Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
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- Unter Titeln wie,> Ein Sakrileg", „Ein tempelschünderischer Akt im Vatikan", „Eine Profanation der Papstmesse" bringen' die klerikalen Blätter in Italien die Erzählung eines allerdings sehr peinlichen Vorfalles, der sich am 19. d. M. in Rom zugetragen und über den der Hauptbeteiligte, Professor Dr. Feilbogen in Wien, die folgende Darstellung gibt: „Der Ostermesse des Papstes als. Zuschauer beizuwohnen, gilt als besonders hohes Erlebnis und wird von Fremden sehr angestrebt. Ich hatte zwei Einladungen erhalten, für meine Frau und für mich. Herr Dr. Behson, der mit uns reiste, erhielt weder eine Einladung . noch war er bei dem verhängnisvollen Ereignis anwesend. Dagegen hatte sich Frau Ella Zwack als Schwester meiner Frau von den Wachen Einlaß erbeten und erhalten; sie wird in italienischen Berichten mißverständlich als Frau Dr. Behson bezeichnet. Daß meine Absicht nicht auf Teilnahme an der Kommunion gerichtet war. ist bei meiner Konfession selbstverständlich und geht deutlich aus dem Umstande hervor, daß ich erst gegen 9 Uhr eintraf, während die Einladung auf halb 8 lautete. .Im Augenblicke unserer Ankunft gerieten wir, ehe wir viel überlegen konnten, in einen Zug hinein, der sich zwischen den Bänken der Kapelle bewegte und uns nach vorn trug. Wir ahmten, wie dies bei solchen Anlässen doch immer geschieht, nach, was die anderen taten, und plötzlich knieten wir vor Seiner Heiligkeit, und ich sah, daß mein Nachbar die Hostie erhielt. Von der imposanten Feierlichkeit der Handlung inmitten eines wahrhaft illustren europäischen Publikums und dem erdrückenden Ehrfurchtsgefühl, in der unmittelbaren Nähe des unter herrlichen Chorgesängen pontisizierenden Oberhauptes der weltumfassenden Kirche, kann sich niemand eine Vorstellung machen, der etwas Derartiges nicht erlebt hat. Und schon wendete sich der Heilige Vater mir zu. In diesem kritischen Augenblick hatte ich nicht den Mut, ja nicht einmal den Gedanken, ich könnte jetzt mich erheben und Zurücktreten, alle Aufmerksamkeit auf mich lenken und den Schein erwecken, als könnte die heilige Handlung mir andere Gefühle einflößen als die der tiefsten Ehrfurcht. Ich nahm die Hostie, die Damen ebenfalls, und es steht infolge der persönlichen Anwesenheit des k. und k. Botschafters am Vatikan, Grafen Szecsen. der unmittelbar nach dem Ereignis einen ausführlichen Bericht nach Wien sendete und mich zur Verantwortung vorlud. fest, und wurde mir von Sr. Exzellenz auch ausdrücklich bezeugt, daß weder mein noch meiner Frau persönliches Verhalten zu irgend einer Störung der heiligen Handlung geführt hat. Dagegen scheint die Schwester meiner Frau, wohl infolge der fürchterlichen Aufregung und der Ungeübtheit, die Hostie verloren zu haben, obwohl sie noch jetzt vom Gegenteil überzeugt ist. Jedenfalls wurde sie nun von den geistlichen Frauen eingehend untersucht, nachdem wir abgeführt worden waren. Meiner Frau wurde einzig und allein das Taschentuch revidiert, das von ihrer Schwester ihr zugesteckt sein konnte. Uns beiden wurde wiederholt versichert, daß wir uns in keiner Weise auffällig gemacht haben. Die Annahme, ich könnte bewußt und absichtlich etwas getan haben, was eine Profanierung des heiligen Sakraments bewirken konnte, steht im vollsten Kontrast mit meiner ganzen Persönlichkeit und Lehrtätigkeit, wie alle meine Hörer und Kollegen bezeugen können." Einer anderen Nachricht zufolge ist die Hostie dann aus dem Fußboden gefunden worden. Die Beilegung des Zwischenfalls ist durch diplomatische Verhandlungen erfolgt und der Vatikan wird sich mit der Angelegenheit endgültig dadurch abfinden, daß an einem noch zu bestimmenden Tage in der Sixtinischen Kapelle ein in solchen Fällen üblicher Sühncgottesdienst stattfindet. Die Moral, die aber für uns aus diesem Vorgang erwächst, braucht nicht erst aufdringlich dargestellt zu werden? Dieses eifrige Drängen zu den Kultushandlungen fremder ^Konfessionen, und zwar meist aus bloßer Neugierde, kann nicht ß scharf genug getadelt werden und das jüdische Gesetz hat dasselbe, ^wie dieser Vorfall wieder deutlich zeigt, mit Recht verboten. Charles JL tzallgartrn. . kV Frankfurt, 24. Aprilie Bedrückten mögen klagen, denn es ist einer gestorben, dem das Helfen Leidenschaft war. Aber auch die, die seiner Hilfe nicht bedurften, werden den seltenen Mann schwer vermissen. Denn er war einer von denen, die Energien spenden und das Lebensgefühl steigern. Einen Optimisten nannte er sich auf pessimistischer Grundlage, weil er es verstand, sich angenehme Enttäuschungen zu schaffen, indem er mit einem Minimum von Erwartungen an jedes Werk heranging, das er unternahm. Einen Künstler möchten wir ihn nennen, einen Artisten in der Kunst, Geld in Gemeinnützigkeit, manchmal sogar in Glück umznwandeln. Aus Klugheit und rheinischem Temperament setzte sich sein Wesen zusammen. Aber schöpferische Phantasie war die eigentliche Kraft, die er im Leben betätigte, Phantasie des Handelns und der Organisation. Er wird wie alle bedeutende Menschen eine Lücke hinter sich lassen, die schwer zu schließen ist. Denn wo sind die Männer, die wie er Titel und Orden prinzipiell ablehnen, weil sie sich die Möglichkeit offen halten wollen, jederzeit unter die Ketzer zu gehen? Charles L. Hallgarten war am 18. November 1838 in Mainz geboren; er ist also nahezu siebzig Jahre alt geworden. Sein Vater war Kaufmann und wanderte in den 1850er Jahren nach Amerika aus. In New Pork gründete er das Bankhaus Hallgarten & Co., das heute noch diesen Namen trägt. Charles L. Hallgarten war mit seinen Brüdern im väterlichen Unternehmen tätig und brachte es darin zu hohem Ansehen. Vor etwa 25 Jahren verlegte er seinen Wohnsitz nach Frankfurt, blieb aber Teilhaber der New Porter Firma. Bald nachdem er sich in Frankfurt, das er sehr liebte, niedergelassen hatte, wandte er sein Interesse vor allem jüdischen Wohltätigkeitsbestrebnngen zu. Zunächst trat er als einfacher Pfleger in den Israelitischen Hilfsverein ein. Dort erkannte man bald seine hervorragende Befähigung für die Organisation; er wurde in den Vorstand gewählt und übernahm später das Amt eines Vorsitzenden. Dann traten andere Vereine an Hallgarten heran, um sich seine Hilfsbereitschaft und seine rastlose Arbeitskraft zu sichern. Er verstand es seinerseits wieder, andere wohlhabende Leute für die Sache der Wohltätigkeit zu erwärmen. Immer weiter verzweigten sich seine philantropischen Bestrebungen, immer vielseitiger wurden seine Interessen, namentlich als er Mitglied der Frankfurtloge des U. O. B. B. wurde, so daß schließlich das ganze Leben dieses Mannes in idealer Arbeit aufging. Seine Opserwilligkeit, sowohl in bezug auf persönliche Betätigung wie nach der materiellen Seite hin, war nahezu unbegrenzt. In Frankfurt existiert kaum eine größere Stiftung, deren Förderung er nicht auf die eine oder andere Weise betrieben, fast kein gemeinnütziger Verein, den er nicht mit reichlichen Mitteln bedacht hätte. Er war Gründer oder Mitbegründer vieler wohltätiger Institutionen, wie sie in solcher Fundierung, Ausgestaltung und Wirksamkeit kaum in einer anderen Stadt zu finden sind, so der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen, des Vereins für die Jdiotenanstalt zu Idstein, des Vereins für Kinderhorte, der Zentrale für Private Fürsorge, des Asylvereins für Obdachlose; ferner der Gesellschaft für Wohlfahrtseinrichtungen, des Ausschusses für Volksvorlesungen, des Sozialen Museums, des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung usw. Mit besonderem Eifer widmete er sich der Jewish Colonisation Association, dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, in dem er schon vor Jahren mit Rickert und andern bekannten