Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom heutigen Antisemitismus in Hellen. Ein aktuelles Stimmungsbild. ^^ns sechste Jahr geht es jetzt, seit wir an dieser Stelle ein ausführliches Stimmungsbild aus dein politischen Hetz-Antisemitismus-Eldorado in deutschen Landen vorgeführt haben: „Jüdisches von den jüngsten hessischen Landtagswahlen", in der Nummer 49 vom 5. Dezember 1902 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Ist die Sachlage auch heute noch derart, daß man an den „jüdischen" und antisemitischen Verhältnissen beider Hessen, d. h. des Großherzogtums und des Preußischen Regierungsbezirks Kassel, wertvolle und interessante Studien für Stil und Rang des politischen Judenhasses treiben kann, so darf man doch diese Geschwisterstaaten ebensowenig mehr etwa als das Musterland des Antisemitismus in Deutschland ansprechen, wie Baden als dasjenige des Liberalismus. Jenen alten Antisemitismus hat längst eine neue Couleur, viel reaktionäreren Anstrichs und weit mehr agrarisch durchsetzt, abgelöst und dabei sind die meisten ehemaligen Häupter der demokratischen Färbung aus der Strecke geblieben. Allen voran der eigentliche Herold des hessischen Antisemitentums, der Volksmann Dr. Otto Böckel, 1887 bis 1903 Vertreter Marburgs im Reichstag, als sogenannter „reiner" Antisemit im scharfen Gegensätze zu den Leuten von der judenfresserischen Filiale der Konservativen, welche sich anmaßend „Deutsche Reformpartei" oder „Deutschsozial" nennen und in dem hochfahrenden Schwadroneur Liebermann von Sonnenberg ihre Spitze verehren. All das konnte und kann man noch in Hessen beobachten. Denn gerade seit den „Block"- Wahlen des neuen Reichstags zieht sich vom westlichen Thüringen, wo der Wortführer des phrasenhaft emporgestiegenen Bundes deutschnationaler Handlungsgehilfen, der hetzerische Agitator Schack, endgültig das liberale Eisenach erobert zu haben scheint, ein breiter antisemitischer Mandategürtel durch beide Hessen durch bis an den Mittelrhein, wo Stöcker nebst seinem Trabanten Burckhardt nachbarlich die ins Hintertreffen geratene Spielart der Antisemiten verkörpern. Im ehemaligen Kurhessen fühlt sich diese einseitige Tendenzpartei jetzt wieder einmal ganz sicher; sie besitzt aber auch in der Tat sämtliche Wahlkreise des ganzen Regierungsbezirks Kassel mit Ausnahme des von vornherein ultramontanen Fulda und des stets zwischen Liberaler: und Konservativen einer-, der Sozialdemokratie andererseits schwankenden Hanau, welche aufgeklärteste Gegend des althessischen Gebietes 1903 nur 517, 1907 gar keine antisemitischen Stimmen aufbrachte. Im Großherzogtum Hessen dagegen, das man doch inuner mehr gemeiniglich unter „Hessen" versteht, ist die antisemitische Bewegung seit etlichen Jahren neu belebt worden, und zwar ist die Entwicklung ganz genau diejenige gewesen, welche unser oben angeführter Rückblick vorausgesehen hatte. Der Nativnalliberalismus hat dort seinen ursprünglichen Namen „Hessische Fortschrittspartei" immer mehr verleugnet; ja, er wäre zweifellos noch weiter nach rechts gerückt, wenn ihm nicht die durch und durch rückschrittliche Fraktion des „Hessischen Bauernbundes" das Terrain streitig gemacht hätte. Wie der Nationalliberalismus doch von Haus aus die eigentliche konfessionelle Kulturkampfpartei gewesen und großenteils noch ist, somit an dem Emporkommen des klerikalen Zentrums nebst den sämtlichen traurigen Folgen dieses Aufstiegs die Hauptschuld trägt, so finden seit lange bei ihm auch die Angriffe auf das Judentum und die staatsbürgerlichen Rechte seiner Bekenner keinerlei Abwehr, vielmehr eine gute Statt (beispielsweise war der un-' längst nach seinem Tode unmäßig gefeierte nationalliberale Abgeordnete Leipzigs, Professor Ernst Hasse, enragierter Antisemit, wie man es freilich vorn ersten Vorsitzenden des „Alldeutschen Verbandes" eigentlich verlangen muß). Im Großherzogtum Hessen also wuchs die reaktionäre Strömung, vom künstlich gezüchteten Judenhaß befruchtet, in den letzten Jahren nachdrücklich. Jener politisch recht tiefstehende Bauernbund, der keinen einzigen Führer von Namen und Bedeutung hat, ist nämlich durch und durch judenfeindlich, und einer seiner Führer, der Bauernbürgermeister Philipp Köhler (Langsdorf), hat die Universitätsstadt Gießen seiner Richtung wiedergewonnen, ist zweiter Präsident des hessischen Landtags geworden und versuchte jüngst, wohl weil ihn der Ruhm seines rabiaten, nur antisemitischen landsmännischen Kollegen Bindewald (Alsfeld-Lauterbach) nicht schlafen ließ, sich arlch im Reichstage wichtig zu tun. Dort war Bindewald über den hochangesehenen hessischen Bundesratsgesandten Dr. von Neid Hardt hergefallen und hatte Aufhebung der sogenannten Antisemiten-Erlasse gefordert, durch welche die großherzogliche Negierung vor Jahren die wüste Agitation bei den biedern Bauern des Odenwalds, des Vogelbergs, der Wetteran einzudämmeu, audernteils die Beamtenschaft davon zurückzuhalten unternehmen wollte. Köhler heischte nun stürmisch im Reichstag den Rücktritt des an drei Jahrzehnte in Berlin anerkannt amtierenden hessischen Bundesratsbevollmächtigten, als dieser sein Ministerium verteidigte, kroch freilich schließlich, nach einem warmen Vertrauensvotum seines Darmstädter Präsidialkollegen Geheimrat Haas, nationalliberalen Vertreters des Odenwalds, für Herrn v. Neidhardt so jämmerlich zu Kreuze, wie es das deutsche Parlament am Königsplatz noch nie erlebt hatte. Das geschah wenige Tage, nachdem der andere Wortheld des „Oberhessischen Bauernvereins" judenfresserischen Tons, Hirschel in Gießen, wegen mehrfacher Unterschlagungen zum Schaden des Verbands, den: er als geschäftlicher Direktor vorsteht, zu längerem Gefängnis verurteilt worden war;'derselbe Herr Hirschel, der sich jetzt in den Zeitungen den Text lesen lassen muß, weil er es für taktvoll hält, trotz dieser Verurteilung ungeniert weiter den Sitzungen der hessischen Ständekammer und sogar des Finanzausschusses beizuwohnen. Aber in der Residenz des modern denkenden, als sehr tolerant gerühmten jungen Großherzogs Ernst Ludwig blüht der Antisemitismus neuerdings recht lebhaft wieder auf; nicht weniger als drei Spezialvereine lassen da die Mühle nie zur Ruhe kommen: ein christlichsozialer, ein deutschsozialer und ein deutscher Reformverein. Im Stadtverordnetenkollegium sitzt eine ganze Anzahl Herren dieser Kreise, und wenn deren Bäume da nicht in den Himmel wachsen, rührt das wesentlich daher, daß es meistens Nullen sind, während in der Abgeordnetenkammer die durchaus zu billigende korrekte Haltung des gemäßigt-liberalen Ministeriums einen Dämpfer draufdrückt, dem immerhin noch beachtlichsten Führer, dem genannten Köhler, aber der Mund durch die Würde des Vizepräsidenten etwas gestopft sein mag. Uebrigens gibt es seit dem Hinausekeln des nunmehr (1907) verstorbenen vieljährigen Präsidenten, des hochverdienten Wolfskehl, als einzigen Israeliten unter den Abgeordneten nur den arg lauten Sozialdemokraten Rechtsanwalt Dr. Fulda, der bei seinem häufigen Auftreten selten gut abschneidet und so auch sowohl bei der ziemlich breiten Judendebatte vom 28. März — wo es sich eben um die oben erwähnten älteren anti-antisemitischen Erlasse handelte — wie auch bald danach, wo er zugeben mußte, in seiner juristischen Ausbildungszeit von seiten der Regierung unbehelligt geblieben zu sein, für seine Konfession kaum sonderliche Sympathien errungen haben dürste.