Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-24 · Heft 17 (24.4.1908) · p. Seite 200

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 17 (24.4.1908)
Date
1908-04-24
Page
Seite 200 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228816--64450-3276514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

in einer abgeschlossenen religiös-sittlichen Weltanschauung-— und die sollen wir doch den Kindern bieten — die Einheitlichkeit der ethischen Begriffe stört. Oder ich erinnere an die Lehre Ezechiels: „Die Seele, die sündigt, soll sterben." Dieser Satz ist richtig, wenn wir ihn nur auf das sittliche Leben der Menschen beziehen und damit ausdrücken wollen: Wer sündigt, der richtet sich selbst sittlich zugrunde. So aufgesaßt, hat das Wort Ewigkeitswert, denn es festigt in uns die Erkenntnis, daß wir bis zu einem gewissen Grade selbst unser Schicksal schaffen; es stärkt das Bewußtsein unserer Verantwortlichkeit. Aber wir dürfen nun dem Propheten nicht weiter folgen, wenn er den Satz auch aus den physischen Tod bezieht; wir dürfen uns seiner Meinung nicht anschließen, die Sünde ziehe notwendig als Strafe immer auch den physischen Untergang nach sich. Eine solche Auffassung ist unhaltbar, denn sie sucht einen Zusammenhang zu schaffen, der in Wirklichkeit nicht besteht und den später, auch das Buch Hiob mit aller Entschiedenheit abgelehnt hat. Sittengesetz und Naturgesetz, Versündigung und Schicksalsschläge, die wir nicht begreifen, haben nichts miteinander zu tun. Daraus folgt, daß wir im Religionsbuche den Ausspruch Ezechiels nur in seiner Beziehung auf den sittlichen Tod des Sünders verwerten dürfen. Die weitere Behauptung des Propheten, auch zerstörende Naturereignisse, die den Tod des Menschen zur Folge; haben, seien als Strafe für die vorangegangeye Sünde auszufassen, scheidet von selbst aus. An ihre Stelle tritt die Behandlung, die das Problem in dem Buche Hiob gesunden hat. Den Kindern erscheint diese Verbindung Ezechiels mit dem Buche Hiob in der Darstellung des Religionsbuches als einheitliche Weltansch auung. Sie wissen nichts von der Entwicklung der Ideen, weil sie vor die vollendete Tatsache gestellt werden. Sie nehmen den Gedankengang hin, wie das Religionsbuch ihn bietet, und so bekommen sie eine Auffassung von Lohn und Strafe im sittlichen Leben, die unserem modernen Denken entspricht und doch jüdische Weltanschauung ist. Aus dem bis jetzt Gesagten ergibt sich, daß das Buch weder eine Tendenz haben, noch Polemik enthalten darf. Die Ethik des Judentums ist nicht freisinnig und nicht orthodox; sie darf deshalb auch nicht vom Parteistandpunkt aus beurteilt werden. Ein Religionsbuch soll ausschließlich dem Zweck dienen, den Kindern die religiös-sittliche Weltanschauung des Judentums in objektiver Darstellung zu vermitteln. Ich habe mich bemüht, dieser Forderung gerecht zu werden. Eine „Methodische Anleitung", die als gesonderte Beilage zu dem Buche erscheint, führt in die Behandlung des Stoffes ein. Die Darstellung ihrer Grundsätze geht über den Rahmen dieses Aufsatzes hinaus. Nur eins sei hier noch bemerkt: es ist selbstverständliche Voraussetzung, daß der Unterricht nur von ordnungsmäßig vorgebildeten Religionslehrern erteilt wird. Was in Westfalen möglich ist, muß auch in anderen Provinzen möglich sein. Denn Westfalen hat weder besonders reiche noch sehr große Gemeinden, und trotzdem stellen diese grundsätzlich nur staatlich geprüfte Lehrer an. Ungenügend vorgebildete Lehrkräfte sind nicht imstande, den Religionsunterricht nach den hier dargelegten Grundsätzen zu erteilen. Ein solcher Unterricht muß. in doppeltem Sinne Persönlichkeitsunterricht sein: er stellt die großen Persönlichkeiten der Bibel in den Mittelpunkt des Interesses und fordert zugleich,* daß. der Lehrer selbst eine Persönlichkeit ist, die sich nicht sklavisch, an jedes Wort eines Lehrbuches bindet, sondern den Stoff meistert, weil sie ihn beherrscht, eine Persönlichkeit, die den Kindern mit warmherziger Begeisterung bietet, was sie in ernster Arbeit sich selbst erworben hat: bte~ religiös-sittliche Weltanschauung des prophetischen Judentums. Lin berühmter Orientalist. Von Dr. Adolph Kohut. Unter den großen Arabisten des vorigen Jahrhunderts, die durch ihre bahnbrechenden Arbeiten nicht wenig dazu beigetragen haben, die Schätze der einst so blühenden arabischen Literatur aus Archiven und Bibliotheken ans Tageslicht zu fördern, über die Geschichte des arabischen Geisteslebens zur Zeit ihrer Blüte neues Licht zu verbreiten und das Kalifat und die Kalifen durch mustergültige historische Werke dem Verständnis der Zeitgenossen näher zu bringen, nimmt Gustav Weil einen der ersten Plätze ein. Gehörte er doch zu den wenigen großen Arabisten, die nicht allein für die Fachgelehrten und die streng wissenschaftlichen Forscher, sondern auch für das große gebildete Publikum schrieben. Er war nicht der Ansicht, daß die Laienwelt über die Ergebnisse der Kultur und Literatur nicht orientiert zu werden brauchte, vielmehr war er bemüht, die schweren Goldbarren seiner wissenschaftlichen Kenntnis in die leicht kursierende Münze der volkstümlichen Darstellung umzuwandeln. Gustav Weil wurde in Sulzburg im badischen Oberland am 25. April 1808 als Sohn wohlhabender israelischer Eltern geboren. Er genoß eine gründliche Erziehung und wurde schon frühzeitig, namentlich in Sprachen, und zwar neben dem Deutschen, Französischen, Englischen auch im Lateinischen und Hebräischen unterrichtet. Im zwölften Lebensjahre kam er nach Metz zu seinem Großvater, dem dortigen Konsistorialrabbiner, um sich dem rabbinischen Studium zu widmen. Diesem Aufenthalt verdankte der junge Weil seine Gewandt" heit im mündlichen und schriftlichen Gebrauch der französischen Sprache, die es ihm später ermöglichte, in Aegypten eine Lehrerstelle anzunehmen. Mit 20 Jahren kam er auf die Universität Heidelberg, wo er sich entschloß, dem rabbinischen Studium den Rücken zu kehren und eine Gelehrtenlaufbahn zu betreten. Immerhin gewährte ihm das Studium des Talmud großen Nutzen, indem es ihm Gelegenheit bot, bei. seinen ausgedehnten Forschungen aus dem Gebiete des moslimischen Rechts lehrreiche Vergleiche mit dem talmudischen Recht anzustellen. In Heidelberg widmete er sich mit Eifer dem Studium des Arabischen und wandte sich nach vier Semestern nach Paris, welches damals unter de Sacy die wahre Hochschule für arabische und persische Studien war. Inzwischen hatten seine Eltern ihr Vermögen verloren, und Gustav Weil war auf seine eigene Kraft angewiesen: In Paris half er sich kümmerlich durch und hatte zuweilen keinen Sons in der Tasche. Um aus feiner bedrängten Lage herauszukommen, faßte er den abenteuerlichen Plan, der französischen Expeditionsarmee nach Algier zu folgen. Die Mittel hierzu erhielt er von dem Buchhändler Cotta, dem Herausgeber der „Augsburger Allgemeinen Zeitung", für welches Blatt er Berichte vom Kriegsschauplätze zu schreiben hatte. Von Algier ging er dann nach Kairo, wo er imJahre1831 als Lehrer der französischen Sprache an derSchule von Abu Zabel mit einem Gehalt von 7800 Piaster — etwa 560 Mark — angestellt wurde und dort seine ausgedehnten arabischen Studien fortsetzen konnte. Auch eignete er sich das Neupersische und Türkische an, welch letztere Sprache er vollkommen las und sprach.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.