Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu einem Tagesereignis ist nun seitens mancher Wähler . sowie Uneingeweihter kürzlich die vor den Osterferien erfolgte Versetzung des Oberlehrers Dr. Werner vom Realgymnasium in Gießen nach Worms aufgebauscht worden. Natürlich erregte diese ministerielle Verfügung Anstoß, zum Teil den Zorn seiner antisemitischen Parteibrüder, und parlamentarische Vertreter derselben, kündigten im Saale der „Darmstädter Rheinstraße" eine Interpellation an. Nun jedoch scheint man davon abzukommen. Wenigstens goß das nennenswerteste parteioffiziöse Organ, die stramm-antisemitisch-agrarische „Hessische Tageszeitung" zu Friedberg, reichlich Wasser in den Wein mit folgendem Abwinken: „Die Fraktion als solche begnügt sich mit der Versicherung des Ministers, das; bei der Versetzung lediglich dienstliche Gründe in Frage gekommen seien. Diese Gründe sind für die Fraktion maßgebend, und sie hat um so weniger Grund, sich in diese Sache zu mischen, als es sich um einen Mann handelt, der seit Jahr und Tag unermüdlich bestrebt ist, in die Bauernbewegung in Oberhessen an Stelle vernünftiger wirtschaftlicher Bestrebungen wieder reinen Rassenantisemitismus und einseitiges Parteiinteresse zu setzen." Dazu bemerkt das gelesenste Blatt des Landes, der rechtsnationalliberale „Darmstädter Tägliche Anzeiger" (Nr. 89): „Diese Ausführungen bedeuten zugleich eine Abschüttelung Dr. Werners durch die Bauernbündler. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bei den Landtagswahlen sich die Antisemiten (d. h. deren beiden Richtungen) gegenübertreten. Auf der einen Seite werden die Vertreter wirtschaftlicher Bestrebungen und auf der anderen die Vertreter des „Rassenantisemitismus" stehen, deren Kandidat Werner ist. Der — wie oben gemeldet, jüngst gerichtlich verurteilte — Abgeordnete Hirsche! hat einmal behauptet, die antisemitische Bewegung sei gemildert und in agrarische Bahnen gelenkt worden; demgegenüber muß mitgeteilt werden, daß der Rassenantisemitismus wieder Fortschritte macht. Dies geht schon aus dem für die Landtagswahlen von den Antisemiten aufgestellten Programm hervor^ Dort wird verlangt: „Fernhaltung der Juden, auch der getauften, von allen Berufen, in denen ihre Eigenart für unsere Kulturentwicklung schädlich ist, namentlich Ansschlutz von den gesetzgebenden Körperschaften, vom Richterstaud, vom Berufe als Lehrer an öffentlichen Schulen, die von Kindern deutschen Stammes besucht werden. Beschränkunlg der Zulassung zum Berufe eines Anwalts oder Notars, Verweigerung der Aufnahme ausländischer Juden in den hessischen Staatsverband Verhinderung der Aenderung jüdischer Familiennamen, Schacht verbot." In der Tat: eine reichhaltige und gepfefferte Speisekarte, auf die der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und seine verwandten Organisationen wohl achten sollten! Etwas ängstlich fügt das leitende nationalliberale Parteiorgan am Schlüsse hinzu (was unsere Angaben bestätigt): „Der neuerdings wieder schärfer hervortretende Rassenantisemitismus scheint seinen Sitz in Darmstadt zu haben." Wir ergänzen dies, indem wir als die leitenden Persönlichkeiten neben dem berufenen Jugenderzieher künftiger akademisch gebildeter Bürger, jenem Oberlehrer Dr. Werner, zwei weitere Staatsbeamte als Führer dieser Richtung namhaft machen: den Amtsrichter Dr. Mahr, der vor einigen Jahren einen harmlosen israelitischen Kommis Sonntagabend bei der Heimfahrt im Eisenbahnkupee insultiert hat, und den Rechnungsrat und Stadtverordneten G o e tz. Diese zwei führen in den meistens recht flau ausfallenden periodischen Antisemitenversammlungen Darmstadts in der Regel das Wort, wobei ihnen bei wichtigeren Stoffen bisweilen die christlich-soziale Koryphäe Gustav Freiherr Schenk zu Schweinsberg, der Direktor des Großherzoglichen Haus- und Staatsarchivs und Präsident des „Historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen", sekundiert: wahrlich, ein Mann, der nach Bildung, Beruf und Stellung, unbeschadet der besonderen politischen Ueberzeugung, von der Förderung grundsätzlicher Hetze gegen eine große Klaffe von Staatsbürgern sich fernhalten .sollte. Es bekundet allerdings bis zu einem gewissen Grade den echt konstitutionellen Geist, der die hessische Negierung beherrscht, , wenn wir Staatsbeamte bis zu hohen Chargen hinauf ruhig in ausgesprochener politischer Einseitigkeit eifrig tätig sehen, und wir sind die letzten, ihnen dieses Recht irgendwie verkümmert sehen zu wollen. Aber anderseits verschließe man sich dem überaus Übeln Eindruck nicht, welchen eine rabiat-antisemitische Propaganda solcher Stützen der Staatsordnung, die doch die Gleichheit aller Bürger vor den Gesetzen mitbehüten sollten, bei jedem Unvoreingenommenen Hervorrufen muß. Auch hängt damit das riesige Emporschnellen der Stimmenziffer für den linksfreisinnigen Reichstagskandidaten in der Haupt- und Residenzstadt Darmstadt, den liberalen Pfarrer Korell, von 1997 (im Jahre 1903) auf 8461 (im Jahre 1907) sicherlich zusammen: es erkennen eben weite bürgerliche Bevölkerungskreise außerhalb der Sozialdemokratie die Notwendigkeit, für die Sorge um die ungestörte Ausübung der. Staatsbürger- und Menschenrechte mit dem Wahlzettel zu demonstrieren. Druck erzeugt Gegendruck, und so hat es auch überall, wo der Antisemitismus den Bogen so stark überspannte wie in Hessen (man denke an die Dreyfus-Affäre, an die russischen Pogroms usw.), nicht zu lange gedauert, bis nicht allein die Bekenner des Judentums selbst, sondern auch alle Anhänger und Verteidiger staatsbürgerlicher Gleichberechtigung gegen den Umsturz positiver Verfaffungsparagraphen oder gewährleisteter . Rechte energisch Front machten. Und eben wegen derartiger ~ vielfacher Einblicke in das Auf und Nieder der betreffenden Bewegungen ist Hessen mit den wechselnden Wellen seines antisemitischen Meeres außerordentlich lehrreich. Und soeben lesen wir im ausführlichen Bericht über eine große Darmstädter nationalliberale Parteiversammlung vom 24. April, daß daselbst der eine Landtagsabgeordnete der Hauptstadt, Bürgermeister Dr. Glässing, wörtlich darlegte: „Ich erwähne noch den von mir ausgearbeiteten Gesetzentwurf über die Verfassung der israelitischen Religionsgemeinschaft. Durch die Streitigkeiten der Orthodoxen und Neologen ist es nicht möglich gewesen, einheitliche Bestimmungen zu treffen und die Vorlage soweit zu fördern, daß sie dem Plenum der Kammer vorgelegt werden kann." Da ist dann also in Hessen tatsächlich der so arg fatale und kompromittierende Fall Wirk-. lichkeit geworden, der in Bayern glücklich im letzten Augenblick noch vermieden wurde. Der Gegensatz der beiden Richtungen im Judentum wird staatlich, im öffentlichen Parlament ausgetragen, d. h. von christlichen Faktoren geregelt. Natürlich ist auch dies reichliches Wasser auf die Mühle der Antisemiten! L. F. Oriek aus Stockholm. Von Dr. M. Fried. m ersten Tage des Pessachfestes beging Herr Professor Dr. G. Klein sein 25jähriges Jubiläum als Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde. Der Festgottesdienst in der Synagoge war daher an diesem Tage besonders feierlich und von den Gemeindemitgliedern zahlreich besucht. Kanzel und Altar waren mit Palmen und anderen Zierpflanzen herrlich geschmückt. Ausgehend von dem Psalmvers 71,9: „Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters, verlaß mich nicht beim Schwinden meiner Kraft," führte der Jubilar in seiner Predigt aus, daß er seine besten Jahre dieser Gemeinde