Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 188 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Aekormbewegmig im Judentum. Von Professor Ludwig Geiger. ie Anzeichen mehren sich, daß der Liberalismus im Judentum erstarkt. Der glänzende, am Schluß des vergangenen Jahres erfolgte Sieg der Liberalen in Frankfurt, der in dieser Zeitung ausführlich, seiner Bedeutung gemäß, gewürdigt worden, gibt Kunde davon, daß die Süddeutschen wacker voranschreiten;' der Zusammenschluß der liberalen Vereine aus ganz Deutschland, der im Januar dieses Jahres Tatsache geworden ist,, gewährt die beste Hoffnung für die Zukunft. Ein ferneres Anzeichen, aus dem man freilich bestimmte Schlüsse nicht ziehen darf, ist in dem Anwachsen der Literatur über liberales Judentum zu erblicken. Dabei hinkt Deutschland, das man als klassisches Land dieser Idee anzusehen gewohnt ist, wie es Quelle und Ausgangspunkt für solche Anschauungen sicherlich war, hinter anderen Ländern nach, und wenigstens dem Umfange nach ist Kellermanns Broschüre*), ein schmächtiges Ding gegen ein ziemlich umfangreiches in England erschienenes. Buch von Montefiore und gegen einen stattlichen Band^), von dem in den nachfolgenden Zeilen die Rede sein wird. Aber die Tatsache, daß Montefiores Band in deutscher Uebersetzung erschienen ist?), eine Uebertragung, die doch wohl einem mehrfach geäußerten Wunsche entspricht, ist ebenso erfreulich wie der Umstand, daß sich unser Werk, im wesentlichen mit Deutschland beschäftigt. Ein Titel soll kurz sein, deshalb entspricht er manchmal nicht ganz dem Inhalt. Unter „Reformbewegung im Judentum" versteht man wohl eigentlich die Entwicklung des Resormgedankens, mag dieser sich nun in Taten oder Schriften äußern. Man wäre daher vielleicht geneigt, unter einem Buch, das diesen Titel führt, eine systematische Darlegung dieser Entwicklung geteilt nach den verschiedenen Gegenständen der Reform: Orgel, Gebetbuch, Sabbat, Zeremonien und ähnliches zu erwarten; statt dessen erhält man hier eine historische Darlegung, die gerade, weil sie geschichtlich ist, oft genug genötigt ist, auf dieselben Gegenstände zurückzugreifen. Das Werk zerfällt in 13 Kapitel, die folgende Überschriften haben: Die Anfänge der Reformbewegung im Judentum; Die zweite Generation der Reformer; Die Geiger- Tiktinsche Angelegenheit; Der Streit um das Gebetbuch des Hamburger Tempels; Reform in England; Die Frankfurter Gesellschaft der Reformfreunde; Die Rabbinerversammlungen 1844 bis 1846: Braunschweig, Frankfurt, Breslau; Die Berliner Reformgemeinde; Die Breslauer Reformfreunde; Reformen in Ungarn; Die Leipziger und Augsburger Synode; Reform in den Vereinigten Staaten von Amerika; Neueste Entwicklung in Europa. Außer der Einteilung, die gewiß nicht als etwas Aeußerliches zu betrachten ist, — denn durch eine schlechte Einteilung kann auch ein sonst gutes Buch verdorben werden, — muß noch etwas anderes besonders lobend hervorgehoben werden, das auch keineswegs nur als äußerlich erachtet werden kann und soll: 1) Liberales Judentum. Vortrag, gehalten im Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde von B. Kellermann. Berlin, 1908. 21 Seiten. 2) The reform movement in Judaism by David Philipson. New York, the Macmillan Company. VIII und 581 Seiten. Druck und Ausstattung des Bandes sind vorzüglich. 3) Eine Anführung des englischen Titels ist wohl nicht nötig. Der Titel lautet: Liberales Judentum. Ein Essay von Claude G. Montefiore. Einzige autorisierte deutsche Uebersetzung von Oskar Plaut. Leipzig C. E. M. Pfeffer, 1906. der im ganzen korrekte Druck deutscher Titel, deutscher Namen und Sätze. Wer, wie der Referent, häufiger Gelegenheit hat, ausländische, französische, englische und italienische — die letzteren sind die schlimmsten — Bücher zu lesen, in denen Deutsches erwähnt wird, der weiß, wie grauenhaft Titel und Worte verstümmelt werden; in unserem Buche sind diese Zitate im ganzen korrekt*) wiedergegeben. (Dagegen ist wenigstens für mein Auge die Schreibung' einzelner hebräischer Worte wie Nequm Purquan und Quaddisch entsetzlich, aber vielleicht ist eine derartige Schreibung der englischen Aussprache wegen notwendig.) Die Besprechung eines historischen Werkes kann unmöglich eine genaue Angabe des Inhalts sein und kann auch nicht, zumal sie einem so ausführlichen Werke gilt wie dem vorliegenden, gleichmäßig auf alle Teile eingehen. Aus letzterem Grunde verzichte ich auf eine Besprechung des 5., 10. und 12. Kapitels, die sich mit England, Ungarn und Amerika beschäftigen, so interessant und bedeutsam sie auch sind, namentlich der Amerika betreffende Abschnitt, in 'dem der Verfasser als Zeit- und Landgenosse mit unbedingtester Sachkenntnis spricht. Das Werk beginnt nach einer kurzen Einleitung mit Mendelssohn und setzt sehr gut den. Gegensatz seines Standpunktes gegenüber dem der Reformer auseinander, betont nach kurzem Hinweis auf David Friedländer, daß Israel Jakobsohn die Stelle des ersten Reformers zukomme, durch seine Verbesserung des Gottesdienstes, seine Versuche, diesen der Allgemeinheit verständtich und angenehm zu machen, beleuchtet die ersten Resormversuche in Berlin und ihr Scheitern infolge des Auftretens der Regierung 1817 und 1823. Ausführlich wird der Hamburger Tempelstreit dargestellt, sehr genau die Versuche einzelner wackerer Männer dargelegt, zum Beispiel des fast vergeffenen I. A. Friedländer in Westfalen 1833. Als zweite Periode der Reformer bezeichnet der Verfasser die Generation der jungen Prediger der dreißiger Jahre und begnügt sich im wesentlichen damit, Abraham Geigers Wirken, seinen Gegensatz zu Hirsch ausführlich darzulegen. Sehr ausführlich wird der Geiger-Tiktinsche Streit behandelt, wobei natürlich nicht die kleinen persönlichen Quengeleien, sondern die allgemeinen Differenzen lichtvoll hervorgehoben und die Aktensammlung „rabbinischer Gutachten" sehr verständig analysiert werden. Einen breiten, ia vielleicht übermäßig, breiten Raum nimmt das Kapitel über die Frankfurter Reformsreunde ein. Uebermäßig breit, denn der Historiker müßte Bewegungen, die keine Folge haben, nicht so in den Vordergrund stellen, wie die, denen eine große Wirkung zuteil wurde, und so interessant auch diese Frankfurter Bewegung war, so muß man doch bedenken, daß sie gerade, weil sie nur von Laien ausging und zu radikale Bestrebungen hatte, im Sande verlies. Daher hat der Verfasser gewiß recht, wenn er die sogenannten Breslauer Reformsreunde ziemlich kurz abfertigt. Dem Umfange und Inhalt nach das Hauptkapitel ist das über die drei Rabbinerversammlungen. Man sieht bei seiner Lektüre, wie diese grundlegenden Versammlungen, die, wenn sie vielleicht auch keine große, unmittelbare Wirkung erlangten, doch als die Heerschau über die geistig bedeutenden jüdischen Gelehrten und Rabbiner und als die ernsteste, vielleicht manchmal ins Kleinliche übergehende, aber von einer heiligen h Natürlich könnte man ein Paar Dutzend kleine Unebenheiten: Auslassung des s in sch, u statt ü, Weglassung des Dehnungs-h, Setzung großer statt kleiner Buchstaben anführen, aber das sind Kleinigkeiten, die dem amerikanischen Setzer in die Schuhe geschoben werden müssen und die selbst bei sorgfältiger Korrektur leicht übersehen werden können; größere Stellen sind im ganzen trefflich gedruckt.