Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-24 · Heft 17 (24.4.1908) · p. Seite 199

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 17 (24.4.1908)
Date
1908-04-24
Page
Seite 199 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228816--64449-3276513
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

199 Geist unserer Religion spiegelt sich aut reinsten in den Schriften unserer Propheten wider. Die von ihnen vertretenen Ideen bedeuten den Höhepunkt in der Entwicklung des Judentums. Ihre Lehren von Gott und von der Bestimmung des Menschen sind in keiner späteren Periode übertroffen worden. Die religiös-sittliche Weltanschauung, die der systematische Religionsunterricht den Schülern vermitteln soll, ist also die Weltanschauung unserer Propheten. Diese Auffassung habe ich auch in der Darstellung des Stoffes zum Ausdruck gebracht. In fast allen Kapiteln erscheinen die Prophetenals die Träger der religiös-sittlichen Ideen. Und neben den Propheten die Psalmisten. Dann aber auch die Helden der poetischen Bücher. Ich denke hier vor allem an Hiob. Die wunderbare Schilderung, die er im Kapitel 31 von seinem Lebenswandel entwirft, ist eine so herrliche Illustration zu der Lehre von der Bestinunung des Menschen, daß ich den Abschnitt meines Buches, der diese Lehre behandelt, gar nicht besser glaubte abschließen zu können als durch jene Rede Hiobs, die ich wegen ihrer Größe allerdings nur mit Auswahl zitieren konnte, aber die selbst in ihrer Kürzung noch die ethischen Forderungen der Propheten mit kraftvoller Lebendigkeit veranschaulicht. Auch das schwere und tiefe Problem, das in dem Kapitel „Menschenschicksal und Gottvertrauen" behandelt wird, kann Volt den Kindern nur begriffen werden, wenn sie es in der Darstellung des Buches Hiob kennen lernen. Der systematische Religionsunterricht schafft überhaupt nur dann eine religiöse Weltanschauung, wenn er statt trockner Definitionen lebendige Religion bietet, lebendig in den Persönlichkeiten und Erzählungen der Bibel. Bon diesem Gesichtspunkte aus habe ich insbesondere auch die biblische Urgeschichte'zur Belebung des religiösen Lehrstoffes herangezogen. Das Wesen der Sünde zum Beispiel läßt sich den Kindern gar nicht besser veranschaulichen als durch die Erzählung vom Sündenfall, deren wichtigsten Teil, das Eingreifen der Schlange, ich wörtlich in das Kapitel „Sünde und Buße" ausgenommen habe. Selbstverständlich bezeichne ich den Kindern gegenüber den Vorgang nicht als geschichtlich; ich würde ihnen, wenn sie mich danach fragenohne Bedenken zugestehen, daß ich das Ganze als Sage auffasse. Aber für die Bewertung der Erzählung ist das auch völlig gleichgültig, denn die ersten Kapitel der heiligen Schrift bieten uns ja keine Geschichte, sondern int Gewand der Sage religiös-sittliche Ideen dar, und - diese Ideen müssen im Religionsunterricht entwickelt werden. Die Kinder müssen in der Geschichte der ersten Sünde die Geschichte aller Sünden erkennen. Dann bringt ihnen die Sage vom Sündenfall sittlichen Gewinn; die Schwäche Evas gegenüber der Lockung von außen wird ihnen zum warnenden Beispiel, das sie zur Stärkung ihrer sittlichen Kraft mahnt, damit sie der Verführung nicht erliegen. Auch die ethischen Gedanken der Schöpfungsgeschichte muß der systematische Religionsunterricht für die religiöse Erkenntnis nutzbar machen. Nur seichter Rationalismus kann die sechs Schöpfungstage in sechs Schöpfungsperioden umdeuten, der Religionslehrer, der es ernst nimmt mit seiner Aufgabe, wird die Schöpfungsgeschichte anders behandeln. Ihm kommt es vor allem auf die Ideen an, die sich ungezwungen aus ihr entwickeln lassen, und von biefein Gesichtspunkte aus habe ich sie verwertet. Ich habe nachzuweisen versucht, daß in der biblischen Schöpfungsgeschichte die jüdische Lehre von dem Wesen Gottes ihren schönsten Ausdruck findet: Gott ist der Heilige. Der Mensch kann Gottes sittliche Vollkommenheit begreifen, denn er ist im Ebenbilde Gottes geschaffen. In der Einheit des Weltalls offenbart sich Gottes Weisheit und Allmacht. „Alles, was er geschaffen hat, war sehr gut." Die Natur und die sittliche Welt in ihrer Gesamtheit spiegeln die vollkommene Gottheit wieder. Das ist überhaupt das Wesentliche beim systematischen Religionsunterricht, daß er aus der biblischen Geschichte den Ewigkeitsgehalt heraushebt. Diese Erwägung hat mich auch bestimmt, in das Kapitel, das die zehn Gebote enthält, die Geschichte der sinaitischen Offenbarung nicht auszunehmen. Für die Ethik des Dekalogs ist diese Geschichte gleichgültig. Wer sie trotzdem bei der Besprechung der zehn Gebote behandeln will, der mag es tun und dabei den Standpunkt vertreten, der seiner religiösen Ueberzeugung entspricht. Der sittliche Gehalt der zehn Aussprüche wird von der Auffassung der Offenbarungsgeschichte nicht berührt. Warnen möchte ich nur auch hier wieder vor rationalistischen Erklärungsversuchen, die dem Vibelwort Zwang antun, ohne die Erkenntnis zu fördern. Für den systematischen Aufbau der religiös-sittlichen Lehren des Judentums kommt noch eins in Betracht. Wenn wir den Kindern eine einheitliche Weltanschauung vermitteln wollen, die unserem modernen Denken entspricht und zugleich den Anspruch erheben sott, jüdische Weltanschauung zu sein, dann können wir selbstverständlich nicht alle Ideen der Bibel in das systematische Lehrgebäude einfügen. Wir müssen eine Auswahl treffen, damit eins zum anderen paßt und die Einheitlichkeit des Ganzen nicht gestört wird. Auch die biblischen Ideen haben sich entwickelt, und die Anschaunngen unserer Propheten stehen nicht alle auf der gleichen Höhe. Mancher prophetische Gedanke, der aus seiner Zeit heraus verstanden werden muß, ist später überholt worden, und ein jüdisches Religionsbuch hat die Pflicht, diese Entwicklung 3it berücksichtigen. Es darf in seine Darstellung nur biblische Ideen aufnehmen, die ihren Wert für alle Zeiten behaupten. Was vor der besseren Einsicht einer fortgeschrittenen Erkenntnis nicht standhült, das gehört nicht in den Rahmen unserer jüdischen Weltanschauung hinein. Dieser Gesichtspunkt war auch bei der Bearbeitung des von mir herausgegebenen Religionsbuches maßgebend. Ich habe alles ausgeschaltet, was die Einheitlichkeit der Ideen stört, die das ewig Wesen des Judentums ausmachen. Zwei Beispiele mögen das erläutern. Die soziale Gesetzgebung der heiligen Schrift ist gewiß ein schönes Zeugnis für das gesunde soziale Denken der biblischen Gesetzgeber. Ich habe sie deshalb in dem Kapitel über „die Bestimmung des Menschen" und bei der Besprechung des vierten Gebotes eingehend gewürdigt. Und doch mußte ich dabei die eigentlichen Sklavengesetze übergehen. Denn sie mögen im allgemeinen noch so humanen Geist atmen, sie stehen immer in Widerspruch mit der Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die prinzipiell jeden Sklavendienst ausschließt. In den Oberklassen der höheren Lehranstalten kann nicht nur, sondern muß sogar auch das biblische Sklavengesetz in die geschichtliche Darstellung der Entwicklung der religiösen Ideen ausgenommen werden; aus der Stufe aber, für die mein Religionsbuch bestimmt ist, darf die Entwicklung der religiösen Ideen überhaupt noch nicht "behandelt werden. Daraus ergibt sich von selbst, daß hier alles ausscheideu muß, was zwar als Teil der Entwicklung zu verstehen ist, aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.