Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 185 (sequence 7)
- Language
- German
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185 welche ehrenamtlich oder besoldet an ihrer Fortentwicklung mitzuarbeiten bereit seien. Nach dem die Herren Geheimrat Wallenberg undM ariin Kadisch tief empfundene Worte des Dankes für die ihnen zuteil gewordene Ehrung an die Versammelten gerichtet hatten, verlas der Vorsitzende der Gemeinde mehrere Glückwunschtelegramme, welche von früheren Gemeindemitgliedern und -beamten, u. a. von den Herren Rabbinern Dr. Werner-München, Dr. Freudenthal-Nürnberg und dem künftigen Rabbiner Herrn Dr. Kälter, der sein Amt in diesen Tagen antreten wird, eingegangen waren. Der würdige, erhebende Festakt schloß mit einem Gesang des Synagogenchores. Wie wir hören, sind Herrn Martin Kadisch, der verschiedene hier bestehende Wohltätigkeitsanstalten der Gemeinde vor 25 Jahren begründet und seitdem tatkräftig geleitet hat, von seiten der betreffenden Vereine ebenfalls Auszeichnungen zuteil geworden, indem Herr Kadisch zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt wurde. Aus Anlaß der Feier hat auch Herr Theodor Kleemann zur Verstärkung des Beamten-Unterstützungsfonds sofort einen größeren Beitrag gespendet. B. 8. Brief aus Brüllet. Brüssel, im April 1908. or 20 Jahren haben in Belgien bloß drei» bis viertausend Juden gelebt, heute ist die Zahl derselben auf fast zwanzigtausend gestiegen, davon die Hälfte in unserem schönen Brüssel ihren Wohnsitz hat, die andere Hälfte über die verschiedenen Städte Belgiens verteilt ist. Der Tempel in Brüssel ist im Jahre 1878 in romanischem Stil erbaut worden, mit einem Kostenaufwand von fast 1500000 Francs, er ist ein Prächtiger, imposanter Bau und bietet für mehr als tausend Menschen Raum — wenn sie kommen wollten. An der Spitze der Gemeinde steht seit Jahren der humane und allbeliebte Grand rabbin A. Bloch. Seinen rastlosen Bemühungen haben verschiedene wohltätige Vereine ihre Entstehung zu verdanken; er ist unausgesetzt bestrebt, das liberale Judentum durch seine in französischer Sprache gehaltenen Reden an jedem Sonnabend zu erwecken und zu beleben. Seine Redegewandtheit und die Wärme, mit welcher er den Zuhörern Bilder aus dem Talmud, aus der jüdischen Geschichte, Erklärungen der Wochenabschnitte, und insbesondere die Liebe zum Judentum einprägt, hat die Folge gehabt, daß der Tempel an jedem Sonnabend zahlreich besucht ist. Die Religionsschule, die unter Aufsicht des Grand rabbin steht, wird von 250 Kindern besucht, die in elf Klassen unterrichtet werden. Auch hier wird durch einen trefflichen Unterricht der Grundstein zur Liebe zum Judentum in die Herzen der kommenden Generation gelegt. Belgien selbst, besonders die Hauptstadt Brüssel, kennt, wie Ihnen wohl bekannt ist, keinen Antisemitismus. Zurücksetzungen im Amte oder Bedrückungen wegen der Religion kommen nie vor; es ist ein durchaus liberales Land, welches die Juden als Staatsbürger, mit ihrem vollen Rechte als solche anerkennt, gleichviel welche politische Partei gerade am Ruder ist. Die Rabbiner beziehen ihr Gehalt vom Staate selbst, da sie als vom Staate angestellte Beamte betrachtet werden, und zur Begleichung der Gemeindeausgaben hat der Staat der Brüsseler Gemeinde einen jährlichen Zuschuß von 25 000 Francs bewilligt. Von den verschiedenen Vereinen verdienen vor allem zwei der hervorragendsten besonders erwähnt zu werden/nämlich: die Looiötö Israelite de Leeous Lktioaes, und die Villa Johanna. Die erste Gesellschaft ist dazu bestimmt, armen Glaubensgenossen Geld zu leihen, damit sie durch Geschäfte ihren Erwerb finden können, oder auch Handwerkern zur Errichtung einer Arbeitsstätte zu verhelfen. Das Darlehn wird in angemessenen Teilen allwöchentlich zurückbezahlt, in einem Verhältnis, nach welchem z. B. von einer halben Million Francs dargeliehenen Geldes etwa bloß dreiviertel zurückkommt, also daß der Schuldnerin keiner Weise gedrängt oder in seiner geschäftlichen Entwicklung gehemmt wird. Wie wohltätig dieser Vorschußverein wirkt, beweist schon der Umstand, daß bloß an Unterstützungen bisher mehr als 200000 Francs verteilt worden sind. — Für sein segensreiches Wirken hat dieser Verein auf der Ausstellung in Lüttich sogar die goldene Medaille erhalten. Die zweite Gesellschaft: Villa Johanna, verfolgt ein besonders edles Ziel. Sie hat ein Erholungsheim bei Ostende erbaut, wo schwache Kinder alljährlich die gesunde Seeluft genießen können; aber auch Erwachsene werden in diesem Heim zugelassen. Dieses Haus hat seine Entstehung Herrn und Frau Leon Hirsch s. A. zu verdanken, und es wird noch jetzt von verschiedenen anderen Herren reichlich unterstützt. Die jüdische Gesellschaft in Brüssel schildere ich Ihnen vielleicht ein andermal. Für heute bemerke ich nur noch, daß besonders der hervorragende Talmud gelehrte Maurice Rosenthal, der mit dem Grand rabbin bei jedem humanen Unternehmen Hand in Hand geht, viel dazu beiträgt, um die jüdischen Angelegenheiten in Brüssel in das richtige Fahrwasser zu leiten. Der Name des Herrn Generalkonsuls Franz Philippson darf hier ebenfalls nicht verschwiegen werden. Daß ein Sohn des unvergeßlichen Mannes, der dies Blatt begründet hat, in dessem Geiste lebt und wirkt, ist ziemlich selbstverständlich. Franz Philippson ist der würdige Erbe der großen Traditionen seiner Familie. Bei jeder Gelegenheit bezeugt er seine aufrichtige Liebe zum Judentum in hervorragender Weise. Und er steht mit seinem Sohne, dem Herrn Dr. Maurice Philippson, an der Spitze jeder Bewegung im Interesse des Judentums, in Brüssel sogut wie in der ganzen Kulturwelt. Aber auch der Herr Baron Lambert von Rothschild und der rühmlichst bekannte Herr Paul Errera tragen viel zur Hebung jüdischer Kultur und Wissenschaft in der Metropole Belgiens bei. Lin neues Beligirmsbuch. Von Rabbiner Dr. Coblenz in Bielefeld. i. er systematische Religionsunterricht wird in den Oberklassen der Volks- und Religionsschulen sowie in den Gymnasien und anderen höheren Lehranstalten bis zur Untertertia einschließlich erteilt?) Der Unterricht bietet in seinen Grundzügen den Schülern nichts neues; er faßt nur den religiös-sittlichen Lehrstoff zusammen, der in den ersten sechs bis sieben Schuljahren den Schülern vermittelt worden ist; er führt aus den im vorangegangenen Unterricht allmählich gesammelten Bausteinen das Lehrgebäude des Judentums auf. Daß dabei das früher Dargebotene wesentlich erweitert und vertieft werden muß, ist selbstverständlich. Jede systematische Darstellung hat zur Voraussetzung, daß der Stoff ein in sich abgeschlossenes, einheitliches h So ist es in Bielefeld, wo die Verhältnisse besonders günstig liegen. Der jüdische Religionsunterricht wird an den hiesigen höheren Lehranstalten von Sexta bis Oberprima in vier Abteilungen in wöchentlich 8 Stunden erteilt. Bei einfacheren Verhältnissen kann der systematische Religionsunterricht bis Untersekunda einschließlich Lehrgegenstand sein.