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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-17 · Heft 16 (17.4.1908) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 16 (17.4.1908)
Date
1908-04-17
Page
Seite 187 (sequence 9)
Language
German
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.187 im biblischen Geschichtsunterricht..des fünften und sechsten Schuljahres das Wirken der Propheten im Nord-und Südreiche bis zur Zerstörung Jerusalems kennen gelernt haben. Nach einem kurzen geschichtlichen Ueberblick erklärt das Kapitel im Anschluß an die entsprechenden biblischen Stellen das Wesen der Prophetie. Auch über die Offenbarungen, die den Propheten nach ihrem eigenen Bekenntnis zuteil geworden sind, spricht es sich aus, und zwar ist hier der Standpunkt gewahrt, den ich seit Jahren im Religionsunterricht vertrete: man soll nicht rationalistisch erklären wollen, was überhaupt nicht erklärt werden kann. Ich kenne nichts Oberflächlicheres und Abstoßenderes als die rationalistischen Erklärungsversuche der Lehrer, die den Kindern die innerlichsten Erlebnisse des Menschen auseinandersetzen wollen, wie man etwa die Bestandteile einer Lustpumpe, oder eines photographischen Apparates erklärt. Ich halte es für viel würdiger und angemessener, wenn man bei der Besprechung des Begriffes „Offenbarung" betout, was ich in dem einleitenden Kapitel hervorgehoben habe: „Es handelt sich hier um seelische Vorgänge, die selbst die Männer nicht zu schildern vermochten, die sie an sich erfahren hatten. Offenbarungen sind innere Erlebnisse, und die Darstellung, die die Propheten von ihnen gegeben haben, sind nur der unvollkommene Ausdruck dessen,, was überhaupt nicht anschaulich in Worte gefaßt werden kann. Vielleicht treffen wir das Wesen der Offenbarung am besten, wenn wir sie mit den inneren Erlebnissen der großen Denker und Dichter vergleichen, die durch die Kraft ihrer genialen, schöpferischen Begabung Unsterbliches für die Menschheit leisten. Auch sie sind Auserwählte Gottes; auch ihnen werden göttliche Offenbarungen zuteil, aber so wenig wir..bei ihnen den Vorgang der schöpferischen Arbeit zu erklären vermögen, so wenig können wir es bei den Prppheten..." Ich hielt diese Stelle wegen ihrer prinzipiellen Bedeutung für wichtig genug, um sie hier wörtlich zu zitieren. In den nachfolgenden Ausführungen werde ich auf meine prinzipielle Ablehnung aller rationalistischen Erklärungsversuche im Religionsunterricht zurückkommen. An das erste Kapitel, das die Einleitung zu dem ganzen Buche bildet, reihen sich zwölf weitere Kapitel, die den gesamten religiösen Lehrstoff in aufsteigender Entwicklung ' behandeln. Die Kapitel tragen folgende Ueberschriften: 1. Die Lehre von Gott, 2. Die Bestimmung des Menschen, 3. Die 10 Gebote. 4. Sünde und Buße, 5. Menschenschicksal und Gottvertrauen, 6. Die Unsterblichkeit der Seele, 7. Das messianische Reich, 8. Das Vaterland, 9. Die Familie, 10. Die Glaubensgemeinde, 11. Sabbat und Festtage, 12. Die Quellen der jüdischen Religion. Der Aufbau des Ganzen ist im Stoff selbst gegeben. Eins folgt naturgemäß aus dem andern; jede gekünstelte Einteilung ist vermieden. An der Spitze steht „Die Lehre von Gott", den wir als den Heiligen verehren. Daran reiht sich von selbst die Auffassung des Judentums über „Die Bestimmung des Menschen". Sie geht von dem biblischen Worte aus: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott:" Es ist nur eine Konsequenz der biblischen Darstellung, wenn ich in dem Kapitel über „Die Bestimmung des Menschen" zugleich die Pflichten gegen unsere Nebenmenschen behandelt habe. Man beachte doch nur die Zusammenstellung der Gebote im 19. Kapitel des dritten Buches Mose. An der Spitze steht hier die Forderung: der Mensch soll als Ebenbild Gottes nach Heiligkeit streben, und im unmittelbaren Anschluß daran werden dann alle die Pflichten gelehrt, die wir als Menschen gegenüber unseren Mitmenschen üben sollen. Ich dächte, der Gedanke, daß sich das Streben des Menschen nach Heiligkeit am reinsten in seinem Verhalten gegen seine Mitmenschen offenbart, kann nicht klarer ausgesprochen werden, als es hier geschieht. Aus dieser Zusammenstellung habe ich gelernt. Ich halte es für einen Fehler, die Pflichten gegen die Nebenmenschen gesondert zu behandeln, und ich habe diesen Fehler in meinem Buche zu vermeiden gesucht. Die Lehre von der Bestimmung des Menschen zur Heiligung seines Wandels kann von der Lehre über unser Verhältnis zu unseren Nebenmenschen gar nicht getrennt werden. Wir heiligen uns durch das Gute, das wir in unsere Lebensarbeit für die anderen hineinlegen. Der folgende Abschnitt, der „die zehn Gebote" behandelt, faßt in der Besprechung des Dekatogs nur zusammen, was die beiden vorangegangenen Kapitel im einzelnen geboten haben, denn die zehn Aussprüche sind ja nichts anderes als eine knappe Darstellung der Lehre von Gott und von der Bestimmung des Menschen. Unser Streben nach Heiligkeit aber wird durch die in uns lebende Neigung zum Bösen erschwert, und aus dieser Neigung erwächst die Sünde. So reiht sich an die zehn Gebote das Kapitel „Sünde und Buße". Im engsten Zusammenhang damit steht die jüdische Auffassung von Lohn und Strafe. Gibt es einen Lohn und eine Strafe für unser Tun, und in welchem Verhältnis steht das Menschenschicksal zu ihnen? Mit der Beantwortung dieser Doppelfrage beschäftigt sich das folgende Kapitel: „Menschenschicksal und Gottvertrauen". Auch der Abschnitt, der „die Unsterblichkeit der Seele" behandelt, knüpft an die Lehre von der Bestimmung des Menschen an. Wir sollen nach Heiligkeit streben. Unsere irdische Natur und die in ihr wurzelnde Neigung zum Bösen aber macht es uns unmöglich, das Ziel unseres Strebens schon auf Erden zu erreichen. Deshalb glauben wir an die Unsterblichkeit. Wir hoffen, daß unsere Seele in einer anderen Welt dem göttlichen Urbild bis zur Vollkommenheit zustreben kann. Das Stückwerk muß in der Ewigkeit vollendet werden. Aber wenn auch der einzelne die Erfüllung seiner Bestimmung auf Erden nicht erlebt, so tragen, wir doch die Gewißheit in unserer Seele, daß die Menschheit als Ganzes durch die sittliche Arbeit ungezählter Generationen allmählich einen Zustand der Vollkommenheit schafft,, der sich in Werken des Friedens und der Gerechtigkeit offenbart und alle Menschen mit seinem reichen Segen beglückt. Dieser Gedanke ist in dem Kapitel über „das messianische Reich" entwickelt. Unsere ganze Lebensarbeit steht im Dienste der messianischen Idee. Wir wirken für sie durch ernste und treue Pflichterfüllung in den Kreisen, in die wir durch die Vorsehung hineingestellt worden sind. Die Menschheit kann nur fortschreiten, wenn jeder einzelne in: Vaterlande, in der Familie und in der Glaubensgemeinschaft seine Aufgabe erfüllt. Denn nur von den Leistungen dieser kleineren Kreise hängt das Wohl der Gesamtheit ab. . Wer ihnen dient, der dient der Menschheit. So reihen sich notwendig an die Lehre von der messianischen Zeit die drei Kapitel „Das Vaterland", „Die Familie", „Die Glaubensgemeinde"'

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