Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 182 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr Haß und Feindschaft sich gegen uns erheben, desto notwendiger scheint uns solch Fest wie das Passah fest, damit wir uns aus den Niederungen des Alltags erheben in jene Höhen, in denen unser Festlied ertönt, das Lied der Zukunft, der verjüngten Erde. „Darum achtet wohl auf den Frühlingsmonat, Venn im Frühling seid ihr aus Aegypten gezogen." Das ist ja der Vorzug unserer Feste, daß sie durch die historische Erinnerung, die sie uns darbieten, den Geist auf ihre Schwingen nehmen, um ihn durch Jahrtausende in das Gebiet einer großen Vergangenheit zurückzutragen. In unserer alten Hagada heißt es: „Jedermann ist verpflichtet, sich so zu betrachten, als sei er selbst aus Aegypten miterlöst worden." Derart, verlangen unsere Weisen, soll das religiöse Gefühl aus uns einwirken, daß alle die Wunder und Taten jener Zeit uns so Vorkommen sollen, als seien sie an uns selbst geübt worden. Und in der Tat sind sie ja an uns selbst, und für uns selbst geschehen! Sind wir ja doch die Erben jener heiligen Vergangenheit, schöpfen wir ja zu allen Zeiten aus jener unerschöpflichen Quelle Kraft und Trost. An dieser großen geschichtlichen Tatsache hat Israel sich gelabt in den Jahrtausenden seines schweren Druckes; daran soll es sich noch heute laben. Und sind auch unsere Verhältnisse in vielen Ländern der Erde noch derart, daß sie unser Herz betrüben, so lasset uns an Aegypten denken, an das Land des Druckes und der Schmach, und sehen wir, wie selbst in den Ländern, wo unsere bürgerlichen Verhältnisse sich gebessert, immer noch das Vorurteil und die Geringschätzung um des Glaubens willen das Urteil trüben und neuen Haß erwecken, so lasset uns wieder an Aegypten denken, wo Israel, obgleich sein Einzug in das Land von Segen begleitet war, dennoch an dem Haß der Landesbewohner schwer zu tragen hatte. Der Auszug aus Aegypten ist eine Bürgschaft für die Zukunft Israels. Er lehrt uns, daß wir in keiner Zeit verzagen dürfen, obwohl in jeder Zeit neue Kümpfe uns bevorstehen. In dem Passahfest, in dem Frühlingsmonat liegt für Israel und die Menschheit die untrügliche Bürgschaft der Befreiung aus Menschendruck, die Botschaft des Aufschwungs zum Lichte und zum Segen der ganzen Menschheit. . *zm. Die Wache. Berlin, 12. April. ie Session des preußischen Landtags und damit die Legislaturperiode ist geschlossen worden. Was sie uns gebracht hat, ist wenig. Und dieses Wenige ist nicht erfreulich. Nur in der letzten Zeit erhob sich hier und da eine Stimme für unser gutes Recht, ohne jedoch dadurch irgend einen Erfolg zu erzielen. So wurde noch in einer der letzten Sitzungen, am 7. d. M., die Lage der Juden in den Ostmarken, die so oft schon in diesem Blatte geschildert wurde, zum erstenmal eingehend besprochen — und wir müssen auch dafür dankbar sein. Der nationalliberale Abgeordnete Lusensky schlug zuerst den Ton an,' indem er von dem steigenden Abzug der jüdischen Bevölkerung sprach, „die gerade für die Germanisierung, wie man anerkennen muß, nicht Unerhebliches in den östlichen Landesteilen geleistet hat". Er schob dies unter anderem auf den hochmütigen Kastengeist der Beamten- und Bürgerschaft. In dankenswerter Weise schilderte nun der Abgeordnete Wolfs-Lissa die Lage der Juden in der Provinz Posen. Wir geben die Rede nach dem stenographischen Protokoll wieder: Meine Herren! Die jüdische Bevölkerung der Provinz Posen ist vom Jahre 1885, der letzten Volkszählung vor der Emanation des Ansiedlungsgesetzes, bis zum Jahre 1905, dem Jahre der letzten' Volkszählung, von 50 886 gesunken auf 30433. (Abgeordneter Peltasohn: Hört, hört!) Der Rückgang ist in diesem Zeitraum ein ausfallend regelmäßiger gewesen. Im Jahre 1885 wies die Volkszählung, wie gesagt, 50 886 Juden in der Provinz Posen auf, 1890 nur noch 44 437,1895 40 019. 1900 35 327 und 1905, wie erwähnt, 30433. Das sind im Laufe jeder Zählungsperiode von fünf Jahren' etwa 5000, aufs Jahr 1000. Meine Herren! Was diese Zahlen so bedeutungsvoll macht, ist nicht ihre absolute, sondern ihre relative Größe. Bedenken Sie, daß in dieser Zeit die Zahl der Bevölkerung in Posen an sich nicht unerheblich zugenommen hat! Von 1904 bis 1905 zum Beispiel haben sichdie Katholiken um 10 000, die Evangelischen um 8000 vermehrt; die Zahl der Juden aber ist in dieser Zeit um 1000 zurückgegangen. Meine Herren! Man wird sich fragen müssen, wodurch dieser ganz außergewöhnliche und ganz bedenkli'che Rückgang erfolgt ist. - Der Rückgang bleibt außergewöhnlich, wenn es auch richtig ist, daß die Zahl der Juden sich schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts verringert hat. Aber früher war die Verminderung nicht entfernt so groß, namentlich im relativen Verhältnis nicht so bedeutend, wie seit Bestehen des Ansiedlnngsgesetzes. Meine Herren! Die Abwanderung der Juden hat ja natürlich zu einem Teil ihren Grund darin, daß manche das Bedürfnis haben, aus einer Gegend, die wenig landschaftliche Reize und sonstige Vorteile bietet, nach schöneren Gegenden oder nach der größeren Stadt zu ziehen. Das bezieht sich in der Hauptsache natürlich auf die Vermögenden. Es versteht sich auch ganz von selbst, daß eine Anzahl deswegen ab wandert, weil mancher Gewerbetreibende in der größeren Stadt eine bessere Erwerbsgelegenheit erwartet, als sie sich in den kleineren Städten der Provinz bietet. Aber solche Umstände, meine Herren, wie andere kleine Faktoren, können diese Vorgänge nicht erklären. einem Teil spielen die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse eine nicht unwesentliche Nolle. Der Herr Vorredner hat schon von dem Kastengeist gesprochen, der sich in der Provinz breit macht. Er macht es vielen Leuten unmöglich, die gesellschaftliche Stellung und den gesellschaftlichen Verkehr und Umgang zu erlangen, der ihnen nach ihrer Bildung - und ihren materiellen und sonstigen Verhältnissen zukommt. Meine Herren! Es kommt hinzu, daß die Worte des Herrn v. Tiedemann noch nicht genügend berücksichtigt sind, die dahin gingen, daß in der Provinz Posen Antisemitismus treiben nichts anderes heiße, als mit sehenden Augen einen Teil des Bürgertums von der deutschen Partei absprengen. Meine Herren! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ein derartiges Verhalten um so weniger gerechtfertigt ist, als die Juden in der Provinz Posen einen der .wesentlichsten Faktoren des Deutschtums bilden. Der Deutsche jüdischen Glaubens ist in der Provinz Posen ein ausgesprochener Vertreter der deutschen Sprache, deutscher Bildung und deutscher Kultur, in manchen Orten und Gegenden sogar der wichtigste und geeignetste Vertreter des Deutschtums. (Abgeordneter Ernst: Sehr richtig!) Meine Herren! Allerdings wird einem dieses Deutschtum mitunter nicht leicht gemacht, weil der Ostmarkenverein davon ausgeht, daß das Deutschtum, das er vertritt, die wahre nationale Gesinnung darstellt, und. weil manche nicht geneigt sind, ihr Deutschtum in chauvinistischer Weise zu äußern und zu bestätigen. Ich meine, es sollte Aufgabe jedes einzelnen in der Provinz Posen sein, auf eine Besserung der sozialen, und gesellschaftlichen Verhältnisse hinzuwirken, so daß den Einwohnern das Leben angenehmer gemacht wird; dann wird bei einem Teil das Bedürfnis schwinden, nach anderen, weniger unbehaglichen Gegenden zu verziehen. Meine Herren! Nach dieser Richtung ist auch die Schlechterstellung der akademisch gebildeten jüdischen Bewohner der Provinz Posen nicht ohne Bedeutung. Gegenwärtig wird von amtlichen Arztstellen ein Arzt jüdischen Glaubens verhältnismäßig selten zügezogen. Das entspricht nicht dem Grundsätze der Parität, der speziell in der Provinz Posen gelten sollte.- wo eben die Frage des Deutschtums in Betracht" kommt und nicht die der Konfession. Es werden von außerhalb Aerzte an Orte, wo jüdische Aerzte ihren Wohnsitz haben und