Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228815--64420-3276483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
72. Jahrgang. Nr. 16. Berlin, 17. April 1908. Allgemeine eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) b,zogen vierteljährl. L M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipxson. rsrlses-LpeMoii: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Lum Ksllshkrlte. U Berlin, 15. April, nser Jahr zerfällt in zwei Hälften, wie naturgemäß das Jahr zwei Hälften hat, eine Winter- und eine Sommerhälfte, sowie auch jeder Tag zwei Hälften hat, eine dunkle und eine helle. Mit dem Tischri-Monat treten wir ein in die Nachtseite des Jahres, in die. winterliche Hälfte. Und da die Tage vom Abend an gezählt werden, so ist es auch folgerichtig, daß wir das Jahr beginnen mit Tischri; das Reich der Nacht, welche im Anzuge ist, stimmt die Seele zu bußfertigem Ernst. Aber ebenso wie der Tag im engeren Sinne mit dem ausglühenden Morgenlicht, so beginnt die Tagseite des Jahres mit der aufblühenden Frühlingszeit. Da stimmt die Natur das Herz zur Freude. Der Nissan ist ein Frühlingsbote, und der Zauber des Passahfestes liegt nicht zum wenigsten darin, daß es im Frühling zu uns kommt. „Achtet wohl auf den Frühlingsmonat, denn im Frühling seid ihr aus Aegypten erlöst worden." Die Natur schläft während der Nachthälfte des Jahres; der Frühling ist die Zeit des Erwachens, und wenn die Erde nicht aus ihrem Schlummer erwachen will, so bringt der Frühlings sturm den Regen herbei, damit er die eisigen Bande löse, mit denen die Augen der Erde geschlossen sind. Und will auch dieses nicht zureichen, so kommt der Sonnenstrahl, das Licht, der Erde bester Freund, und weckt sie zu neuem Leben. Da regt es sich gewaltig in ihren Tiefen und auch in den Höhen wird es laut und lebendig. „Ja, dieser Monat sei euch der erste von allen Monaten des Jahres", denn er ist ein herzbezwingender Bote für uns als Naturwesen. Aber auch für uns als Menschen. Unbewußt regt sich in allen Naturwesen das neue Leben des Frühlings, mit Bewußtsein regt es sich nur im Menschen. Der Kranke, der auf seinem Lager düstere Wintermonate verseufzte, der Arme, der in des Winters schauervoller Nacht die Schrecken der Armut noch entsetzlicher an sich herantreten fühlte, der Feldarbeiter, welcher feierte während der Schlummerzeit der Erde, der Landmann, welcher für seine gestreute Saat nur wünschen, nicht wirken konnte: sie alle freuen sich, daß die Tag feite des Jahves angebrochen sei, daß wieder das Reich des erheiternden Lichtes, der beglückenden Sonnenwärme begonnen habe. Und so auch, wer auf höherem Gebiete der Menschen tätig ist, wer oft die Hand verzagend sinken läßt, wenn er sieht, wie die Mächte der Finsternis immer wieder die Erde in die Bande ewiger Nacht und Geistesknechtschaft schlagen wollen, wenn er sieht, wie alle Bestrebungen des Fortschritts verkannt und durch tausendfache Hindernisse gehemmt, wie jede religiöse Fortbildung von schweren Kämpfen aufgehalten, von heftigen Stürmen bedroht wird. Seine Hoffnungen leben auf mit dem Erwachen des Frühlings, mit dem Herannahen des Paffahsestes. Da fühlt er, daß Stürme und Kämpfe notwendig seien auch auf geistigem Gebiete, da freut er sich der sicheren Aussicht, daß endlich das Licht doch siegen werde und daß die beschwingten Geister, die in der Winterzeit der nachtumhüllten Menschheit schwinden mußten, einst wieder den Flug erheben und das begeisterte Lied anstimmen werden, um das Erwachen der Menschheit, die Wiedervereinigung der Erde mit dem erlösenden Lichte zu feiern. Ein Monat, der solche Botschaft bringt, ein Fest, das solche Gedanken verbreitet, muß ausgezeichnet sein. Es ist ein Freude erweckender Wendepunkt in uns, nicht nur als Naturwesen und als Menschen, sondern auch als Juden. Denn im Liesen Schlummer versunken, gefesselt durch jahrelangen Druck äußerer Knechtschaft, lag Israel in Aegypten, so daß, als Moses, der Lichtbringer, ihnen die Heil verheißende Botschaft der Freiheit brachte, sie nicht auf ihn hörten, denn ihr Ohr war noch ver? schlossen, ihr Sinn noch getrübt. Da kam der Nissan-Monat, und nach vielen Stürmen, die über Aegypten hereingebrochen waren, leuchtete der Tag der Freiheit auf, nahte der ewig denkwürdige Wendepunkt in dem Schicksal Israels: darin liegt die Bedeutung unseres Festes. Und wir Juden, gleichfalls in tausendjährige Bande einer in winterliche Nacht gehüllten Vergangenheit geschmiedet, gleichfalls auferweckt von dem erquickenden Strahl lichtvoller Erkenntnis, inniger, allumfassender Menschenliebe, gleichfalls angelangt bei einem Wendepunkt, wo das Licht wieder zu uns kommt, wo wir die Hüllen, die uns und unsere Religion in der Eiseszeit des Mittelalters geschützt haben, mehr und mehr ablegen dürfen, denn ein milder Hauch, der uns wohltut bis ins Innerste des Herzens, hat uns befreiend gegrüßt: wir sollten uns nicht freuen des herrlichen Frühlingsmonats, des schönen Freiheitsfestes, die auch uns und ganz Israel, ja der gesamten Menschheit Erlösung aus leiblicher und geistiger Sklaverei verheißen? Nein, wir wollen uns durch alle traurigen Zeichen der Zeit in unseren Hoffnungen nicht stören lassen, daß das Licht in Israel und in der Menschheit siegreich voranschreiten werde! Wir bauen und vertrauen sicher darauf, daß aus den Stürmen dieser Zeit die Wahrheit und die Freiheit, die Liebe und der Friede hervorgehen werden wie ein klarer Frühlingstag; daß unsere Zeit, gerade weil in ihr die Gegensätze von Alt und Neu, von Nacht und Tag, von Starrheit und Liebe so gemischt erscheinen, bestimmt sei, den Uebergaug zu bilden, den erneuernden Wendepunkt zu einer schöneren Zukunft. Je betrübender daher die Erscheinungen der Zeit, je mehr Kämpfe und unversöhnte Gegensätze sich in ihr darstelleir, je