Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1908)
- Date
- 1908-04-24
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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27. Jahrgang. Nr. .7. (AkMklN^kÜÜtk. “• April 1908 WeikAAe zur „Allgemeinen Leitung de>§ Judentums" Lorrrlpondknsm und Sschrichten. Deutschland. ' s. Berlin, 20. April. Am 16. und 17. v. M. hat hier die Konferenz des Bundes deutscher Frauenvereine stattgefunden, dem auch der Jüdische Frauenbund', vertreten durch die Vorsitzende Frl. Pappenheim, angehört. Den Hauptgegenstand der Verhandlungen bildete die Beratung und Beschlußfassung über die Tagung der Breslauer Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine. Dieselbe wurde in Rücksicht auf den Jom-Kippur auf den 6. bis9. Oktober sestgelegt und aus demselben Grunde der erste offizielle Empfang auf den Abend des ersten Arbeitstages, anstatt wie sonst üblich auf dessen Vorabend. Da die Verhandlungsgegenstände ungemein wichtige sind: „Strafrechtsreform und die Frauen" und „Strafrechtsreform und die Behandlung der Jugendlichen", so sieht sich der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes jetzt schon veranlaßt, die angeschlossenen Vereine auf . die bevorstehende Breslauer Tagung hinzuweisen. Die Vereine und ihre Delegierten haben allen Grund, ivohlvorbereitet zu sein, damit sie den zur Verhandlung und zur Abstimmung gelangenden Materien nicht fremd gegenüber stehen, besonders dort, wo sich — wie Helene Lange sagte — „Weltanschauungen gegenüber stehen" und zum Ausdruck gelangen werden. Die Rechtskommission des Bundes deutscher Frauenvereine läßt demnächst eine Denkschrift erscheinen, die eine allgemeine Einführung und Uebersicht über die rechtlichen Forderungen der Frauen bringt. Diese Schrift wird den angeschlossenen Vereinen zugestellt, und es wäre sehr wünschenswert, wenn die Vereinsvorftände, - auch der jüdischen Vereine, hierbei Gelegenheit nehmen würden, ihren Mitgliedern durch Einzelvorträge oder kleine juristische Vortragszyklen allgemeine Begriffe zu. vermitteln, deren Kenntnis für das praktische-Leben der Frauen und Mädchen heute schon unentbehrlich geworden ist. — Im direkten Anschluß an die Generalversammlung des Bundes findet auch in Breslau eine Tagung des Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels statt, dem der Jüdische Frauenbund auch seit Januar dieses Jahres angehört. 8. Berlin, 23. April. Gestern feierte der Dirigent des Lindenstraßen-Chors, Prof. William Wolfs, seinen 70. Geburtstag. William Wolf wurde am 22. April 1838 in Breslau als Sohn des Lehrers und Predigers Joseph (Wolfsohn) geboren; sein väterlicher Großvater war der bekannte Lehrer Wolf an der Franz-Schule in Dessau, sein mütterlicher Dr. Jeremias Heinemann, Berlin. Fünfjährig nach Berlin gekommen, wurde er früh zur Musik bestimmt und erhielt aus dem Sternschen Konservatorium und der Theodor Kullakschen „Akademie der Tonkunst" feine Ausbildung. Infolge Ueberanstrengung eines Fingers beim Klavierstudium mußte er dem. Pinnistenberuf entsagen und widmete sich den musikalischen Wissenschaften und dem Lehrfach. Er hielt viele musikwissenschaftliche Vorträge, namentlich populärer Art, in denen er als einer der Ersten klingende Beispiele am Klavier einführte, und schrieb Aufsätze für Musikzeitungen; einige der letzteren sind gesammelt herausgekommen. Sein Hauptwerk, die Frucht vieljähriger Kunsterfahrung und philosophischer Untersuchung, ist die von uns seinerzeit eingehend gewürdigte „Musik-Aesthetik in kurzer und gemeinfaßlicher Darstellung" (Stuttgart, bei Grüninger), eine Arbeit, die außerordentliches Lob von ersten Autoritäten geerntet und starke Verbreitung in den Kreisen der Musiker und Musikfreunde gefunden hat. Seit ungefähr 25 Jahren ist er Mitglied der Dozentenschaft der Volksschule. „Humboldt-Akademie". Im Jahre 1907 ist ihm der Professortitel verliehen worden. — William Wolff hat schon in jungen Jahren der hiesigen Gemeinde musikalisch seine Kraft gewidmet. Zwölfjährig wurde er Sopranist im Chor der alten (damals einzigen)'Synagoge unter Lewandowski und Lichtenstein. Als die Gemeinde Jnterimssynagogen für die hohen Feiertage einrichtete, wurde er an die erste derselben als Chordirigent berufen (in dem inzwischen verschwundenen „Gesellschaftshans"). Als Jnterimsdirigent ist er dann auch in der Folgezeit fast immer tätig gewesen, bis er vor 17 Jahren bei der Gründung^ der Synagoge Lindenstraße an diese berufen wurde. Hier führte er zum ersten Male mit Zustimmung der Gemeindebehörde den aus Damen statt aus Knaben bestehenden Sopran und Alt ein. Seit 15 Jahren ist er zugleich Lehrer der Musik und Liturgie als Nachfolger Lewandowskis an der Lehrerbildungsanstalt der Gemeinde. Ferner leitet er zusammen mit Musikdirektor Kantor Friedmann r den vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde eingerichteten „Fortbildungskursus für Kantoren". William Wolff ist einer der besten und liebenswürdigsten Menschen, die es gibt, den alle, die ihn kennen, schätzen und lieben. Unsere herzlichsten Glückwünsche zu seinem Ehrentage! 8. -Berlin, 20. April. Der letzte Vortrag zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums hielt Rabbiner Dr. Lucas-Glogau, und zwar über das angesichts der Vorgänge der jüngsten Vergangenheit besonders interessante Thema: „Die Juden in Portugal". Nach einem kurzen Ueberblick über die Entwicklung des portugiesischen Staates führte der Redner die Zuhörer zunächst in die Blüteperiode des Judentums im alten Lusitanien. Im 13. und 14. Jahrhundert genossen die Juden hier, ungeachtet aller Beschlüsse des Lateranischen Konzils, alle Bewegungsfreiheit. Zwar fehlte es nicht ganz an merkwürdigen Steuern, die sie zu entrichten hatten, so für den Verrat des Judas Jscharioth (!); auch mußten sie zu jedem neuen königlichen Schiff einen Anker und ein Tau von 60 Ellen Länge beisteuern, im großen und ganzen aber konnten sie sich ungestört dem Handel wie wissenschaftlichen Bestrebungen hingeben. Selbst ihr religiöses und Gemeindeleben war staatlich geschützt und geregelt. An der Spitze der Judenheit stand ein Großrabbiner, dem sieben Provinzialrabbiner unterstellt waren, die wiederum die Lokalrabbiner ernannten. Infolge des zunehmenden Wohlstandes rissen bei den Juden Luxus und religiöser Jndifferentismus ein. Den Höhepunkt ihres Glanzes, zugleich aber auch die Anfänge des Verfalls und schrecklichen Unterganges erlebten sie unter dem durch seine „Ordonnanzen" sowie durch seine zahlreichen Kriege mit den Spaniern und den Mauren bekannten Alfons V. (1448 bis 1481). An den Feldzügen nahmen auch viele Juden teil und zeichneten sich dabei rühmlich aus. Andere bekleideten hohe Staatsstellungen, wie Alfons' diplomatischer Berater Josef ibn Jachia, von dem uns ein interessantes, mit seinem Souverän gepflogenes Religionsgespräch bekannt ist. Neben diesen Männern aus der nächsten Umgebung ist als Förderer der Schiffahrt zu erwähnen Jose Vecino, der mit dem deutschen Astronomen 'Martin Behaim, dem Mathematiker Salomo und dein gleichfalls jüdischen Leibarzt des Königs, Rodrigo, einer nautischen Kommission ängehörte, der unter anderem auch Columbus seine Pläne unterbreitete. Auch als Mathematiker leisteten die portugiesischen. Juden Hervorragendes. Allen diesen wissenschaftlichen und sonstigen geistigen Betätigungen bereitete die traurige, von Spanien aus verpflanzte Einrichtung der Inquisition ein jähes Ende. In Portugal war es zunächst ein von jüdischen Eltern geborener Jnquisitionsrichter, Henriquez Nunez, der die Marannen ausspionierte, bis er von seinen ehemaligen Glaubensgenossenerdolcht wurde. Zum Unglück für die Juden hinterließ er aber drei an die Obrigkeit gerichtete Briefe, in denen er die Rainen aller Marannen, darunter den seines eigenen Bruders, die Merkmale, an denen sie am besten zu erkennen seien, und die Mittel zu ihrer Bekämpfung genau angab. Zum Danke für seine der alleinseligmachenden Kirche geleisteten Dienste wurde er heilig gesprochen. Die aus Spanien geflüchteten 120.000 Juden mußten nun, da die Pest unter ihnen ausbrach, trotzdem ihnen ein achtmonatlicher Aufenthalt bewilligt worden war, ihren Fuß weiter setzen. Dank den von spanischen Dominikanern gesponnenen Ränken war das Schicksal der einheimischen portugiesischen Juden bald ein nicht weniger trauriges. Als der Kronprinz nach