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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-01 · Heft 18 (1.5.1908) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 18 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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mit seinen religiösen Formen und Einrichtungen vertraut, das von der erhabenen Mission Israels durchdrungen, und das befähigt ist, für die Religion der Väter mit Wärme und Begeisterung einzutreten, für sie bereitwillig Opfer zu bringen. Zur erfolgreichen Bewältigung dieser Ausgabe kann er der Mithilfe des Elternhauses nicht entraten, zum mindesten dürfen seine Bestrebungen nicht von der elterlichen Autorität durchkreuzt werden. Liebevolle Rücksichtnahme auf beiden Seiten ist im Interesse unserer Jugend dringend geboten. Möge sie zum Heile des Judentums stets und überall freudig geübt werden. Die Woche. v Berlin, 28. April, uch unsere Gegner haben schon ihre Parole für die Landtagswahlen ausgegeben. Sie lautet: „Gegen Juden, Judengenofsen, Demokraten und Atheisten!" Und die „Deutsche Tageszeitung" meint: „In dem guten Kerne des Volkes ist eine derartige Wahlparole gewiß wirksam." Wo das Blatt aber den „guten Kern des Volkes" sucht, ist hinlänglich bekannt. Und wem er nicht bekannt ist, dem raten wir, den Artikel „Halbasien" in der letzten Woche nachzulesen. Dort wird über den Mord in Lemberg und die Stellung der Ruthenen zu den Polen in einer Weise gesprochen, daß man annehmen muß, der „gute Kern" der Leser, für die jene Auseinandersetzungen berechnet, sei identisch mit dem Kern derer — die nie alle werdeü. Man lese nur die beiden folgenden Sätze, um ein solches Urteil zu verstehen: „In Galizien zumal ist der ruthenische Bauer und Landarbeiter nichts anderes als der Leibeigene des Juden, dem seine ganze Wirtschaft gehört und der ihm nicht einen Nagelbreit mehr gibt, als zum kümmerlichsten Lebensunterhalte unbedingt notwendig ist. Sein Glück ist die Kartoffel im rohen oder gekochten, sein Verderb im gebrannten Zustande. Und auch dies Glück oder Elend mißt ihm der Jude nach Gutdünken zu." „Es war bezeichnend, daß bei den letzten Reichsratswahlen die Polen, Ruthenen und Juden im Buchenlande vereint vorgegangen sind, um die deutschen Bewerber zu bekämpfen. Ja, die katholischpolnische und orthodox-ruthenische Geistlichkeit stellte ihre Religion gewissermaßen unter den Schutz der Juden, indem sie von den jüdischen Wahlbewerbern sich versprechen ließ, daß diese im Reichsrate gegen die den Deutschen notwendige freie Schule stimmen würden. Die Juden versprachen, was verlangt wurde, und erfreuten sich der wärmsten Unterstützung der katholisch-polnischen, orthodoxruthenischen und armenisch-katholischen Geistlichkeit." Man kann sich denken, mit welchem Interesse „der gute Kern des Volkes" auf dem Lande diese schauerlichen Enthüllungen liest, und wie begeistert er sodann die Wahlparole anfnimmt: „Gegen Juden, Judengenossen, Demokraten und Atheisten!" Nun denn, wir halten uns an die Parole, die ein freisinniger Abgeordneter in einer fortschrittlichen Versammlung ausgegeben und die den vollen Zorn des agrarischen Blattes herausgesordert hat; denn sie lautet: „Gegen Junker und Mucker!" * Wieder winkt etwas wie ein Sonnenstrahl aus der Ferne den russischen Juden zu. Wird es sich wieder, wie so oft schon, als ein Irrlicht erweisen? Bekanntlich hat der jüdische Abgeordnete in der Duma Rechtsanwalt Nisselowitsch beabsichtigt, einen Gesetzentwurf über die Aufhebung gewisser Rechtsbeschränknngen der Juden einzubringen. Er hatdeshalb die Führer aller Parteien dev Rechten'wie. den Ministerpräsidenten Stolypin über ihre Ansicht befragt und folgende interessante Aufschlüsse erhalten: \ Der Führer der äußersten Rechten, Graf A. Bobrinski, in dessen Adern von seiner Mutter, der Tochter des Zuckerkönigs Lewbrodski,her viel jüdifches Blut fließt, erklärte: „Ich kann ihnen nicht Gleichberechtigung für Ihre Glaubensgenossen versprechen, wohl aber die Aufhebung vieler Einschränkungen, da ich wohl weiß, daß viel Ungerechtigkeiten gegen die Juden begangen werden." Nisselowitsch wandte sich weiterhin an den Führer der gemäßigten Rechten,- Graf Wladimir Bobrinski. mit folgender Anfrage: „Ich beabsichtige, in. der Duma einen Entwurf einzubringen über Aufhebung der Beschränkungen, welchen die staatsbürgerlichen und politischen Rechte der Juden unterliegen. Könnte ich vielleicht darauf rechnen, daß die Mitglieder der gemäßigten Rechten meinen Vorschlag auf Ueberweisung des Entwurfes an eine besondere Kommission zur Beratung der Judenfrage unterstützen würden?" Bobrinski antwortete: „Ich persönlich habe nichts dagegen einzuwenden; ich glaube auch, daß meine Fraktion dem Entwurf keine Hindern isse in den Weg legen wird," Weit weniger günstig fiel die Antwort der Oktobristen aus, welche bekanntlich in der Judenfrage eine zweideutige Stellung einnehmen und sie bei der Schwierigkeit ihrer Lösung von der Duma ferngehalten wissen wollen.. Als Nisselowitsch Alexander Gutschkow, dem Führender Oktoberfraktion, seine Absicht, eine bezügliche Vorlage einzubringen, mitteilte, rief Gutschkow aus: „Wollen Sie etwa Pogroms heraufbeschwören?" Als Nisselowitsch dieses natürlich verneinte und versprach, daß er keineswegs auf Lösung der ganzen Judenfrage, dringen, sich bei der Vorlage, um Reibungen zu vermeiden, nicht in Einzelheiten vertiefen werde, derDuma auch nicht viel von ihrer kostbaren Zeit nehmen und nur um Ueberweisung der Frage an eine besondere Kommission bitten werde, erbat sich Gutschkow einige Tage Bedenkzeit. Danach gab er Nisselowitsch folgende Antwort: „Persönlich habe ich nichts gegen eine derartige Behandlung der Frage einzüwenden, doch gebe ich Ihnen den Rat, vor allem mit dem Premierminister Stolypin zu sprechen, um zu hören, wie er die Frage auffaßt. 'Denn wenn die Negierung die Einbringung des Entwurfs nicht für zeitgemäß hält, so kann ich nicht dafür garantieren, daß Ihr Entwurf einer Kommission überwiesen wird." Daraufhin erwirkte Gutschkow dem Abgeordneten Nisselowitsch eine Audienz bei Stolypin; in dieser legte Nisselowitsch dem Premierminister eine. Reihe von Briefen vor, nach denen die Juden in der bevorstehenden Osterzeit den Ausbruch von Pogroms in den verschiedensten Teilen Rußlands befürchten. Der Ministerpräsident gab dem Deputierten die kategorische Versicherung, daß er von keiner Seite irgendwelche Gewaltakte gegen die jüdische Bevölkerung zulassen werde und alle notwendigen Anordnungen in dieser Hinsicht bereits getroffen wären. Nisselowitsch machte sodann den Ministerpräsidenten mit den Ansichten der Fraktionsführer in der Duma bekannt, worauf Stolypin erklärte: „Bereits im Herbst 1906 wurde die Judenfrage im Kabinett besprochen. Damals wurde die Aufhebung einzelner Kategorien von Einschränkungen für wünschenswert und notwendig erachtet, ich halte es für vielleicht verfrüht, in der jetzt ablaufenden Tagung der Reichsduma einen' derart komplizierten Entwurf einzubringen., da die Judenfrage aufmerksame und allfeitige Prüfung erfordert. Besser wäre es, wenn es während der zweiten Tagung geschähe. Sollte aber in der Duma selbst die Absicht laut werden, eine Spezialkommission für die Judenfrage einzusetzen, so wird die Regierung dieser in bezug auf die Besserung der Lage und Lebensweise der armen Klaffen der jüdischen Bevölkerung entgegenkommen." Diese Antwort des Premierministers hat Nisselowitsch weit mehr befriedigt als Gutschkows Ausflüchte; denn er glaubt darin einen Plan und eine bestimmte Tendenz zu erblicken, welche die Basis künftiger Judengesetze bilden wird. Es ist ihm vor allem wichtig, daß ein Anfang gemacht wird und der Stein ins Rollen kommt, so daß eine Reihe schwerer Rechtsbeschränknngen fallen würde, wenngleich der Weg bis - zur Erlangung der Gleichberechtigung noch sehr weit ist. *

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