kaum erfahren. I. Der tiefste Sinn des religiösen Liberalismus ist: Freiheit sür das Subjekt gegenüber allem objektiv Gegebenen in der Religion. Insofern sind die Deisten und Schleiermacher die Väter des Liberalismus. Dem Orthodoxen ist Religion ein Gegebenes, Geoffenbartes; dem Liberalen ein aus dem eignen Innern Geschöpftes. Die Gesetze der Religion glaubt der Orthodoxe allein in der Bibel zu finden, der Liberale in sich, in seinem Gewissen, in seinen religiösen Empfindungen. Die Glaubensmeinungen sind dem Orthodoxen gegeben (in der Tradition; denn in der Bibel finden sich nur wenige, zum Teil einander widersprechende); er braucht sie nur zu lernen und durch Autosuggestion sich zu eigen zu machen. Der Liberale schöpft seine Glaubensmeinungen aus sich selbst: er faßt zusammen, was er von den Alten und Neuen gelernt und was er selbst erfahren und erdacht hat, verarbeitet es mit gläubigem Gemüt und versucht dann, sich dessen bewußt zu werden und es zu einem System religiöser Welt- und Lebensanschauung zusammenzuballen. In Wahrheit beruht daher der Gegensatz von Orthodoxie und Liberalismus im Wesen des Religiösen selbst und auf der Charakteranlage. Denn das Religiöse ist doch nun einmal die wundersame Verbindung von Ich und Gott, in der die Seele von dem Ideal sich ebenso erdrückt wie ihm verwandt und befreundet fühlt. Von dieser Zweiheit betont der Liberale, wenn es auf Schaffung konkreter Meinungen und Religionsgewohnheiten ankommt, ausschließlich das Subjekt; hier ist ihm Gott nicht Ausgangspunkt, sondern lediglich Ziel der Religion. Der Orthodoxe aber betont mehr den Zwang von oben, daß auch die Religion ein Reales ist, das von Gott kommt. Er sagt: alles Menschliche ist Stückwerk; darum werfe ich mich dem Gegebenen, der Autorität, dem Altbewährten in die Arme, — zur Sicherheit, damit ich mich nicht ganz verliere. Der Liberale dagegen betont: Wenn nicht ich, wer denn? Was nützt mir diese Selbstentäußerung, wenn ich nicht infolge davon mich in einem besseren Stadium wiederfinde? Und vor allem: Wer anders kann mir sagen, was Gott will, als mein Herz? „Freiheit sür das religiöse Subjekt" enthält aber auch das positive Element des Liberalismus mit eingeschlossen. Denn das Subjekt ist auch ein Gesetzgeber. Die positive Aufgabe des Liberalismus besteht deshalb darin, die Glaubens- Forderungen und -Meinungen, die dem menschlichen Geiste eigentümlich sind, sich bewußt zu machen. Voraussetzung ist dabei die Hypothese des common sense, die Meinung, daß es nur eine religiöse Wahrheit gibt, die bei gründlicher Untersuchung auch für alle Menscheu einer bestimmten Zeit sich in den Hauptpunkten gleich darstellen muß. Diese Hypothese ist wohl begründet durch die Tatsache, daß Erfahrung, Logik und Ethik (wenn auch zum Teil vielleicht nicht in streng philosophischem Sinne, so doch für den Religiösen genügend) Allgemeingültigkeit besitzen. Indem daher der Liberalismus den Funktionen aller Geistesbetätigung, der Wissenschaft und dem Empfindungsleben, volle Freiheit läßt, gewinnt er die Hoffnung auf gemeingültige Resultate — und damit die Berechtigung zum Parteizusammenschluß. Seine Parole ist: getrennt marschieren; sein Glaube: vereint schlagen. Die Methode allein ist anarchisch, die Resultate sind dafür um so fester begründet. Die Orthodoxie bindet umgekehrt die Methode durch Dogmen und setzt dafür ihre Resultate den größter: Gefahren aus. II. „Freiheit für das religiöse Subjekt" bedeutet im einzelnen in der Glaubenslehre: Freiheit von jedem Dogma, einerlei wie alt es sei; das heißt von jedem Glaubenssatze, der dem Verstand und dem Wissen unserer Zeit widerspricht. Anderseits Freiheit für die vorurteilslose Begründung einer Welt- und Lebensanschauung auf religiöser Grundlage, das heißt unter Zugrundelegung des Gottesbegriffs, von dem natürlich keine Religion absehen kann (und wir glauben: kein Mensch überhaupt). Solche Glaubenslehre wird von allein jüdisch werden. Denn das Judentum enthält kein anderes Glaubensbekenntnis als den Monotheismus, und es gibt im Judentum keinen