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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-17 · Heft 16 (17.4.1908) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 16 (17.4.1908)
Date
1908-04-17
Page
Seite 189 (sequence 11)
Language
German
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Gesinnung getragenen Aussprache über Grundlehren und wichtige Gebräuche, eigentlich das Hauptereignis der Resormbewegung des 19. Jahrhunderts sind. Dabei ist zu bemerkendaß der Verfasser nicht urteilt, sondern erzählt, daß er einen Extrakt aus den Protokollen, sehr häufig sogar Analysen der einzelnen Reden gibt, mit einer Gründlichkeit und Sachlichkeit, die aufs höchste anzuerkennen ist, mit reichlichen Anmerkungen, die aus die zeitgenössische und spätere Literatur, sowie auf Schicksale und Lebensereignisse der erwähnten Mitglieder der Rabbinerversammlungen eingehen. Gegenüber diesem Hauptkapitel, das mehr als ein Fünftel des ganzen Werkes einnimmt, treten die anderen, die speziell Deutschland gewidmet sind, zurück. Damit soll indes keineswegs geleugnet werden, daß auch die Darstellung der Berliner Resormbewegung großes Interesse erweckt — vielleicht wären hier Charakteristiken von S. Stern und S. Holdheim erwünscht gewesen. Aber auch in diesem Kapitel muß man die ungemein fleißige Benutzung des zerstreuten und teilweise schon sehr selten gewordenen Materials außerordentlich rühmen, und man ist stets verwundert, wie es dem in Amerika lebenden Verfasser möglich war, alle diese Einzelschriften sich zu verschaffen. Auch die Leipziger und Augsburger Synoden werden ihrer Bedeutung gemäß geschildert. Höchst interessant ist das letzte Kapitel, das mit dem Jahre 1872, der Begründung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, beginnt. Ob es ganz historisch ist, die Begründung dieser Anstalt unter den liberalen Ereignissen zu erwähnen, möchte ich bezweifeln, wenigstens nach dem Sinne der ersten Begründer, auch scheint es mir bedenklich, das von den Orthodoxen angestrebte Austrittsgesetz ausführlich zu behandeln. Von außerordentlichem Interesse dagegen ist nun für deutsche, speziell Berliner Leser, wie hier die Begründung des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin und seine Tätigkeit im einzelnen dargelegt wird. Die Sonntagsbewegung wird ausführlich geschildert, der Kölner Orgelstreit sehr eingehend dargetan, das von Vogelstein 1894 veranstaltete Gebetbuch gewürdigt, die Begründung des liberalen Rabbinervereins erzählt und an diese Erzählung eine Darstellung seiner Tätigkeit geknüpft. Die Auseinandersetzung der deutschen Reformbestrebungen wird zwar durch einen Hinweis auf England unterbrochen, auf den ich,, dem Zwecke dieser Analyse entsprechend, nicht eingehe, aber Deutschland bleibt auch in diesem Schlußkapitel das Land, dem die Aufmerksamkeit in erster Linie gewidmet ist. In dieser Darstellung geht der Verfasser wirklich bis auf die allerneueste Zeit, denn obgleich das Buch bereits im Sommer 1907 ausgegeben wurde, werden Ereignisse der allerletzten Zeit, z. B. ein Beschluß des liberalen Rabbinervereins vom 2. Januar 1907 zitiert. Der Standpunkt des Autors geht wohl am klarsten aus beit Schlußsätzen hervor, die in freier Uebersetzung so lauten: „Etwa hundert Jahre sind seit der ersten öffentlichen Äußerung der Reformbewegung, seit der Erneuerung des Gottesdienstes in den westfälischen Synagogen vergangen. Während dieses Jahrhunderts, dem bedeutendsten in der jüdischen Geschichte seit der Zerstreuung der Juden aus Palästina, sind Werte wieder hergestellt und ist das Judentum mit den neuen weltbewegenden Mächten in Zusammenhang gebracht worden. Die Bedeutung der Reform besteht darin, daß die prophetischen Gedanken unverändert bleiben, nur ihre Erklärung und ihre Ausdrucksweise gemäß den veränderten Anschauungen des modernen Lebens sich von der früheren Auffassung und Ausdrucksweise unterscheiden. Das Werk der Reformbewegung kann man kurz bezeichnen als Ersatz der nationalistischengesetzlichen und zeremoniellen Gestaltung des Judentums durch die allgemeinen und geistigen Lehren, die den Beruf des Judentums zum ethischen Monotheismus bezeugen. Kraft der Berührung des Judentums durch den modernen Geist ist die Resormbewegung entstanden. Das Reformjudentum schlägt eine Brücke zwischen. Altertum und Neuzeit dadurch, daß es die ewigen Wahrheiten, die im Ursprung des Glaubens wurzeln, mit einem modernen Gewand umkleidet. Es verkündet die großen Wahrheiten von der fortschreitenden Offenbarung Gottes und von der Macht des Judentums, diese Offenbarung zu wahren und den künftigen Zeiten zu überliefern." Schon aus diesem Schlußsatz und aus vielen Einzelbemerkungen erkennt man, daß der Verfasser durchaus auf dem Standpunkte der Reform steht. Dieser Standpunkt jedoch, aus Grund dessen einige Male Bemerkungen gegen die Orthodoxie gemacht werden, hindert ihn nicht, historische Objektivität zu wahren. Zu seinem Lobe muß man ferner sagen, daß das Buch gut und leicht verständlich geschrieben ist und wie schon hervorgehoben wurde, eine erfreuliche Beherrschung des Materials zeigt.. Gegen solche Vorzüge bedeuten kleine Mängel sehr wenig. Zu diesen gehört, daß das Register unvollständig ist. Einzelne Sammlungen, wie die Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, sind nicht benutzt, so daß infolgedessen der äußerst wichtige Briefwechsel zwischen M. A. Stern und Rießer übergangen ist. Seltsamerweise werden Gottlieb Kleins reformatorische Taten in Schweden unberücksichtigt gelassen. Ich spreche in Kritiken nicht gern davon, daß meine Arbeiten übersehen werden, doch halte ich es für Pflicht, zu erwähnen, daß die von mir herausgegebenen Briefe David Friedländers an Meyer Eger, ferner eine Abhandlung über das Weimarer Judengesetz von 1823 dem Verfasser nützlich hätten sein können, und daß auch die Aktenstücke, die ich im II. Bande meiner Geschichte der Juden in Berlin zusammengestellt habe, dem Verfasser in mannigfacher Beziehung wertvolles Material gegeben haben würden. Nur um zu zeigen, daß ich das Buch genau durchgesehen habe, weise ich auf ein paar Kleinigkeiten hin: S. 322 Z. 5 es ist nicht richtig, daß A. Bernstein die Namen Bernstein und Rebenstein ohne Unterschied gebraucht .habe, vielmehr nannte er sich Rebenstein bis etwa 1860 und nahm dann den anderen Namen an. S. 372 Anm. 2 die Gegnerschaft Freunds gegen meinen Vater hatte'rein persönliche Anlässe. Freund war trotz aller Bedeutung und trotz seines gleichbleibenden entschiedenen Liberalismus ziemlich eitel und gedrückt durch die Superiorität seines Freundes, die er in guten Stunden wohl anerkannte. S. 416 Wiener in Oppeln, der hier noch als lebend erwähnt wird, ist vor einigen Jahren gestorben. Für mich Persönlich ist das Buch ungemein wertvoll durch die ganz außerordentliche Verehrung meines Vaters, die das ganze Werk durchzieht. Der Gerechtigkeit halber halte ich es aber doch für gut, die Bemerkung, daß die Jugendschrist: Was hat Mohammed aus dem Judentum ausgenommen? noch heute unbedingten Wert habe, als nicht ganz berechtigt zu erklären. Mein Vater wäre selbst gewiß der erste gewesen, auzuerkennen, wie verbesserungsbedürftig diese Schrift gegenwärtig sei. Aber selbst der, der A. Geigers Wirken zu kennen glaubt, lerntaus dieser fleißigen Zusammenstellung sehr viel; es sei nur hingewiesen aus Seite 295, Anmerkung 3, wo seine Stellung zur Sonntagsfrage aus den Quellen ganz anders dargestellt wird, als es den fanatischen Sonntagsgegnern beliebte, die seinen Schatten gegen die Sonntags" freunde herauszurufen wagten.

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