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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-17 · Heft 16 (17.4.1908) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 16 (17.4.1908)
Date
1908-04-17
Page
Seite 191 (sequence 13)
Language
German
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? ~f^-£ "<y* £'f^'* v'"’ f %V . r " . - 191 - 70 Jahren und länger habe ich täglich gebetet, daß meine Augen die Wiederkehr des göttlichen Reiches in Zion erleben möchten. Ich werde dieses Glück in meinen alten Tagen wohl nicht mehr erleben, da der Sultan sein Herz verhärtet ha^ und uns unser Land nicht Zurückgeben will, obwohl Moses, unser Meister, ihm jede Nacht erscheint und ihn mit seiner Rute züchtigt. Aber meine Augen werden wenigstens das Land Israels erschauen." „Amen," sagte Jossel. Der Enkel wandte sich an den Buckligen: „Sie wollen sie doch nicht wirklich mitnehmen?" „Warum nicht?" sagte Jossel ruhig. Schneemann machte ihn auf die Verantwortlichkeit aufmerksam, die er auf sich nähme, indem ßr mit einer so alten Frau reise; es erschien ihm lächerlich, von dem Skandal zu sprechen, der dadurch hervorgerufen würde. Aber die alte Großmutter selbst war es, die diesen Punkt zur Sprache brachte. „Möchtest Du etwa, daß ich allein in Palästina ankäme?" frug sie ungeduldig. „Bedenke doch nur, wie man in Jerusalem darüber reden würde! Wer weiß, ob man mich überhaupt herein lassen würde! Mail sagt, daß des Sultans Soldaten am Landungsplätze mit geschwungenem Schwerte stehen, wie die Engel vor den Pforten des Paradieses. Aber Jossel versteht sich aus die Sitten der Heiden. Er wird es den Soldaten begreiflich machen, daß er österreichischer Untertan ist und daß ich seine Frau bin." „Was! Er will Dich für seine Frau ausgeben?" „Wer spricht davon? Er könnte sagen, ich sei seine Schwester, wie Abraham, unser Vorvater, von Sarah sagte; aber das wäre eine Sünde vor dem Herrn und daher erklären unsere Schriftverständigen — —" „Daß es einfacher ist, verheiratet zu sein," unterbrach sie Jossel. „Verheiratet!" wiederholte der Künstler gereizt. „Die Zeugen kommen heute nachmittag in mein Haus," fuhr Jossel gelassen fort. „Es sind Boruchel und Jitzchokel aus dem Beth Hamedrasch." „Sie glauben, nur zu einem Abschiedstrunke eingeladen zu sein," kicherte die Großmutter, „aber sie werden Zeugen einer heimlichen Trauung sein." „Und morgen werden wir vor aller Augen zusammen nach Triest abreisen," schloß Jossel ruhig. „Aber all das ist ja zu lächerlich," brach der Künstler los. „Ich verbiete diese Heirat." Ein Ausdruck äußersten Erstaunens glitt über das Gesicht der alten Dame, und mit einem Klang der Stimme, der ihn an längst vergangene Zeiten erinnerte, sagte sie energisch: „Halte den Mund, Awromele, oder ich schlage Dir in das Gesicht. Hast Du vergessen, daß Du mit Deiner Großmutter sprichst?" „Ich denke, daß Herr Mandelstein dies vergißt," erwiderte der Künstler, sich an den buckligen Helden wendend. „Ist es wirklich Ihr Ernst, daß Sie meine Großmutter heiraten wollen?" „Warum nicht," fragte Jossel zurück, „gibt es in ganz Galizien einen gottesfürchtigeren Mann, wie ich es bin?" „Still, Jossel, denn ich bin eine große Sünderin," sagte die^Alte mit strahlendem Gesichte. Dann wandte sie sich' an ihren Enkel. „Sei nichtböse auf Jossel, ich ganz allein bin schuld daran. Er hat mich nicht ausgefordert, mit ihm nach Palästina zu gehen. Ich selbst habe ihn darum gebeten." „Willst Du damit sagen, daß Du ihn auch darum gefragt hast, Dich zu heiraten?" „Gefragt? Gebeten, wie man am Versöhnungstage betet. Volle zwei Jahre habe ich ihn gebeten, aber er hat es mir immer abgeschlagen." „Warum denn," fragte der Künstler. „Weil Jossel so stolz ist; es ist seine einzige Sünde." „OJenta," protestierte Jossel. „Ich bin ein sündiger Mensch." „Ja, aber Du hast nur diesen einen großen Fehler. Sie gleicht Deiner Häßlichkeit — bei manchen Leuten ist sie über den ganzen Menschen verteilt, aber bei Dir ist sie auf einen Punkt gehäuft. Dein Hauptfehler ist der Stolz." „Was geht mich seiw Stolz an," warf der Maler ungeduldig ein. „Warum hat er nicht fortgefahren, es Dir abzuschlagen?" „Ich komme dazu. Du bist doch von jeher so ungeduldig gewesen, Awromele. Wenn ich dir früher ein Stück Kuchen abschnitt, fielst du immer gleich gierig über die herabfallenden Krümel her. Du siehst es, daß Jossel nicht wie Du und ich beschaffen ist. Durch ein Versehen hat der Allmächtige einen Engel in die Welt geschickt, statt eines Menschen, und da er im letzten Augenblicke seinen Irrtum erkannte, hat der Herr ihm die Flügel gebrochen und sie unter einem Höcker verborgen. Als aber Jossels Vater ihn mit Leah, der Tochter des reichen Kornhändlers verheiraten wollte, da hat das törichte Mädchen, als ihr der Bräutigam zugesührt wurde, nur den Höcker gesehen und sich skandalöserweise geweigert, den von den Vätern geschlossenen Vertrag zu erfüllen. Seit jener Zeit ist Jossel so stolz, daß er sich in seinen Höcker hineinverkroch und einen Haß aus alle Frauen nährte." „Wie kannst Du das sagen, Jenta," unterbrach Jossel sie wieder. Aus welchem andern Grunde hast Du es denn verweigert, mein Geld anzunehmen," fuhr die Bube unbeirrt fort. „Zwei-, zehn-, nein, mehr als zwanzigmal habe ich ihn flehentlich gebeten, mit mir nach Palästina zu gehen. Aber eigensinnig wie ein Schwein, grunzte er immer nur: „Das kann ich nicht, — ich habe kein Geld dazu." Ehe er mir gestattet hätte, das Reisegeld für ihn zu bezahlen, würde er es gesehen haben, daß wir beide hier stürben." Der Künstler brach auf dem Bündel zusammen; Erstaunen, Aerger, das Bewußtsein, sich lächerlich gemacht zu haben, erregte ihn in unerträglicher Weise. Das also war alles, was er durch seine machiavellistischen Pläne erreicht hatte. Er hatte eine Grube gegraben und war selbst hineingefallen. Das würde ein Gaudium für Rozenoffski und Leopold Barstein sein! Er lachte bitter. „Nein, das war durchaus nicht zum Lachen," sagte die Bube entrüstet. Denn ich weiß es, wie sehr sich Jossel danach sehnte, mit mir nach Jerusalem zu gehen und zu sterben. Erst als der Allerhöchste ihm das Reisegeld Jchickte, ist er zu mir gekommen und hat mich eingeladen, mit ihm zu gehen." Der Künstler bemerkte, daß Jossel ihm mit den Augen zuwinkte und ihm Zeichen gab, nichts zu verraten. Als ob er mit seinen guten Taten renommieren würde! Er sollte es bald genug erfahren, weshalb der Bucklige ihm Zeichen machte. „So! Sie sind also zu Gelde gekommen?" fragte er Jossel. Jossel sah wie ein Bild des Elends drein. Die Bube klärte, ohne es zu wissen, die Situation. „Ein schlechter Mann hat ihm das Geld gegeben, um dafür Vergebung seiner Sünden in Jerusalem zu erflehen." . „Wirklich," murmelte der Künstler. „Ist es einer, den Du kennst?" „Der Himmel hat ihr den Schmerz erspart, ihn zu kennen," erklärte doppelsinnig ihr eifriger Beschützer. „Ich weiß nicht einmal seinen Namen," sagte die Bube. „Jossel hält ihn geheim." „Man darf einen Mitmenschen nicht beschämen," meinte Jossel kleinlaut. „Eine solche Sünde käme der des Blutvergießens gleich."

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