Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 183 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228815--64422-3276485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
183 ihren Unterhalt finden, mit der Begründung herangezogen, daß es notwendig sei, zur Hebung des Deutschtums einen christlichen Arzt am Orte zu haben, und es - wird dann dem jüdischen Arzt die Existenzmöglichkeit mitunter genommen. Was die Rechtsanwälte anbetrifft, so. wissen Sie ja, meine Herren — wir haben hier im Hause früher darüber schon geklagt —, daß die jüdischen Rechtsanwälte nicht etwa in der Reihe der Anciennität zu Notaren befördert werden, sondern sie müssen, wenn sie überhaupt das Notariat erhalten, viele Jahre länger warten als ihre christlichen Kollegen. Nun, meine Herren, kommt der wesentlichste Faktor, der die Abwanderung herbeiführt: die unendliche Zahl von Genossenschaften, die mit Hilfe der Königlichen Staatsregierung geschaffen ist. Genossenschaften aller Art: Ein- und Verkaufsgenofsenschaften, Brennerei-, Molkerei-, Fleischerei-, Bäckerei-, Zuckerrübengenossen' schäften und viele andere versorgen die Ansiedler. Der Ansiedler wendet sich an diese Genossenschaften; er liefert ihnen, was er produziert, und bezieht von ihnen, was er verbraucht. Der Händler in der Stadt, namentlich der Kleinhändler, ist dadurch fast gänzlich außer Kurs gesetzt. Ihm wird die Existenzmöglichkeit geraubt, und er wird zur Abwanderung genötigt. Das wäre allenfalls noch zu ertragen; aber, meine Herren, nun ist mit Mitwirkung der Königlichen Staatsregierung, und zwar nicht bloß mit ihrer moralischen, sondern auch mit ihrer materiellen Beihilfe, in Posen ein Deutsches Lagerhaus, Gesellschaft mit beschränkter Haftung — nicht etwa eine Genossenschaft — geschaffen worden. Diese Gesellschaft mit beschränkter Haftung nimmt alles das, was sich in den Genossenschaften ansammelt, bei sich auf; sie ist ein Brennpunkt für die Produkte der Ansiedler und strahlt von sich auf die Ansiedler das aus, was diese an Saatgut, an Düngemitteln und ähnlichen Dingen gebrauchen. Damit ist nicht bloß der kleine Händler, sondern auch der mittlere Händler ausgeschaltet. In der Denkschrift wird nun gesagt: wenn die Händler aus der Provinz Posen fortziehen, so liegt das daran, daß der Kleinhandel naturgemäß untergehen muß, weil ihm die Daseinsbedingungen fehlen. Meine Herren, ich will mich auf die Erörterungen dieser Frage nicht einlassen. Aber wenn es so wäre, so hat doch die Staatsregierung nicht den mindesten Anlaß, diesen Prozeß noch durch ihre Macht- und Geldmittel zu fördern. Dies um so weniger, als der jüdische Kaufmann in der Provinz Posen sich in einer ganz besonders schlimmen Lage befindet. Er steht zwischen zwei Feuern; die Polen bekämpfen ihn ebenso wie die Deutschen. Das Wort: „Kauft nicht bei den Juden" haben die Polen von den Deutschen sehr schnell gelernt. Der Geschäftsantisemitismus macht schnell Schule. Was aber ist die Folge, wenn ein jüdischer Kaufmann seine Existenzmöglichkeit verliert? An Stelle eines jeden Juden, der abwandert, tritt nicht etwa ein Deutscher, sondern ein Pole; (Sehr richtig! bei den Freisinnigen) denn die Polen haben es verstanden, sich einen Mittelstand zu schaffen. Dieser Mittelstand ist tüchtig und leistungsfähig, und mit Eifer wird von ihnen darüber gewacht, wo sich die Möglichkeit zur Betätigung findet. Für das Deutschtum ist also damit nichts gewonnen. Die Frage ist sehr ernst. Denn die starke Abwanderung hat schon manches jüdische Schul- und Gemeindesystem vernichtet und bedroht manches andere. Möge die Regierung diesen Tatsachen ihre Aufmerksamkeit mit Entschiedenheit zuwenden! Den Herren von der Rechten möchte ich aber noch ein Wort sagen. Sie werden dieser Frage, insbesondere dem Kleinhandel und Mittelhandel der Juden, Ihre Unterstützung nicht versagen können; denn Sie sprechen so häufig und so gern und so eindringlich über Ihre Liebe zum Mittelstand. Hier handelt es sich um Leute vom Mittelstand, um Leute von kleinem und mittlerem Einkommen, und Ihr Interesse für den Mittelstand kann doch nicht da aufhören, wo es sich um Juden handelt. (Bravo! bei den Freisinnigen.). Auch Rumänien wird in Zukunft eine offen antisemitische Partei haben. Als ob es bisher dort an einer solchen gefehlt hätte! Die Professoren Jorga und Kuza haben eine neue Partei unter dem Namen „Nationaldemokratifche Partei" geschaffen- und ein stramm antisemitisches Programm veröffentlicht. Dieses Programm der Herren Jorga und Kuza fordert das allgemeine Wahlrecht, eine ernste Verwaltungs¬ und Agrarreform^ eine gerechte Justizverwaltung, kurz, es stellt Forderungen auf, denen jeder Demokrat nur zustimmen kann. In jenen Punkten des Programms aber, die vom Antisemitismus inspiriert sind, darf man sagen, daß die Herren Jorga und Kuza immerhin konsequenter sind als die Antisemiten, welche das Land regieren. Sie fordern sogar die Ausschließung der Juden vom Militärdienste. Vor Jahren hat ein liberaler Kriegsminister versucht, durch Gesetze die Juden vom Militärdienst auszuschließen; aber dies ries unter der jüdischen Bevölkerung eine so stürmische Protestbewegung hervor, daß die entsprechende Bestimmung aus dem Gesetz gestrichen werden mußte. Die „Frankfurter Zeitung" setzt ihre ganze Hoffnung daraus, daß antisemitische Gefühle mit einer demokratischen Politik nicht vereinbar seien. Allein auf diese Hoffnung möchten wir nach unseren Erfahrungen nicht bauen. & Authentische Beweise für die Behauptung, daß die russischen Behörden die verschiedenen Pogrome planmäßig organisiert und eifrig gefördert haben, bringt ein eben erschienenes Buch, betitelt: „Material zur Geschichte der russischen Konterrevolution. 1. Band. Pogrome nach offiziellen Dokumenten". In diesem Buche finden wir wertvolle, authentische, gerichtliche Berichte, „alleruntertänigste Berichte" von Senatoren an den Zaren, die die planmäßige Organisierung von Pogromen durch Regierungsagenten feststellen. Merkwürdig war das Schicksal dieses Buches. Kaum erblickte es das Tageslicht, kaum brachten die Zeitungen die ersten Anzeigen von dem Erscheinen eines streng-wissenschaftlichen Werkes über die Pogrome, als die Polizei das Buch konfiszierte. Diese Maßregelung rief besondere Erbitterung in juristischen Kreisen hervor, die sich eines solchen Kardinalwerkes beraubt sahen. Ein gerettetes Exemplar wurde vom Verfasser, einer hochgestellten Persönlichkeit, einem Korrespondenten der K. H. Z., zur Kenntnisnahme eingesandt. Aus diesem umfangreichen Werke, das in nächster Zeit dem deutschen Publikum zugänglich sein'wird, greift derselbe Korrespondent aus einem Briefe des Expolizeidirektors Lopuchin an den Ministerpräsidenten Stolypin einiges heraus. Lopuchin macht den Ministerpräsidenten daraus aufmerksain, daß er über die Tätigkeit des Polizeidepartements in Pogromangelegenheiten falsch unterrichtet worden sei. „Nach dem Erscheinen des Manifestes vom 17. Oktober begann der Chef der politischen Abteilung des Polizeidepartements, Herr Ratschkowski, zum Zwecke der Verstärkung der Reaktion folgende Ausgaben zu drucken." Lopuchin zählte dann Proklamationen auf, welche die niedrigsten Anklagen gegen die Inden enthielten und an die Soldaten gerichtet waren. — 5000 Exemplare dieser Pogromliteratur wurden dann durch das Polizeidepartement nach Wilna versandt, wo ein höherer Beamter des Generalgouverneurs, Herr Schloff, sie nachts auf den Straßen verbreitete. Als es: sich herausstellte, daß diese Proklamationen Erfolg unter den Soldaten hatten, forderte der Polizeimeister aus Wilna telegraphisch die Zusendung einer größeren Anzahl von Exemplaren. , Diese Proklamationen wurden außerdem in Petersburg durch Herrn Dubrowin und den Verband des russischen Volkes, in Moskau durch den Redakteur der „Mosk. Wjedemosti", Gringmut verbreitet. Lopuchin erklärt ferner, daß die Proklamationen, die seinerzeit in Alexandrowsk vor dem Pogrom zur Plünderung der Juden ausforderten, von demselben Herrn Ratschkowski verfaßt und in der Typographie des Polizeidepartements gedruckt wurden. Noch mehr, als er auf