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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-17 · Heft 16 (17.4.1908) · p. Seite 192

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 16 (17.4.1908)
Date
1908-04-17
Page
Seite 192 (sequence 14)
Language
German
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Die Großmutter nickte beistimmend mit dem Kopfe. „Es ist genug, daß der Allmächtige seinen Namen weiß. Aber für einen solchen Epikuräer wird viel beten notwendig sein. Dein erstes Gebet, Jossel, muß daher sein, daß Du nicht sobald stirbst, sonst wird der Arbeiter seines Lohnes nicht würdig sein." Jossel drückte wie ein Liebender ihre gelbe und verschrumpelte Hand. „Sei ruhig, Jenta! Ihm wird vergeben werden — wäre es auch nur um Deiner Verdienste wegen. Und find wir nicht eins?-" 3Ruf dem Iudenkriedhok in korku. Von Fritz Engel. 3ch aber konnte nicht die Sehnsucht zügeln Und schritt zu Judas alten Totenhügeln: Unter Zypressen, die zum Himmel weisen, Im feuchten, hohen Grase tief gebettet, Zur eb'nen Wiese fast schon eingeglättet, Voll Frühlingsblumen, die den Schöpfer Preisen, So lagen sie. In blind gewordenen Lettern, Zerfressen von der Zeit und von den Wettern, Sprach hier und dort ein flacher Denkstein schlicht, Daß da ein Mensch vermählt dem kalten Tode — „Und tiefer drunten/' meinte der Kustode, „Da liegen and're, and're, Schicht auf Schicht; Ties unten in den Wurzeln der Zypressen, Großväter, Enkel, o unzählbar viele, Nun hier vereint am gleichen bangen Ziele, Zerstäubt und namenlos und längst vergessen/' Eng liegt der Ort geschmiegt an Festungsmauern, Nun auch nur Leichen einst'ger Wucht und Stärke, Ein Friedensplatz, nicht mahnend mehr zum Trauern Und frei vom Lärm der lauten Tagewerke. Und als ich stand und dieser Stille lauschte Und meine rückwärts flutenden Gedanken Ties in der Zeiten Rauch und Nebel sanken, Da kam ein Wind, der kaum vernehmlich rauschte. Von Westen kam er, und er strich gen Osten, Und alle Gräser neigten sich und Blüten, — Und seht, mir war, als ob sie innig glühten Von einem Wunsche, welcher nie will rosten. Gen Osten neigten sich wie fromme Beter Die Blumen, die aus Judengräbern sprießen Und ihren Tau auf Ahnensteine gießen. Und leise strich ihr Atem durch den Aether Gen Osten hin zum Korfiot'scheu Strande Und übers Meer zum alten Wiegenlande .... E,' Literarische Mitteilungen. Soeben ist der elfte Band des „Jahrbuchs für jüdische Geschichte und Literatur", herausgegeben vom Verbände der „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" in Deutschland erschienen. Derselbe enthält folgende Beiträge: „Rückblick auf das Jahr 5667" von Prof. Philippson; „Literarische Jahresrevue" von Gustav Karpeles; „Die Religion ein Naturgesetz der Seele" von Prediger Dr. Leimdörfer; „Ein jüdisch-persischer Dichter" von Prof. Wil-, Helm Bacher; „Ueber den Buchschmuck der Hagada" von Ernst Cohn; „Augustvon Hennings, der Freund Moses Mendelssohns" von Rabbiner Dr. Grunwald; „Koheleth und Goethes Faust" von Rabbiner Dr. I. Nosenberg; „Karl Emil Franzos" von Ludwig Geiger; „Eine glückliche Ehe" von Josefa Metz; „Die gute Partie" von Heinrich York-Steiner; „Des Schames Tochter" von Semjon Frug. Einer besonderen Empfehlung bedarf dieses Buch nicht mehr. Es hat sich bereits in den jüdischen Familien Deutschlands eingebürgert und wird auch in diesem Jahr als ein lieber Gast überall freudig willkommen geheißen werden. Sxrechsaal. 3ii dem Buche von Dr. Eschelbacher: „Das Judentum und das Wesen des Christentums!" sagt der Verfasser: Dem Alten Testament ist diese Lehre von der „Erbsünde" durchaus fremd. Da Eschelbachers Werk eine Kritik des Harnackschen Werkes „Das Wesen des Christentums" darstellt, Harnück jedoch beim Alten Testament nicht stehen bleibt, sondern viele neutestamentliche Ideen aus dem Jdeenkreise des jüdischen Volkes vor und zur Zeit Jesu entstehen läßt, wäre es sehr interessant, zu untersuchen, ob die Erbsündeidee im nachbiblischen jüdischen Schrifttum vor dem Auftreten Jesu» beziehungsweise vor der Abfassungszeit der synoptischen Evangelien zu finden sei? Meiner Meinung nach ist die Erbsünde, allerdings nicht in der christlichen oder christologischen Gestaltung dieser Idee, ein Produkt des religiös-spekulativen jüdischen Geistes. Darauf weist eine sehr hübsche Anzahl talmudisch-midraschischer Stellen hin. Ich verweise hier nur auf llenesis Rabba Parascha 16, 19 und 14; auf Tancliuma ed. Luder zu Genesis II, 17 und talmudische Parallelstellen. Daß die Rabbinen diese Idee dem spateren Christentum entnommen und sie umgeformt hätten, ist bei der entschiedenen Abweisung christlicher Lehren seitens des talmudisch-rabbinischen Judentums ausgeschlossen. Ich glaube daher, daß die Untersuchung dieser Frage gewiß der Mühe und des Schweißes der Edlen wert wäre. Viraritica. Rabbiner Dr. Kaufmann. * Hochgeehrter Herr Doktor! 3n der „Festschrift zur Einweihung des eigenen Heims der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums von I. Elbogen und I. Höniger" habe ich von den an der Lehranstalt seit dreißig Jahren bestehenden „Montagsvorlefungen" geschrieben, daß sie die älteste Einrichtung ihrer Art innerhalb der Gemeinde sind. Inzwischen machte einer der besten Kenner der Entwicklung des geistigen Lebens innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeinde,, der seit mehr als sechszig Jahren tatkräftig an ihr mitgewirkt hat, Herr Sanitätsrat Dr. S. Neu mann, mich darauf aufmerksam, daß bereits vor der Begründung der Hochschule derartige Vortragszyklen bestanden haben. In den beiden Wintern 1868/69 und 1869/70 wurden von einem Komitee unter Leitung der Herren Dr. Kristeller sel. Anged. und Dr. Neumann je acht Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur eingerichtet, die den Namen Dienstagsvorlesungen trugen, die ihrer Benennung und Bestimmung nach das Vorbild der Montagsvorlesungen waren. Aus der Reihe der dort gehaltenen Vorlesungen sei hier nur „Israels gottesdienstliche Poesie" von Zunz, genannt (Gesammelte Schriften I, 132 ff.), jener herrliche Vortrag, der allein es schon rechtfertigt, daß die Dienstagsvorlesungen der Vergessenheit entrissen werden. Dem tiefen Eindruck, welchen die Veranstaltung und der Inhalt der Vorträge machten, lieh das damals angehenste Mitglied der Gemeinde, Geheimer Kommerzienrat Joel Wolf Meyer sel. Anged., Ausdruck, indem er am Schluffe einer solchen Vorlesung die Worte des alten Gebets ausrief: „Heil dem Auge, das solches geschaut!" Er erblickte in den Dienstagsvorlesungen ein Symptom der fortschreitenden Besserung. Gleichzeitig sei mir gestattet, einen weiteren Irrtum zu berichtigen. Ich habe (S. 7) das Einstellen der Propaganda für den 1862 geplanten „Verein zur Erhaltung und Förderung des geistigen Lebens im Jndentume" mit dem Tode Veits in Verbindung gebracht. Herr Dr. Neumann bemerkt, daß die hauptsächliche Veranlassung durch die damaligen Sammlungen für das Lessing-Denkmal gegeben war, für die ein besonderes jüdisches Komitee sich bildete. Berlin, 10. März 1908. Dr. I. Elbogen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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