Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1908)
- Date
- 1908-04-24
- Page
- Seite 197 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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197 Wahlberechtigung erteilen könne, während von verschiedenen Seiten eine Erweiterung des Wahlrechts auch für die Ausländer beantragt wurde. Da der Oberrat auf der Annahme dieser Bestimmung bestehen mußte, so wurde dieselbe genehmigt, mit dem Zusatze, daß auf Antrag des Shnagogenrates der Oberrat auch Nichtreichsangehörigen das Wahlrecht verleihen könne. Um 12 Uhr wurde der Synodalausschuß vom Großherzog empfangen und überreichte die Adresse der Synode. . In der Nachmittagssitzung teilt der Vorsitzende das Ergebnis der Audienz des Präsidiums beim Großherzog mit. Derselbe habe an das in der Adresse zitierte Wort angeknüpft, daß er im Geiste seines Vaters regieren werde, und noch besonders hinzugesügt, daß auch er, wie an dem Wohle aller seiner Untertanen, so auch an dem der Israeliten und ihrer Religionsgemeinschaft den. herzlichsten Anteil nehme. Der Großherzog hat an den Arbeiten der Synode lebhaftes Interesse genommen und seine Befriedigung darüber ausgesprochen, daß die Verhandlungen harmonisch und friedlich verlaufen seien. Hieraus wurde die Beratung der Verordnung über die Verfassung und Verwaltung der israelitischen Religionsgemeinden fortgesetzt. Es entspann sich eine lange Debatte bei der Bestimmung, daß bei Beschlüssen, welche mehr als die Hälfte aller stimmberechtigten Gemeindegenosfen beziehungsweise mehr als zwei Drittel aller Mitglieder der Gemeindevertretung auf sich vereinigt haben, die Zustimmung des Synagogenrates, wenn dieser sie verweigert, durch die des Oberrates ersetzt werden könne. Diese Bestimmung wurde schließlich mit großer Mehrheit abgelehnt, die Verordnung selbst sodann einstimmig angenommen und nach Wahl des Synodalausschusses die Synode geschlossen. Der Gesamteindruck der Tagung ist ein günstiger gewesen. Hoffentlich wird im Lande selbst der Friede nun ebenfalls wiederhergestellt sein. In keinem Falle aber darf die liberale Partei etwa darauf verzichten, auch fortan stets ihr gutes Recht wahrzunehmen. Der Friede besteht in gegenseitiger Duldung, nicht aber in der Verzichtleistung auf die höchsten Güter des idealen Lebens oder in der Unterdrückung eines Teils der Gemeinschaft. Die Liberalen haben aus der Gebetbuch-Kampagne gelernt — und sie werden sich diese Lehren zunutze machen. Die Vereint Jüdischer Studenten. as Präsidium des „Bundes Jüdischer Korporationen" sendet uns den folgenden Bericht: Der die neun „Vereine Jüdischer Studenten" an deutschen Hochschulen umfassende „Bund Jüdischer Korporationen" kann mit dem verflossenen Wintersemester wiederum auf ein recht erfolgreiches Semester zurückblicken. Jeder mit den Verhältnissen an den deutschen Hochschulen Vertraute weiß, welche Stellung sich dieser? Bund schon erworben hat durch sein Auftreten nach außen im Kampfe gegen den Antisemitismus und durch seine Arbeit nach innen in der Erziehung seiner Mitglieder zum bewußten Judentum. Und so ist auch das verflossene Semester in gesunder Vereinsarbeit verlaufen. Ein Beweis für die innere Einigkeit unseres Bundes und gleichzeitig für die Größe und Bedeutung seiner Organisation bildete der diesjährige Kartelltag, der im Januar in Königsberg stattfand, und der wie alljährlich den Höhepunkt unseres Vereinslebens darstellte. Aus Berlin, Charlottenburg, München. Freibnrg. Straßburg. Breslau und Marburg waren die Bundesbrüder gekommen, um fünf Tage der Beratung für den inneren und äußeren Ausbau des Bundes zu widmen. Den Schluß des Kartelltages, der auch in seinen Beratungen alle Teilnehmer in höchstem Grade befriedigte, bildete ein Festkommers, der von allen jüdischen Organisationen Königsbergs beschickt war, und der ein deutliches Bild dafür war, wie der „Verein Jüdischer Studenten"-Königsberg das jüdische Leben der Stadt in sich konzentriert. Alle Redner des Abends, unter denen wir nur den leider nur allzu früh verstorbenen Herrn Stadtrat Magnus erwähnen, beteuerten dem Verein ihre wärmsten Sympathien, und die Vertreter aller Organisationen versicherten ihre hohe Freude und Genugtuung darüber, wie der Verein Jüdischer Studenten jüdische Arbeit leiste. Wenn nun auch ein Kartelltag jährlich nur einmal stattfindet, so ist doch das Band, das die Vereins Jüdischer Studenten das ganze Jahr hindurch umschließt, nicht weniger fest. Das ständig in Berlin tagende, aus sieben Mitgliedern bestehende Bundespräsidium hält ständig die Beziehungen mit den einzelnen Kartellvereinen aufrecht, und durch die Herausgabe unseres inneren Vereinsorganes unter dem Namen „Der Jüdische Student" ist den Bundesbrüdern aller Kartellvereine ständig Gelegenheit geboten, ihre Gedanken über Ziel und Zweck des Vereins Jüdischer Studenten, über Juden und Judentum. aber auch über alle anderen Themata gegenseitig auszutauschen. Anläßlich des Kartelltages hat das Bundespräsidium eine Nummer der Zeitschrift erscheinen lassen, die Interessenten gern zur Verfügung steht. Was nun das Auftreten des Bundes nach außen betrifft, so haben wir gerade im letzten Semester einige Gelegenheiten gehabt, unser entschiedenes Auftreten gegen jede Art von Antisemitismus deutlich zu beweisen. In Berlin stand, wie in jedem Wintersemester, so auch in diesem, anläßlich der Lesehallenwahl die Judenfrage zur Diskussion. Wenn wir auch auf dem Standpunkt stehen, daß die hierbei verschwendeten Kräfte den Erfolg kaum lohnen, so halten wir es doch für notwendig, den Kampf hierum so lange zu führen, als er von unseren antisemitischen Gegnern begonnen wird. Die hauptsächlich zum Zwecke des Lesehallenwahlkampfes im vorigen Jahre begründete Vereinigung Jüdischer Korporationen, von der die drei Vereine Jüdischer Studenten (Berlin, Charlottenburg und Maccabäa) allein die Hälfte ausmachen, hat zwar in diesem Semester einen Kandidaten verloren, ist aber jetzt zur zweitstärksten Partei herangewachsen. Interessanter und von größerer prinzipieller Bedeutung ist ein antisemitischer Kampf, den der Verein Jüdischer Studenten. Straßburg im letzten Semester bei der Begründung des dortigen Studentenausschusses zu führen hatte. Es sollte nämlich der Studentenausschuß der Universität Straßburg, der vor einiger Zeit aufgelöst war, im vorigen Jahre neu begründet werden, und zu diesem Zwecke sollten sich sämtliche Korporationen in verschiedene Parteien teilen, deren jede sich durch eine durch das Los zu bestimmende Korporation vertreten lassen sollte. Als nun eine Korporation der Partei, zu der der Verein Jüdischer Studenten gehörte, erklärte, sie würde sich, falls das Los auf diesen falle, durch Juden nicht vertreten lassen, und diese Mitteilung nicht die gebührende Zurückweisung seitens der anderen Korporationen erfuhr, schied der Verein Jüdischer Studenten aus dem Ausschüsse aus und brachte ihn dadurch zum Scheitern. Da nämlich derRektor erklärt hatte, den Ausschuß nur bestätigen zu wollen, falls sich alle Korporationen daran beteiligten, der Verein Jüdischer Studenten aber eine Beteiligung unter den obwaltenden Umständen rundweg ablehnte, so ist an ein Zustandekommen des ganzen Ausschusses so lange nicht zu denken, als sich die bewußte Korporation nicht bereit erklärt, ihre antisemitischen Gelüste bei dieser Gelegenheit zu unterdrücken, was bisher nicht geschehen ist. Daher konnte sich auch der Verein Jüdischer Studenten an allen gemeinsamen Feiern des provisorischen Ausschusses nicht beteiligen und mußte z. B. aus Veranlassung von Kaisers Geburtstag einen eigenen Kaiserkommers veranstalten, zn dem der Rektor zwar nicht erschien, bei welcher Gelegenheit er aber in einem Briefe versicherte, daß er nur darum fernbleibe, weil er separate Veranstaltungen prinzipiell nicht besuche. Ueberhaupt muß mit Freude konstatiert werden, daß Rektor und Behörden ein volles Verständnis für diese Wahrung unserer Ehre haben und ganz auf unserer Seite stehen. Diese Angelegenheit ist von um so größerer Bedeutung, als auf vielen deutschen Hochschulen augenblicklich von der Begründung von