Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Politikern eine umfassende Tätigkeit entfaltete, und der Gesellschaft .zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. Viele Stiftungen, Vereine und Korporationen wählten ihn zu ihrem Vorsitzenden. Wir nennen nur den Verein Neichswohnungsgesetz, dessen Frankfurter Kongreß er vor drei Jahren leitete, den Verband für Wohnungsreform, das Hilfskomitee für die osteuropäischen Juden, das Gumpertsche Siechenhaus und den ..Almosenkasten der israelitischen Gemeinde. Er saß jahrelang in der Verwaltung der Alliance Israölite Universelle, der seine besondere Teilnahme galt, und war Vorstandsmitglied des Zentralausschusses des Hilfsvereins deutscher Juden. In ganz besonders hochherziger Weise und mit Einsetzen seiner ganzen Kraft nahm er sich seiner bedrückten und vertriebenen Glaubensgenossen in Rußland an. Er spendete selbst große Summen, organisierte die öffentlichen Sammlungen, ließ an Ort und Stelle Unterstützungen verteilen, brachte elternlose Kinder in Familien und Asylen unter, sorgte für die Verpflegung und Weiterreise der Auswanderer, intervenierte bei den Negierungen, er war überall helfend und ratend zur Stelle. Tausende von Vertriebenen verdanken seinem Eingreifen Heim, Pflege, neue Heimat und Existenz, und seinem großzügigen Organisationstalent wird es mit zu danken sein, wenn die großen Hilfsverbände, die er mit geschaffen hat, erhalten bleiben und weiter wirken. War Hallgartens Arbeit für seine Glaubensgenossen auch besonders intensiv, da sie seiner am dringendsten bedurften, so kannte er doch als Wohltäter keine Konfession. In Frankfurt weiß man das am besten. Er stand nicht nur den interkonfessionellen Vereinen zur Seite, er übte die Wohltätigkeit auch in der Stille, und zwar in einem Umfang, den nur Eingeweihte zu übersehen vermögen. Es machte ihn glücklich, helfen zu können, es war ihm ein Bedürfnis, praktische Ratschläge geben zu dürfen. Er war in seinem Heimin der Miquelstraße für jeden zu sprechen, gewann bald ein Urteil über die Sachlage und. fand für die verwickeltsten Situationen einen Ausweg. Sein Rat war ebenso wertvoll wie seine materielle Unterstützung und keiner verließ ihn, den er nicht aufgerichtet, mit neuem Vertrauen gestützt hätte. Niemals ließ er den Bittsteller empfinden, daß er als Bittender kam. Den meisten ging er hilfreich zur Hand: er unterstützte Einzelne und Familien, kam bei armen begabten Kindern für das Schulgeld auf, er gewährte Schriftstellern, Malern, Schauspielern Stipendien, ermöglichte manchem den Besuch einer Universität und nahnr sich seiner Schutzbefohlenen durch Protektion und die Tat auch weiter an, so daß viele in ihm den Mann verlieren, der ihnen eine Existenz geschaffen hat. Persönlich war Hallgarten von großer Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, eine gesellige Natur, der bei allem Lebensernst auch die humoristische Note nicht fehlte, dazu ein Mann von großem Wissen und reicher, auf vielen Reisen gewonnener Erfahrung. Er wurde zu vielen Aemtern und Würden berufen und trug ihre Lasten mit Hingabe und Freudigkeit. Offiziellen Auszeichnungen dagegen ging er, der sich politisch zum Liberalismus bekannte und mit vielen Parlamentariern, besonders von der Freisinnigen Vereinigung, enge Beziehungen hatte, aus dem Wege. Ein schneller, gnädiger Tod hat Hallgarten mitten aus seinem arbeitsreichen Leben, ehe noch das Alter ihn drückte, herausgenommen. Noch am letzten Sonntag wohnte er, dessen Körper allen Reisestrapazen Stand hielt, der heute einer Sitzung in London, morgen einem Kongreß in Paris präsidierte, den Sitzungen der Alliance Israelite und der Jewish Colonisation Association in Paris bei und noch am Donnerstag hatte er hier mehrere Konferenzen. Nach kurzem Unwohlsein traf ihn am Sonntag früh ein Gehirnschlag. Friedrich Naumann schreibt in der „Frankfurter Zeitung": „Diesen Mann gekannt zu haben, bedeutet für mich einen Gewinn meines Lebens. Der Verstorbene hat mir in einer der schwersten Zeiten meines öffentlichen Wirkens entscheidend geholfen, ohne daß ich von mir aus daran gedacht hatte, ihn um Hilfe zu bitten. Von da an hat sich ein persönlicher Verkehr entwickelt, der mich je länger desto mehr in seine Seele Und in die Methode seines Arbeitens hineinschauen ließ. Ich habe manche stille Stunde bei ihm gesessen und über fast alles mit ihm geredet, was an sozialen oder politischen Problemen unsere Gegenwart bewegt." Die Beerdigung von Charles Hallgarten am 22. d. M. gestaltete sich zu einer großartigen Kundgebung für den edlen Menschenfreund. 26 Redner sprachen am Grabe. Rechtsanwalt Dr. Blau für die jüdische Kolonisationsgesellschast, Oberbürger- 4 meister Adickes namens der Bürgerschaft, Geheimrat Goldberger-Berlin für die Alliance Israelite Universelle, Dr. Barth für den Abwehrverein gegen Antisemitismus, Stadtrat Ftesch, Professor Dr. Philipp Stein, Reichstagsabgeordneter Dr. Jäger- Speyer und der Vorsitzende des Frankfurter Wohnungsvereins Schön für die Anstalten zur Linderung der Not und Förderung der sozialen Fürsorge, Herr Metzger für den Israelitischen Hilfsverein. Ferner Oberkonststorialrat Pfarrer Ehlers, Eduard Cohen für die Lämmelschule in Jerusalem, Direktor Frauberger namens des Düsseldorfer Kunstgewerbemuseums, Rechtsanwalt Dr. Merzbach und Josef Wisloch für die Frankfurt- Loge, Professor Dr. Klumker für den Rekonvaleszenten-Verein, Oberlandesgerichtsrat Kayser für den Asylverein für Obdachlose, Stadtschulinspektor Dr. Linker im Namen des Vereins der Kinderhorte. Konsul Hoff für den Frauenbildungsverein, Lehrer- Volk für den Nhein-Mainischen Verband für Volksbildung und andere. Die letzte Rede am Sarge hielt P farr er Battenberg. Er sagte: „Ohne besonderen Auftrag, aus eigenem Antrieb komme ich und doch, wie ich glaube, im Geist der Gemeinschaft, zu der ich gehöre. Wir wollen als Christen diesem edelsten der Juden unseren Dank und unsere Verehrung aussprechen. So wahr es ist, was wir hier so vielfach preisen hörten, daß er die Interessen der jüdischen Gemeinschaften m.it Liebe und Tatkraft wahrgenommen hat, so gewiß ist doch auch seine Freiheit von jeder konfessionellen Engherzigkeit. Er wußte, daß Kern und Herzschlag aller Religionen die Liebe ist, und daß keine Konfession allein die Liebe in Anspruch nehmen kann. Ich weiß, wie er auch Christen gegenüber seinen Edelmut betätigte, selbst in Fällen, wo er befürchten mußte, offenen Undank zu ernten. Ein Vorbild der Toleranz besitzen wir in ihm, einen Trost, daß es in unserer zerrissenen Zeit noch Höheres gibt als die Einseitigkeit der Konfession, nämlich reines, höheres, mutiges, liebevolles Menschentum. Dank dafür, daß du auch soviel Not in unseren Kreisen gelindert hast. Ruhe sanft, du guter Mensch!" Wegen des Passahfestes sprach kein Rabbiner am Grabe, und es konnte deshalb auffällig erscheinen, daß unter anderem zwei christliche Geistliche diesem Manne Grabreden hielten, der Zierde und Stolz seiner Glaubensgemeinschaft gewesen ist. Das Andenken an den Philantropen, der sich wie selten ein mit Glücksgütern Gesegneter der sozialen Pflichten des Reichtums bewußt war, wird nicht erlöschen, sein Wirken wird ihn überleben. Seine edle Menschlichkeit wird ihn jedem, der ihn gekannt hat, unvergeßlich machen. sss