Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 190 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Philipsons Buch verdient die vollste Anerkennung; hoffentlich finden sich in Deutschland, das in dem Werke hauptsächlich därgestellt wird, Leser genug, die des Englischen kundig sind, oder ein unternehmender Verleger, der die Deutschland betreffenden Partien, das heißt 4/5 des Buches tu einer guten Übersetzung dem Publikum vorlegt. Freilich bleibt es traurig genug, daß die Resormbewegung, auf die Deutschland stolz sein darf,.auf einen Amerikaner warten mußte, um eine treffliche Darstellung zu erfahren. Ghetto-KomöLirn. Von I. Zangwill. Die heilige Ehe. III. ^^^ie Neuigkeit, daß Jossel das Dorf verlassen würde, um in das Heilige Land zu ziehen, erregte allgemein eine Sensation, die noch viel größer war als die, die seinerzeit die Dorfbewohner bewegte, als sich das Gerücht verbreitet hatte, daß er in den Stand der Ehe treten wolle. Alle, die jetzt diese große Neuigkeit besprachen, vergaßen es, wie fest sie davon überzeugt gewesen, daß eine Heirat und nicht der Tod in Palästina das ersehnte Ziel des Buckligen sei. Woher Jossel das Geld zu dem großen Abenteuer bekommen hatte, war ein Punkt, der dem Dorfklatsch viel zu überlegen und zu raten aufgab. Man flüsterte sich sogar zu, daß die Großmutter selbst bezahlt habe. Ihre unvorsichtigen Avancen waren von Jossel ernst genommen worden. Man erzählte sich, daß er ihr den Vorschlag gemacht habe, sie unter den Traubaldachin zu führen, daß aber, als es soweit gekommen sei, die alte Dame sich zurückgezogen habe. Sie, die ihn so weit gebracht, habe nun genug des Spieles gehabt. Frauen sind eben veränderlich, das ist bekannt, und selbst wenn sie alt sind, ändern sie sich darin nicht. Dann aber habe Jossel andere Saiten ausgezogen und auf seinem Rechte bestanden, er hatte Entschädigung gefordert. Das Reisegeld nach Palästina sei eine Konzession für seine beleidigten Gefühle. Es dauerte wirklich nicht lange, bis der Künstler mit Leuten zufammentraf, die behaupteten, selbst gehört zu haben, wie Bube und der Bucklige diese Sache miteinander verhandelt hätten. Unterdessen rückte die Zeit von Jossels Abreise näher, und alle, die in Palästina Verwandte hatten, kamen meilenweit aus der Umgegend zu ihm, um ihn zu bitten, Botschaften, Segenswünsche, ja sogar Pakete an ihre Sippe mitzunehmen. Außerdem war kaum ein jüdischer Bewohner des Dorfes, der ihn nicht dringend gebeten hätte, ihm eine Flasche mit Jordanwasser sowie eitle Hand Erde aus Palästina zu schicken. So groß waren die an ihn gestellten Bitten, daß, wenn sie alle erfüllt werden sollten, der Sultan sich dagegen aufgelehnt haben und der Jordan ausgetrocknet sein würde. Nachdem sein Gemüt die Sorge um die Zukunft seiner Großmutter abgeschüttelt hatte, machte sich der Künstler daran, ein Bild des zerstörten Schlosses zu malen, das er von dem Fenster seines Schlafzimmers aus sah. Aber nachdem der Agent in Wien das Reisebillet nach Palästina geschickt und er Jossels Dank und seinen Segen empfangen hatte, empfand er plötzlich ein Gelüste, zu sehen, wie die Bube den Verlust ihres Helden ertragen würde. Schon als er den Riegel aufschob, hörte er von außen ihre Befehle erteilende' Stimme. Er blieb erstaunt in der Türschwelle stehen und blickte auf die völlig veränderte Szene. Er hatte erwartet, die Großmutter, wie stets, friedlich spinnend an ihrem gemütlichen Herde zu finden, statt dessen beaufsichtigte die alte, offenbar verjüngt aussehende Dame jemand, der ihre Sachen packte. Die größte Ueberraschung aber war, daß dieser jemand niemand anders als Jossel war, der flach auf dem Boden saß und seine Krücken neben sich gelegt hatte. In beinahe schuldvoll aussehender Verwirrung knüpfte der Bucklige rasch das Leinentuch, das ein Chaos von Dingen zu enthalten schien, zu einem Bündel zusammen, ehe der Künstler einen Blick darein werfen konnte. Indessen glaubte er sich die Sache erklären zu können. „Aha, Großmutter," sagte er, „ich sehe, daß Du Geschenke nach Palästina schickst." Die Großmutter nahm verlegen eine Prise. „Ja," sagte sie „all dies geht in das Land Israels." Als der Künstler sein Auge von den zwei mißgestaltenen, am Boden liegenden Haufen' — nämlich von Jossel und seinem Bündel — erhob, bemerkte er mit Erstaunen, daß der ihm so behagliche Raum kahl und ausgeplündert aussah. „Was ist das," ries er, „Großmutter, wo ist denn Dein Spinnrad?" „Ich habe es der Witwe Rubenstein gegeben — ich werde nicht mehr spinnen." „Und ich habe Dich als Spinnerin malen wollen," murmelte er schmerzlich. Dann fiel sein Auge auf einen weißen Flecken auf der dunklen Holztäfelung über dem Kamin. „Was ist das. Dein Heiratszertifikat ist [a nicht mehr da?" „Ja, ich habe es weggenommen." . „Um es auch der Witwe Rubenstein zu geben?" „Welch eine Idee!" sagte seine Großmutter ernsthaft. „Es ist in dem Bündel." „Willst Du es nach Palästina schicken?" Die Großmutter rückte nervös an ihrer Brille, nahm sie mit zitternden Händen ab und blinzelte nach dem aus den Boden liegenden Bündel. Jossel ergriff seine Krücken und richtete sich stramm an ihnen auf. „Ihre Großmutter geht mit mir," erklärte er entschieden. „Was?" ries der Künstler. , Das Auge der Großmutter begegnete seinem fragenden Blicke ohne zu zucken; es leuchtete wie das Jossels. „Warum sollte ich nicht auch nach Palästina gehen?" sagte sie. „Aber Du bist schon so alt." „Ein Grund mehr für mich, daß ich mich beeile, damit ich glücklicher bin wie Moses, unser Meister." Sie setzte mit einer festen Bewegung ihre Brille wieder auf die Nase. „Aber die Reise ist eine sehr beschwerliche." „Jossel ist weise, er wird den Weg dahin finden, während er am Leben ist, sogut wie andere, die erst nach ihrem Tode hingeschickt werden, um in der heiligen Erde zu ruhen." „Du wirst sterben, ehe Du dort ankommst," sagte der Künstler brutal. „Ach nein, Gott wird mich nicht sterben lassen, ehe mein Fuß das heilige Land berührt hat." „Was, Du, auch Du willst in Palästina sterben?" rief der erstaunte Künstler. „Wo anders sollte eine Tochter Israels zu sterben wünschen? Ach — ich vergesse! Deine Mutter mit ihren gottlosen Zöpfen war eine Epikuräerin; sie hat Dich nicht in der wahren Liebe für unser heiliges Land erzogen. Aber seit