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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-24 · Heft 17 (24.4.1908) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 17 (24.4.1908)
Date
1908-04-24
Page
Seite 202 (sequence 12)
Language
German
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202 allmähliche Verschmelzung mit dem Christentum ist für den Islam nur dann möglich, wenn es in einer Weise vorgetragen wird, in welcher Mohammeds Polemik gegen dasselbe keine Anwendung mehr findet. Fahren aber die christlichen Missionare wie bisher fort, von den Muselmännern geradezu einen Glauben an Dogmen zu fordern, die sie unmöglich begreifen können, und die sie wie der Stifter ihrer Religion als Abgötterei zu verwerfen geeignet sind, so müssen wie bisher alle ihre Bemühungen ohne Erfolg bleiben. Statt durch den Katechismus und die Bibel, welche ohne Kommentar dem Nichtchristen ein verschlossenes Buch bleibt, dessen Aeußeres eher abstoßend als anziehend ist, müßte man die Mohammedaner durch gründliches Studium der Welt- und Neligionsgeschichte sowie der Naturwissenschaft aufzuklären suchen. Wären die Summen, welche alljährlich von den verschiedenen Misstonsgesellschasten für Bekehrung der Mohammedaner ausgegeben werden, für Gründung guter Schulen verwendet worden, so hätten die in den Orient gesandten guten Lehrer die Grundpfeiler des Islam mehr untergraben, als die Missionare mit ihren umhergeschleuderten Nebersetzungen von Katechismus und Evangelium." Im Zusammenhang mit seinen mohammedanischen Studien ' stehen die „Biblischen Legende:: der Muselmänner" (Frankfurt 1845), worin Weil die biblischen Legenden gesammelt hat, die der Koran ausgenommen hat, und die die jüdischen Einflüsse im Islam markieren. Durch diese Arbeiten rückte er in die Reihe der ersten Orientalisten. Während der Nus des Forschers ein hochgeachteter wurde, wollte seine akademische Laufbahn gar nicht vorwärts schreiten. Erst im August 1845 wurde er Extra-Ordinarius, aber er mußte lange warten, bis man ihn zum ordentlichen Professor ernannte. Erbittert und maßlos gekränkt über diese ihm gewordene Zurücksetzung, ließ er sich im Jahre 1859 fortreißen, weitere Kolleganzeigen zu verweigern, weil sein Gehalt nur für seine Bibliothekdienste, nicht aber für seine Professur ausgeworfen worden sei, für welch letztere er gar kein Entgelt erhalte; aber erst zwei Jahre später wurde er unter Enthebung von seinem Bibliotheksposten zum Ordinarius ernannt. Endlich kam auch für ihn die Zeit der Anerkennung. Könige und Fürsten zeichneten ihn durch hohe Orden, Akademien und gelehrte Gesellschaften durch Ernennung zum Ehrenmitgliede aus. In der Zeit der schlimmsten Zurücksetzung schrieb er mehrere seiner hervorragendsten Werke, die seinen Namen auch der Nachwelt überliefern werden. Hier seien nur die folgenden noch genannt: „Geschichte der Kalifen" (Mannheim und Stuttgart 1846 bis 1851, 3 Bände), „Geschichte des Abbassidenkalifats in Aegypten" (daselbst 1860 bis 1862), „Geschichte der islamitischen Völker von Mohammed bis zur Zeit des Sultans Selim" (daselbst 1866) und andere mehr. Hier sei nur des ersteren umfassenden Hauptwerkes aus dem Grunde gedacht, weil darin nicht allein die wissenschaftliche Gründlichkeit, der rege Forschergeist und das umfassende Wissen, sondern zugleich auch jene große Eigenschaft zutage tritt, die erst den Geschichtsforscher und Geschichtsschreiber adelt, nämlich der objektive Sinn und das Streben nach unbedingter Wahrheit. Mit Recht bemerkt der alttestamentliche Exeget Professor Merx in einem Aufsatz, den er über Gustav Weil geschrieben, daß mau die „Geschichte der Kalifen" nur dann würdigen könne, wenn man in Erwägung ziehe, in welchem Zustande die Kalifengeschichte vor dieser grundlegenden Arbeit sich befunden habe. Außer Eutychius und Abulfeda waren für die Gesamtgeschichte des Islam bis zum Untergang des Kalifats nur die Geschichte des Lemazin und des Gregorius Barhebräus oder Abülfaradsch „Geschichte der Dynastien" gedruckt vorhanden. Alles übrige war fragmentarische Darstellung einzelner Perioden. Vor Weil gab es keine modernen Ansprüchen genügende Darstellung dieser langen und wichtigen Periode des Mittelalters. So stand er vor einer gigantischen Aufgabe, die er nur durch seine außerordentliche Gewandtheit im Lesen arabischer Quellen auch in den Handschriften, bewältigen konnte. Seine Schrift ruhte wesentlich aus Handschriften, und 16 volle Jahre arbeitete er an diesem klassischen Standardwerk echt deutschen Getehrtenfleißes. Ihm gebührt der Ruhm, daß sein Werk für jeden eine unerschöpfliche Schatzkammer wurde, aus dem alle seine Nachfolger geschöpft haben. Auch Ranke, der Großmeister der deutschen Historiker, hat ihn fleißig benutzt. Unter den zahlreichen Kalifen, die Gustav Weil auf Grund der zuverlässigsten und zum Teil ganz neuen Quellen behandelt, steht uns keiner so nahe und ist eine so interessante kulturgeschichtliche Erscheinung, wie die des Kalifen Harun Al Raschid, eines der Haupthelden, der von uns in einem früheren Artikel schon geschilderten arabisch-persischen Märchenerzählungen von „Tausend und eine Nacht". Wir erfahren unter anderem, daß der Name Harun Al Raschid, eigentlich Arraschid, . der Gerechte, den er aber nicht von seinen Zeitgenossen oder von der Nachwelt, sondern von seinem Vater Mahdi erhalten habe, als er zun: Thronfolger bestimmt ward, ihm unverdient zukomme. Seinen großen Namen habe er lediglich den berühmten Männern, die zu seiner Zeit lebten, dem Verfall des Reiches und besonders der Hauptstadt Bagdad, den Pilgerfahrten, die er, von einer Schar Theologen umgeben, nach Mekka und Medina gemacht, und mehreren glücklichen Feldzügen gegen die Byzantiner verdankt. Sei er auch ein gebildeter, liebenswürdiger, geistreicher, kräftiger, tapferer, freigebiger und prachtliebender Regent gewesen, so habe ihm doch die Gerechtigkeit gefehlt. Die unermeßlichen Schätze, die er hinterlassen, seien nicht immer auf dem Wege des Rechts gesammelt worden; auch sei ihn: jedes Mittel recht gewesen, um seine Feinde, es mochten persönliche oder staatsgefährliche sein, zu verderben, und selbst die heiligsten Schwüre seien von ihm verletzt worden, wenn es galt, einen ihm verdächtigen Menschen aus der Welt zu schaffen. Grausam und tyrannisch sei er gewesen, was schon seine ruchlose Vertilgung der unglücklichen Familie der Varmakiden beweise. Gustav Weil war nicht allein Orientalist, Geschichtsforscher und akademischer Lehrer, sondern auch ein tüchtiger Münzenkenner, der 1860 für das großherzogliche Kabinett umfassende Münzbestimmungen machte. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens erlahmte seine Tätigkeit; er schrieb nur noch kleinere Aufsätze und Rezensionen, namentlich für die Heidelberger Jahrbücher und die Jenaische Literaturzeitung, deren wissenschaftlicher Wert ein bedeutender war. Auch trieb er Studien über das islamitische Recht, für die er handschriftliche Werke aus Aegypten mitgebracht hatte. Seine letzte Arbeit war die Katalogisierung der vom Londoner Buchhä::dler Trübner der Universität Heidelberg geschenkten morgenländischen Handschriften. Die badische Regierung, die ihm schon früher für feine wissenschaftlichen Reisen wiederholt Urlaub und Mittel gewährt hatte, ehrte ihn im September 1881 durch Ernennung zum Hofrat. Weihnachten 1888 wurde er, weil er kränkelte und altersschwach war, auf seinen Wunsche pensioniert. Er starb ein Jahr daraus — 81 Jahre alt — au: 29. September 1889 in Freiburg i. Br. Seine Nachkommen haben, um ihrem Vater ein dauerndes Gedächtnis an der langjährigen Stätte seines Wirkens zu errichten, seine Sammlung arabischer Handschriften und orientalischer Drucke der Heidelberger Universitätsbibliothek vermacht. ->#<-

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