Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1908)
- Date
- 1908-04-24
- Page
- Seite 195 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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195 20 Stunden kann unter Umständen dadurch erreicht werden, das; mehrere Gemeinden Zusammengehen. Wir haben das schon in verschiedenen Fällen fertig gebracht und werden in dieser Richtung noch weiter gehen." * Das Osterfest, gleichviel ob das jüdische oder das katholische oder das griechisch-katholische, ist erfahrungsgemäß immer die Zeit, in der der wildeste Antisemitismus seine Orgien ungestört und ungestraft treiben darf. Vor allem — aber nicht ausschließlich — in Rußland. Wir sagen: nicht ausschließlich, weil ja die letzte Woche uns gezeigt hat, daß man selbst in der Stadt der Intelligenz, in der Hauptstadt des deutschen Reiches, die Auffindung einer Knabenleiche mit einem „Ritualmord" in Verbindung zu bringen, die unerhörte Frechheit haben durfte. Es hat sich daun herausgestellt, daß die Leiche die eines jüdischen Knaben war. Aber sicher konnte sich niemand der Frage erwehren: Wie hätte dieser Fall geendet, wenn er nicht in Berlin, wo die Polizei eine so rühmenswerte Umsicht und einen solchen Eifer zur Entdeckung des Verbrechens aufgewandt hat, sondern etwa — in Könitz oder in Xanten passiert wäre? Die Sache ist gar nicht auszudenken. Aber wir wollten ja nicht von Deutschland, sondern vielmehr von Rußland sprechen, wo in den letzten Wochen wieder förmliche Vorbereitungen zu Pogroms stattgefunden haben. Die „echt russischen Leute" Hetzen mit infernaler Wut gegen die Juden. Namentlich in Südrußland. Aus Jekaterinoslaw wird gemeldet, daß dort Aufrufe folgenden Inhalts vom Verbände verbreitet wurden: „Es naht die Bartholomäus- Nacht; die Stadt ist in Viertel eingekeilt. Nachts, sobald Nevolversalven ertönen und die Häuser in Flammen aufgehen, dringet in die Wohnungen der Juden und ermordet alle." Die Lage ist besonders ernst, weil die Negierung durch täglich neue Maßregeln gegen die Juden die Tätigkeit der Verbändler ermuntert. Unaufhörlich kommen Meldungen über Ausweisungen von Juden. Die Regierung geht so offen mit dem Verbände Hand in Hand, daß im offiziellen Negierungsblatte die Verleumdungen der Verbändlerpresse mit wohlwollendem Kommentar abgedruckt werden. So zum Beispiel eine Fabel über Vorbereitungen, die Miljukow treffe,, um eine Deputation amerikanischer Juden zu empfangen. Eine hämische Bemerkung, daß Miljukow von den Juden als der moderne Moses der russischen Juden angesehen werde, wird vom Regierungsorgau folgendermaßen zurechtgestutzt: Miljukow sei ein ganz eigentümlicher Moses, er strebe mehr danach, jüdisches Geld zu bekommen, als der Retter der Juden zu seiu. So wird die Erfindung, daß Miljukow nach Amerika gegangen sei, um von den Juden dort Geld zu erhalten, von der Negierung selbst verbreitet. Kein Wunder, daß durch solch offenes Hand-in-Handgehen der Regierung mit den Verbändlern die echten Russen immer zuversichtlicher werden. Und auch die Begnadigungen der Verbändler, die wegen Verbrechen verurteilt sind, dauern fort. Wenn trotzdem nichts Passiert ist, so liegt der Grund darin, daß das Volk in Rußland doch vernünftiger und duldsamer ist als seine Regierung. Dir badilchr Lsndrslynode. mo. Karlsruhe, 14. April, it großer Spannung sah man in jüdischen Kreisen nach den letzten Ereignissen der Tagung unserer Synode entgegen. Man machte sich wohl auf große Debatten gefaßt. Und besonders neugierig war man auf die Stellung des Oberrats zur Gebetbuchsrage nach den; Ausfall der letzten Wahlen. Inzwischen ist alles ruhig und friedlich vorüber gegangen, und die Gegner des Oberrats haben nicht den Triumph genossen, sich irgendwie ihres Sieges freuen zu können. Vom Standpunkt der vernünftigen historischen Reform mag man es bedauern, daß die Gebetbuch-Vorlage zurückgezogen wurde, im Interesse des praktischen Gemeindelebens kann man dem Oberrat nur zustimmen, daß er diesen Weg beschritten hat. Alle sind aber darin einig, daß, solange wir das Glück haben, Herrn Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer an der Spitze des Oberrats zu sehen, die jüdischen Angelegenheiten unseres Läudchens in den allerbesten Händen liegen. Seine tiefreligiöse Gesinnung, seine Energie und Pflichttreue bürgen dafür, daß die gedeihliche Entwicklung des Judentums in Baden nicht durch Haß und Fanatismus wird aufgehalten werden. Auch die eben geschloffene Tagung der Synode ist ein neues Zeugnis für diese Tatsache. Dieselbe wuroe am 11. d. M. abends 8% Uhr im Saale des Ständehauses feierlich von dem Geh. Ministerialdirektor Becherer eröffnet. Am Vormittag fand in der Synagoge ein feierlicher Gottesdienst statt, bei dem Herr Stadtrabbiner Dr. Appel eine eindrucksvolle Rede hielt. Nach der einleitenden Rede des Ministerialreferenten übernahm Alterspräsident D. Kahn- Mannheim den Vorsitz und berief zu Sekretären die jüngsten Synodalen Rabbiner Dr. Eschelbacher-Bruchsal und Rechtsanwalt Dr. Lewis-Karlsruhe. Hierauf hielt Herr Kahn eine tiefempfundene Rede zum Gedächtnis des verstorbenen Großherzogs und brachte zum Schluß ein Hoch auf den regierenden Fürsten aus. Es trat nunmehr eine Unterbrechung der Sitzung ein zum Zwecke der Wahlprüfungen. Von den Liberalen waren aus drei Bezirken Wahlproteste eingelaufen, sie wurden aber als nicht ausreichend erklärt und sämtliche Wahlen fürgültig erklärt. Es erfolgte dann die Wahl des Synodalvorstandes. Es wurden gewühlt zum Präsidenten: Rechtsanwalt Dr. Staadecker-Mannheim mit 22 gegen eine Stimme, bei drei leeren Zetteln, zum Vizepräsidenten der letztmalige Präsident Stadtrat Louis Marx-Bruchsal mit 24 Stimmen gegen zwei leere Zettel, zu Sekretären Rabbiner Dr. Eschelbacher-Bruchsal und Rechtsanwalt Dr. Lewis- Karlsruhe. Dr. Staadecker dankte für die ihm durch die Wahl erwiesene Ehre und sprach dem Alterspräsidenten zu seinem 75 jährigen Geburtstage, der mit dem Tage der Synodaleröffnung zusammensiel, die herzlichsten Glückwünsche der Synodalmitglieder aus. Es wurde dann noch die Wahl der ständigen Kommissionen vorgenommen. Außerdem wurde eine Sonderkommission aus drei Mitgliedern zur Beratung und Feststellung einer Huldigungsadresse an den Großherzog gewählt. Die zweite Sitzung wurde am 13. d. M. vormittags um 11 Uhr eröffnet. Der erste Gegenstand der Tagesordnung war die Gebetbuchfrage. Der Präsident verlas zunächst den folgenden, von sämtlichen Mitgliedern der Kultuskommission Unterzeichneten Antrag: „Die Synode erkennt die Absichten, welche den Oberrat und seine Neligionskonferenz bei Ausarbeitung des Entwurfs eines neuen Gebetbuchs zwecks Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der freigesinnten Elemente der badischen Religionsgemeinschaft geleitet haben, ebenso an, wie die außerordentliche Mühewaltung, welche Jahre hindurch zur Erreichung dieses Zieles aufgewendet worden ist. Die Synode würdigt es auch vollständig, daß der Oberrat auch nach dem Ausfall der Wahlen sich im Sinne der Anhänger des neuen Gebetbuchs verpflichtet gefühlt hat, der Synode eine Vorlage über die Voraussetzungen seiner Einführung in den einzelnen Gemeinden zu machen, und hat das volle Vertrauen zu ihm, daß er im Falle der Annahme dieser Vorlage dieselbe unter Vermeidung jedes Gewissenszwanges