Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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71. Jahrgang- Nr. 16. Mta. «. April ‘9.8 Vetlsge zur „Allsemeinen Leitung deß Judentums". lkorrrlpondrn?en und Machrichten. Deutschland. s. Berlin, 12. April. Wie alljährlich, veranstaltet auch in diesem Jahre der Deutsch-Israelitische Gemeindebund unentgeltliche Fortbildungskurse für Kantoren. Der Unterricht beginnt am 27. d. M. und dauert bis zum Beginn der großen Ferien. Die Lehrer sind die Herren: Hauptkantor Königlicher Musikdirektor A. Friedmann und Professor William Wolf. Nähere Auskunft erteilt das Bureau des Gemeindebundes, Berlin W. Steglitz erstraße 85. 8. Berlin, 11. April. Der Lette-Verein beging am 9. d. M. den 70jährigen Geburtstag seiner Schriftführerin. Frau Mathilde Stettiner. Eine große Anzahl Mitglieder des Vorstandes, Ausschusses und aller Kommissionen des Lehrerinnen- und Beamtenkollegiums sowieeine Schar von Schülerinnen des Instituts erschienen vormittags in der festlich geschmückten Wohnung der Jubilarin, um ihre Glückwünsche darzubringen. Ein Chorgesang der jungen Mädchen leitete den festlichen Akt ein. Im Namen des Kollegiums sprach die Oberlehrerin Fräulein Coßmann und gab in warmen, tiefempfundenen Worten dem Gefühl der Liebe und Verehrung Ausdruck, welche alle Angehörigen des großen Hauses für Frau Stettiner hegen. Die jüngste Lehrerin überreichte am Schluß einen Rosenkorb. Sodann ergriff die Vorsitzende des Vereins Frau Professor Kaselowsky das Wort, um der treuen geliebten Mitarbeiterin und Freundin ihre Wünsche auszusprechen. L2 Berlin, 12. April. Am 11. d. M. ist in Meran, wo er Heilung von seinem schweren Leiden suchte, der Chefredakteur des „Berliner Tageblatt", Dr. Arthur Levysohn, im 67. Lebensjahre gestorben, lieber die große publizistische Bedeutung dieses Mannes, den man mit Fug und Recht einen der ersten und hervorragendsten deutschen Journalisten nennen darf, brauchen wir wohl hier kein Wort zu verlieren. Dagegen ist es etwas anderes, das wir an dieser Stelle sagen müssen. Arthur Levysohn gehörte zu der Schar derer, die in jungen Jahren, in der Zeit des Sturms und Drangs die alten Bande lösten, die aber doch im Herzen der Gemeinschaft, der sie entstammten, und mit der sie tausend unzerreißbare Fäden verknüpften, innig, treu und ergeben blieben. Zeitlebens kämpfte er für die Rechte der Juden mit voller Kraft und heiligem Eifer. Die antisemitische Bewegung hat wohl wenige so tief ins Herz getroffen wie diesen Mann, der an allen unseren Sorgen und Leiden stets den heißesten, innigsten Anteil genommen hat. Hier gilt vor allem der talmudische Satz Aboda Sara 31, der eine Welt voll Menschenliebe und Duldung in sich birgt und das hochsinnige Prophetenwort Jes. 42, 3, um so mehr, da der Heimgegangene in Wirklichkeit die unmittelbar daran geknüpften ForderungenWahrheit und Recht zu verkünden, nicht zu ermüden und nicht zu ermatten, bis er das Recht auf Erden anerkannt sieht, erfüllt hat wie selten einer unter den Menschen. Und darum muß an diesem Grabe auch das Wort der Liebe und Versöhnung im Geiste des Judentums verkündet werden. Das Andenken Arthur Levysohns aber wird unvergessen fortleben in der Geschichte der geistigen Entwicklung unseres Jahrhunderts. m. Graudenz, 7. April. Unsere Gemeinde hat durch das Hinscheiden des Herrn Justizrats Julius Grün einen schmerzlichen Verlust erlitten. Er war zuerst stellvertretendes Vorstandsmitglied und vor etwa fünf Jahren wurde er als Repräsentant gewühlt. Seit drei Jahren war er Repräsentantenvorsitzender und hat die Interessen der Synagogengemeinde nach Kräften gefördert. Ganz besonders hat er sich um die Umarbeitung des veralteten Gemeindestatuts verdient gemacht, die er kaum vollendet hatte, als ihn auch schon der Tod plötzlich ereilte. Er war ein Freund und Förderer der Gemeindebeamten, die in ihm einen zuverlässigen Fürsprecher verloren haben. Die Repräsentantenwahlen stehen hier wieder bevor. und es ist zu wünschen, daß an seine Stelle ein Mann gewählt wird, der von dem gleichen Interesse für das Gedeihen der Gemeinde, von dem gleichen Verständnis für die schwierige Materie und von der gleichen liberalen Weltanschauung beseelt ist. ff. Posen, 8. April. Der Stadtverordnete und Kaufmann Adolf Baruch starb am Sonntag im Alter von 42 Jahren und wurde heute unter überaus zahlreicher Beteiligung beerdigt. Mit ihm ist eine über die Grenzen unserer Stadt hinaus bekannte, in weitesten Kreisen beliebte Persönlichkeit dahingegangen, ein Mann, der seinen Fähigkeiten nach berufen war, noch vieles zu schaffen und in unserer Stadtverwaltung sich wirksam zu betätigen. Geschäftlich wirkte der Entschlafene erfolgreich als Mitinhaber der Dachpappen- und Asphaltfabrik „Viktor" und als Mitbegründer und Leiter der Posener Mörtelwerke; beteiligte sich auch an verschiedenen anderen Unternehmungen, denen seine kaufmännische Begabung zum Vorteil gereichte. Den Armen und Bedrängten war er ein Wohltäter, den Besorgten ein gern bereiter Helfer, und groß ist die Zahl derer, die seinen frühen Heimgang betrauern. p. Breslau, 9. April. Der hier seit etwas über zwei Jahren bestehende israelitische Mädchenhort, welcher von einem größeren Komitee geleitet wird, erfreut sich, wie der letzte Bericht ergibt, fernerhin des besten Gedeihens. Er wird gegenwärtig von 34 Kindern besucht, die unter Aussicht einer ständigen Leiterin stehen, welche mit Liebe und Eifer ihrem schweren, aufopferungsvollen Berufe sich widmet. Unterstützt wird sie in ihrer Arbeit von Frauen und jungen Damen gebildeter Stände, die in edlem Wetteifer sich in selbstloser Weise an diesem sozialen Werke betätigen. Die Kinder, die in den Nachmittagsstunden von 3 bis 7 Uhr im Horte sich befinden, machen hier ihre Schularbeiten, fertigen Handarbeiten und spielen bei freier Zeit in fröhlicher Jugendlust. Sie werden vor allem hier vor körperlichen und moralischen Schaden bewahrt dadurch, daß sie sich nicht überlassen bleiben, werden ferner an Fleiß und an gute Umgangsformen gewöhnt. Neben der gewohnten Beköstigung wird durch regelmäßige Verabreichung von Bädern für körperliche Sauberkeit und Gesundheit Sorge getragen. Ueberhaupt wurde in diesem Jahre höherer Wert auf die Pflege der Gesundheit gelegt, da Herr Dr. med. Schmerrel in entgegenkommender Weise es übernommen hat, die Zöglinge in bestimmten Fristen zu untersuchen, wodurch Krankheiten schon zu Beginn bemerkt und daher auch rascher geheilt werden können. Mit Beginn des Quartals wird auch zahnärztliche Untersuchung eingeführt, wozu sich Herr Dr. Schäfer freundlichst bereit erklärt hat. Dank der Zuwendung des Kuratoriums der Alexander Simonschen Stiftung in Hannover erhalten jetzt auch die Zöglinge Unterweisung in Gartenbau und Blumenpflege. Das Komitee trägt sich auch mit dem Gedanken, ein größeres Stück Gartenland zu pachten, um den Gartenbau in praktischer Weise zur Ausführung zu bringen. Im Sommer wurde den Zöglingen soviel als möglich Gelegenheit zur Erholung gegeben. Festliche Veranstaltungen, allerdings nur im internen Kreise — da . das Komitee von dem verständigen Grundsätze ausgeht, daß jede öffentliche Feier, wie es leider .hei verschiedenen Anlässen hier Usus zu sein scheint, dem jüdischen Wohltätigkeitssinn völlig widerspricht — gaben den Kindern besondere Gelegenheit zur Freude und zur Erheiterung. Der Bericht spricht allen Spendern den besten Dank aus, im besonderen dem Vorstande der Synagogengemeinde, welcher außer einem jährlichen Beitrag von 150 Mark dem Komitee noch eine Spende von 200 Mark bewilligt hat. Der Hauptwunsch des Komitees ist, geeignete Räume für die Unterbringung des Hortes zu mieten, da die bisher von dem Vorstande der Industrieschule für israelitische Mädchen unentgeltlich überlassene Klasse eine weitere Ausdehnung der segensreichen Einrichtung nicht gestattet. ---- Braunschweig, 12. April. Am 9. d. M. ist hier nach langem Leiden der Rentner Felix Herzfeld gestorben. Derselbe worein Sohn unseres unvergeßlichen Landrabbiners Dr. Herzseld s. A.