Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1908)
- Date
- 1908-04-24
- Page
- Seite 201 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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201 Als er sich weigerte, sich ein er Quarantäne zu unterwerfen, wurde er im März 1835 aus dem Dienst entlassen. Er ging hierauf mit seinen Ersparnissen zunächst nach Konstantinopel, wo er sich einige Zeit der Ausbildung im Türkischen widmete und kehrte sodann nach Deutschland zurück. Am 1. November 1836 wurde der junge Gelehrte als Kollaborator an der Bibliothek zu Heidelberg mit 500 Gulden Gehalt angestellt. Auch erhielt er die Erlaubnis, nachdem er im Jahre 1836 in Tübingen sich den Doktorgrad erworben hatte, sich an der Heidelberger Universität zu habilitieren. Schon im März wurde er Bibliothekar. In dieser Stellung veröffentlichte er seine Erstlingsschrift: „Die Poetische Literatur der Araber vor und unmittelbar nach Mohammed", (Stuttgart und Tübingen 1835). Der Verfaffer widmete dies Opus seinem „hochverehrten Lehrer Dr. Friedrich W. C. Umbreit, Geheimrat und ordentlicher Professor der Theologie zu Heidelberg". Ueber die Entstehungsgeschichte der kleinen Arbeit spricht sich Weil im Vorwort in interessanter Weise aus. Er berichtet dort unter anderem, daß ihm, behufs Erlaubnis, an der Universität Vorlesungen halten zu dürfen, von der Fakultät die Frage zur Beantwortung gestellt worden sei: „Wie die arabische Poesie vor Mohammed beschaffen sei, und welchen Einfluß der Prophet auf sie geübt habe?" Der Gegenstand habe ihn von so hoher Bedeutung für die arabische Kultur- und Literaturgeschichte geschienen, und er habe so manches in den hierüber herrschenden Ansichten zu berichtigen und zu ergänzen gefunden, daß er die Vorlesung, die er noch am selben Tage, an dem ihm die Frage mitgeteilt worden tocrc, gehalten, später ausführlicher bearbeitete, in welcher Gestalt er sie nun dem Publikum vorlege. In dieser Schrift zeichnet der Verfasser die bestimmten Umrisse des Charakters der vor- und nachislamitischen Dichtkunst und gibt genau die wahren Gründe ihrer Blüte wie ihres Verfalls und den mittelbaren und unmittelbaren Einfluß an, den Mohammed aus dieselbe hatte. Die allgemeine Aufmerksamkeit der literarischen wie der Laienwelt richtete sich auf Gustav Weil, als er seine mustergültige und geradezu klassisch zu nennende Uebersetzung von „Tausend und eine Nacht" (Stuttgart und Tübingen, 1837 bis 1841, 4 Bände) veröffentlichte. Ich habe mich darüber an dieser Stelle schon früher geäußert, so daß ich über den Gegenstand nichts mehr zu sagen brauche. Hier sei nur erwähnt, daß ihm der Ruhm gehört, die ganze arabisch-persische Sagensammlung zum erstenmal aus dem Original ins Deutsche übersetzt zu haben. Er legte dabei die arabische Textausgabe des Scheich Abd-er-rahmLn es-safti esch-scharq awi (Bulaq 1835, 2 Bände) zugrunde und benutzte daneben eine Gothaer Handschrift. Welche ungeheure Schwierigkeiten er hierbei zu bewältigen hatte, das beweist das Geständnis des englischen Arabisten Lane, der eine englische Uebersetzung von „Tausend und eine Nacht" herausgegeben, und dort von sich selbst sagt, daß er für seine Arbeit unendlich viel den Erklärungen, des Scheich Mohammed Agyad, der der Lehrer Weils war, verdanke. Dieser habe die Textfehler verbessert, die Verse vokalisiert und veraltete unmoderne Worte, die kein Lexikon enthalte, erklärt, kurierst die Wege zum Verständnis gebahnt; ohne seine Hilse würde er die Uebersetzung nie gewagt haben, ja auch mit ihr nicht, wenn er nicht unter Arabern gelebt hätte. Die Persönlichkeit und das Wirken Mohammeds chatte für Weil stets einen hohen Reiz, und er war dazu geschaffen, den Propheten, Religionsstifter und Helden voll und ganz zu würdigen. So wurde denn sein Werk: „Mohammed der Prophet, sein Leben und seine Lehre" (Stuttgart 1843) eine 'cht wissenschaftliche und kritische Biographie. Da er den Islam auch praktisch kannte und seine Sprache redete, benutzte er für seine Arbeit vielfach noch ungedruckte oder unbearbeitete arabische und türkische Quellen, überall mit der größten Genauigkeit, Gründlichkeit und kritischen Schärfe verfahrend. Die Reichhaltigkeit des mitgeteilten Materials und die anziehende lichtvolle Darstellung verleihen dieser Biographie Mohammeds einen hohen Wert. Wie er seine Ausgabe aufgefaßt hat, darüber spricht sich Weil in der Einleitung aus: »Ich habe das tatenreiche Leben Mohammeds ohne Vorurteil irgendeiner Art forschend und prüfend Schritt für Schritt in den Quellen verfolgt und eifrig danach gestrebt, die historische Wahrheit,, in die es gehüllt ist, hervorzuziehen, und wo sich kein sicherer Boden gewinnen ließ, dem Leser meine Zweifel offen dargelegt. Ob mir aber die Sonderung der Legende von der Geschichte und die Auffassung und Schilderung dieses rätselhaften Charakters ebenso gelungen ist wie die Ergründung der Quellen, für die mir mein eigenes Bewußtsein Zeugnis ablegt, muß ich dem Urteil unbefangener Kenner überlassen. In der Darstellung schloß ich mich soviel als möglich den Quellen an, aus denen ich geschöpst, und die in ihrer Klarheit und Einfachheit hoch über den später orientalischen Historikern stehen, die auch durch eine bilderreiche, häufig in das Schaulustige ausartende Sprache zu glänzen suchen. Wissen wir doch aus den neuesten Werken mancher abendländischen Geschichtsschreiber, daß nicht selten schöngeordnete und aus Eindruck berechnete Phrasen durch Aufopferung historischer Genauigkeit erkauft werden. Nachdem ich, ohne Furcht als unbescheiden zu gelten, auf das, was ich geleistet, aufmerksam gemacht, weil doch im Grunde jeder wissenschaftlich gebildete Orientalist mit ausrichtigem Streben und unverdrossenem Fleiße dasselbe tun könnte, gestehe ich ganz offen, daß mir auch die Schattenseiten meiner Arbeit keineswegs verborgen geblieben, und ich wohl einsehe, daß sie besonders in formeller Beziehung viel zu wünschen übrig läßt. Ich glaube um so mehr au- Nachsicht rechnen zu dürfen, als dies mein erster historischer Versuch ist, und ich aus der Sphäre meines eigentlichen Berufes heraustreten mußte. In derselben Richtung hat Gustav Weil später noch zwei Schriften veröffentlicht, nämlich die „Historisch-kritische Einleitung in den Koran" und „Das Leben Mohammeds, nach Mohammed JbnJshLk, bearbeitet von Abd-el-Malik ibn Hischän", die in dankenswerter Weise diese seine Forschungen betreffs des Lebens und des Wirkens Mohammeds und des Einflusses desselben auf die islamitische Welt ergänzen. Die „Historisch-kritische Einleitung in den Koran" entstand infolge der Aufforderung der Verlagsbuchhandlung, zu einer Uebersetzung des Koran die Einleitung zu schreiben. Besonders wertvoll ist der zweite Abschnitt, der den Koran behandelt und das Ergebnis der Forschungen Weils über dieEntstehungsgeschichte, Redaktion, Einteilung, Schreibart, chronologische Ordnung der Kapitel sowie etwaige spätere Zusätze und Auslassungen des Korans enthält. In dem dritten Abschnitt gibt der Verfasser Aufschlüsse über das Wesen des Islam, die Geschichte seiner wichtigsten Lehrsätze, Gesetze und Sittenlehren sowie Betrachtungen über das Verhältnis des Mohammedismus zum Juden- und Christentum. Aus der Fülle der geistreichen und interessanten Bemerkungen Weils sei nur auszugsweise jene Stelle wiedergegeben, worin er die Frage auswirft, welche Zukunft dem Islam bevorstehe, und welche Fortschritte er machen müsse, um sich auf die Höhe der europäischen Zivilisation zu schwingen? Er beantwortet dieselbe dahin: „Wir glauben, daß der Islam mit dem Reformjudentum ganz denselben Weg zu wandeln hat, und zwar hinsichtlich der Unterscheidung in der heiligen Schrift zwischen ewigen Wahrheiten und zwischen Gesetzen und Vorschriften, die nur durch vorangehende äußere Umstände hervorgerufen und nur für eine gewisse Zeit und ein bestimmtes Land geeignete wären. Eine einstige