Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1908)
- Date
- 1908-04-24
- Page
- Seite 203 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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203 Ski??rn aus der Gegenwart. (Keine Märchen, sondern Tatsachen.) Nacherzählt von Hugo Schachtel. JI rtilleriehauptmann X., Sohn eines Preußischen höheren evangelischen Geistlichen, befand sich neulich in einer Gesellschaft, in der auch eine jüdische junge Dame war. Das Gespräch kam aus die Juden beim Militär. Der Hauptmann erzählte: „Daß ich Juden gegenüber durchaus vorurteilsfrei bin, wissen Sie alle, die Sie mich kennen, das wissen aber noch besser die jüdischen Soldaten, die unter mir gedient haben. Jüngst aber tat es mir nachträglich leid, daß ich einem — militärisch ganz tüchtigen — jüdischen Einjährigen die Tressen gegeben hatte. Ich wußte von früher, daß er — er sah gar nicht jüdisch aus — sein Judentum verheimlichte. Als wir während des Manövers nach einem durchaus jüdischen Städtchen im Posenschen kamen, erfuhr ich, daß er den Fourier gebeten hatte, man möge ihn ja zu keinem Juden ins Quartier legen- Ich ordnete an, daß er gerade zu einem Juden kommen solle. Ich wohnte übrigens auch bei Juden und hatte keinerlei Grund zu einer Klage. Im Gegenteil. Er kam zu einem Herrn Cohn. Ich erfuhr nachher, daß er — es war Quartier mit Verpflegung — von dem Manne verlangte, er möge ihm Schinken besorgen. Der Mann gab ihm die richtige Antwort: Wären Sie Christ, hätte ich es getan, einem Juden besorge ich keinen Schinken. Als wir dann am jüdischen Neujahrstage gegen Mittag über den Marktplatz dieses Städtchens ritten, kamen die Juden gerade aus ihrem Gotteshaus. Ich wußte genau, welch hoher Feiertag der Tag für sie war, ich machte mir aber den Spaß, an diesen meinen Einjährigen heranzureiten und ihn zu fragen, was denn da los wäre, daß die Juden so festlich ungezogen sind. Natürlich! behauptet der Mensch, keine Ahnung zu haben. Diese ganzen! Geschichten ärgerten mich schon, da er aber ein tüchtiger Soldat; war, gab ich ihm schließlich doch die Tressen. Aber kaum hat er! die Dinger am Leibe, da kommt er und will Urlaub haben.! Wozu? Um sie in seinem Heimatsstädtchen einen halben Tag j spazieren zu führen, damit zu paradieren. Da sagte ich ihm! aber doch: Sie sollten sich die Treffen auf den Zivilrock nähen! lassen, damit es nur ja nachher jeder sieht und weiß... Ein! zuwiderer Kerl. So etwas kann einen wirklich zum Anti-! semiten machen ..."! Referendar S. hat sich schon als Student taufen lassen. Er macht aus den Motiven kein Hehl und spricht ungeniert darüber. Eines Tages erzählt er einem jüdischen Kollegen folgendes amüsante Erlebnis: „Als ich beim Rat L. arbeitete, schikanierte er mich die erste Zeit nicht zu knapp, war auch wenig höflich, und ich hatte keine Ahnung von der Ursache dieser ganzen Art, die sich ganz speziell gegen mich zu richten schien. Daß mir trotz der Taufe mein jüdisches Gesicht geblieben war, konnte doch nicht die Veranlassung sein. Denn er selbst hatte auch einen ganz ausgesprochen jüdischen Typ trotz seiner Kirchenvorstandschaft. Eines Tags bat ich ihn um Urlaub, um eine Uebung mitzumachen. Etwas höhnisch fragte er mich, wie weit ich es denn beim Militär gebracht hätte. Ich antwortete ihm, daß ich in den: X. ten Regiment Leutnant der Reserve sei. Ich glaubte im Moment, den Mann trifft der Schlag. „Das liegt doch in Preußen? Sind Sie nicht Jude?" — Da ging mir ein Seifensieder auf. „Mein Taufschein befindet sich bei meinen Personalakten," erwiderte ich. Er ließ sich, die sofort bringen, und in freundlichstem Tone sagte er zu mir: „Davon hatte ich ja keine Ahnung." Und von diesem Moment war er wie umgewandelt, war höflich und liebenswürdig und schikanierte mich durchaus nicht mehr. Das Tollste dabei aber ist, daß der Mann selbst ein getaufter Jude ist." Die drei LonkeMonkn.' in meisten aber hat's mich geärgert, daß da ä paar gewesen sin, wo mer auf der Straß nachgerufen haben: „Iudd! Judd!" Un ich habb bitter drüber geflennt un habbs mei'm Tate erzählt un en gefragt: „Sin wir Juden wirklich schlechter als die Protestanten un die Katholiken?" Un da habb ich gesehen, was mei Tate for ä kluger un gescheiter Mann war, obwohl er nur mit Pferde gehandelt hat un nicht mit Philosophie. Denn er hat mich genommen bei der Hand un is gegangen mit mer ans den Marktplatz von Hattersheim, un hat gekauft bei der einen Obstbud' ä Pfund Pflaumen un hat se sich tun lassen in ä große Düte. Dann is er gegangen zu ä zweite Obstbud' un hat wieder gekauft ä Pfund Pflaumen un hat se sich wieder tun lassen in ä große Düte. Un dann hat er gekauft ä drittes Pfund Pflaumen un hat se tun lassen in ä dritte Düte. Habb ich gedacht: was geht vor? Soll ich das alles essen? Hat er die Pflaumeritis? — Also, mei Tate geht mit mer nach Hans, stellt sich in die Küch' un sägt: „Moritzche," hat er gesagt, „hier siehst de drei Düten. In ü jede davon is ein Pfund Pflamnen. Nun nehm ich den Bleistift un schreib auf die eine Düte „Protestanten"! So! Un auf die zweite schreib ich „Katholiken"! So! Un auf die dritte schreib ich „Juden"! So! Un nun nehm ich ä Schüssel und schütte rein die ganzen Pflaumen!" „Hör auf!" habb ich geschrien. „Was machst de for ü konfessionellen Durcheinander!" Aber es war schon zu spät, schon war das ganze Obst in einer Schüssel. Un jetzt hat mei Tate eine Pflaume nach der anderen genommen un hat se aufgemacht un gesehen, ob ä Wurm drinnen is. Un die wurmigen hat er gelegt aus die rechte Seit, un die guten hat er gelegt auf die linke Seit. Un er hat gar klug vor sich hingelacht, un wie er fertig war, hat er gesagt: „Nu, Moritzche, mein Sohn, such mer die Protestanten heraus, un die Katholiken un unsere Leut'!" Ich habb die Achseln gezuckt nn-erwidert:. „Was verlangst de for Unmöglichkeiten von mir?" „Siehst de," hat mei Tate triumphiert, „es is unmöglich! Un du kannst mer glauben, mei Kind: Genau eso, wie ich's mit den Pflaumen gemacht habb, wirds der allmächtige Gott mit uns Menschen machen. Er wird nicht fragen, ob Jud, ob Protestant, ob Katholik, sondern er wird sehen in ihr Inneres, un er wird nachschauen, ob se gut sin, oder ob se schlecht sin, genau eso, wie ich's mit de Pflaumen gemacht habb! Er wird nicht unterscheiden „Jud" un „Katholik" un „Protestant", sondern er wird unterscheiden: „gut" und „schlecht"! *) Wir bringen mit gütiger Erlaubnis des Verlages diese kurze Probe aus dein soeben erschienenen humoristischen Werke „Moritzchens Tagebuch" von Edgar Kolmar. Eine Besprechung des Buches finden unsere Leser in den „Literarischen Mitteilungen" der vorliegenden Nummer.