Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 10. April 1908. ”• Br ,s Der Oemrindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums" korrrlpondenHkn und Kschrichtkn. Deutschland. s. Berlin, 7. April. Vor kurzem brachten politische Blätter die Nachricht, daß anläßlich der Suspension der Verbindung „Staufia" der Universitätsrichter Geheimrat Daude erklärt habe, die Aenßerung eines polnischen Studenten, er würde jüdischen Studierenden keine Satisfaktion geben, sei keine Beleidigung. Wie uns der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mitteilt, hat nach Informationen an maßgebender Stelle Geheimrat Daude eine solche Aeußerung weder dem Wortlaute noch dem Sinne nach getan. Wir freuen uns herzlich, diese Berichtigung heute bringen zu können. 8. Berlin, 5. April. Der geschästsführende Ausschuß (engerer Vorstand) des^ Vereins zur Abwehr des Antisemitismus war in der vergangenen Woche mit den Leitern des Berliner Hauptbureaus und des Frankfurter Bureaus zu einer Sitzung zusammengetreten. Den Kern der mehrstündigen Verhandlungen bildeten Anträge auf Herausgabe aufklärender Schriften insbesondere über die Hilfstruppen der Antisemiten, Anträge über Neubearbeitung des vom Verein herausgegebenen grundlegenden Werkes über den Antisemitismus. Ferner wurden Vorschläge über den wünschenswerten weiteren Ausbau der Organisationen gemacht. Es wurde im Hinblick aus die in Preußen, und wahrscheinlich auch im Reiche, sich ihrem Ende zuneigende parlamentarische Session und mit Rücksicht auf den nahen Zeitpunkt der Landtagsneuwahlen in Preußen beschlossen, die diesjährige Generalversammlung zum Herbst nach Wiederaufnahme der parlamentarischen Verhandlungen zu berufen. 8. Berlin, 6. April. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sendet uns das Verzeichnis der im Sommersemester 1908 zu haltenden Vorlesungen. Herr Dr. Baneth wird lesen: 1. Talmud, Syxjhedrin, Kap. 1, vier Stunden, Montags und Mittwochs 11 bis 1 Uhr. 2. Talmud babli, Nedarim, Kap. 7 ff., vier Stunden, Montags und Donnerstags 8 bis 10 Uhr. 3. Talmud jemschalmi, Schabbat, eine Stunde, Mittwochs 10 bis 11 Uhr. 4. Mischne Tora, Buch 9, zwei Stunden, Montags und Donnerstags 10 bis 11 Uhr. 5. Qrach Chajim, Hilch. Tefilla, eine Stunde, Donnerstags 11 bis 12 Uhr. 6.'Jare De’a Hilch. Ta’arubot, zwei Stunden, Mittwochs 8 bis 10 Uhr. Herr Dr. Elbogen wird lesen: 1. Pentateuch mit alten Kommentaren (für Fortgeschrittene), zwei Stunden, Dienstags 10 bis 12 Uhr. 2. Talmud babli, Megilla, Kap. 2 ff., vier Stunden, Sonntags und Mittwochs 8 bis 10 Uhr. 3. Geschichte und Literatur des gaonäischen Zeitalters, zwei Stunden, Mittwochs 10 bis 12 Uhr. 4. Der Shnagogengottesdienst, zwei Stunden, Sonntags 10 bis 12 Uhr. 5. Historische Uebungen, zwei Stunden, Dienstags 8 bis 10 Uhr. Herr Professor Dr. May bäum wird lesen: 1. Homiletik, eine Stunde, Dienstags 9 bis 10 Uhr. 2. Homiletische Uebungen, zwei Stunden, Freitags 8 bis 10 Uhr. Herr Dr. Zahn da wird lesen: 1. Das Buch Hiob (Schluß), zwei Stunden, Montags und Freitags 10 bis 11 Uhr. 2. Die Bücher der Könige mit Quellenuntersuchungen unter Heranziehung der Bücher der Chronik nebst historischen Exkursen über die Nachbarvölker Israels (Schluß), drei Stunden, Montags, Dienstags und Freitags 11 bis 12 Uhr. 3. Hebräische Syntax mit stilistischen Uebungen. drei Stunden, Montags. Dienstags und Freitags 12 bis 1 Uhr. 4. Ausgewählte weltliche Gedichte von Gabirol, Jeh. Halevi und Abraham Jbn Ezra, eine Stunde. Dienstags 10 bis 11 Uhr. 5. Altarabische Gedichte (privatissime), zwei Stunden, Mittwochs 8 bis 10 Uhr abends. Herr Dr. Freund wird lesen: 1. Der jüdische Religionsunterricht in Preußen, einmal wöchentlich. 2. Das Recht der Synagogengemeinden in Preußen, einmal wöchentlich (in noch zu bestimmenden Stunden). Herr Dr. Schlössinger wird lesen: 1. Die Bücher Ezra und Nehemia, mit historischen Exkursen. Dienstags und Freitags 8 bis 9 Uhr. 2. Der Midrasch l-enssiZ Rabba, übersetzt und erklärt, zwei Stunden, Montags und Donnerstags 9 bis 10 Uhr. Vorbereitungskurse im Hebräischen werden von den Herren Dr.Barol und Dr. Friedlaender in je sechs wöchentlichen Stunden in noch zu bestimmender Zeit gehalten. Die Eröffnung des Sommersemesters, bei der Herr Dr. Schlössinger seine Antrittsvorlesung halten wird, erfolgt am 27. d. M. 11 Uhr vormittags. 8. Berlin, 5. April. Den fünften der Vorträge zum Besten des Stipendiensonds der Lehranstalt für d ie Wissenschaft des Judentums hielt am Montag Professor Dr. Ludwig Geiger über Berthold Auerbach. Der sehr interessante Vortrag zerfiel in zwei getrennte, aber zum Schluß sich harmonisch verbindende Abschnitte. Der Vortragende behandelte in erster Reihe Berthold Auerbach als Inden. Von Jugend auf zum Rabbiner bestimmt, fühlte er sichstets als Jude. Von diesem Beruf nahm er nicht aus religiösen Skrupeln, sondern weil er zu seiner praktischen Betätigung keine Neigung verspürte, Abstand. Er interessierte sich aber stets für theologische Untersuchungen, namentlich kritischen Inhalts. Ein spezifisch jüdischer Schriftsteller wurde er glücklicherweise nicht. Sodann gab der Vortragende eine Charakteristik von Auerbachs Schaffen als deutscher Schriftsteller. Zum Schluß versuchte Professor Geiger noch eine Charakteristik der Persönlichkeit seines Helden. Bei aller kleinlichen, wenn auch vielfach übertrieben dargestellten Eitelkeit war Auerbach doch im innersten Grunde ein gütiger, hochherziger Mensch, der nie von seinen Nebenmenschen Schlechtes sprach und namentlich neidlos die Verdienste anderer anerkannte, sich auch in seiner Bescheidenheit gern mit einer zweiten Stelle auf dem deutschen Parnaß begnügte. Große Künstler haben oft die Gepflogenheit, in einer Ecke ihres Bildes ihr Porträt anzubringen. Goethe hat, wie Schiller festgestellt hat, im Souffleur des „Wilhelm Meister" sich selbst gezeichnet, Auerbach in einer seiner Lieblingsgestalten, dem Hilfslehrer oder „Collaborator", dieser herzerquickenden,, sonnigen Figur. „Die Sonne erwacht" war seine Devise. Nach der Sonne drängte all sein Denken und Dichten, Fühlen und Handeln. Den lebendigen und fesselnden Betrachtungen des Redners folgte verdientermaßen reichster Beifall. 8. Berlin, 3. April. Der Israelitische Lehrerinnenverein hielt am 29. v. M. seine neunte Generalversammlung im Lehrerinnenheim zu Gr. Lichterfelde-West, Karlstraße 112a ab. Die Versammlung war zahlreich besucht und die Berichte, die die gedeihliche Entwicklung des Vereins feststellten, fanden lebhaftes Interesse. Auch einige Ortsgruppen, wie Frankfurt a. M., Leipzig und Magdeburg, waren durch Abordnungen vertreten. *** Berlin, 6. April. Der Verein „Freunde der Taub stummen — Jedide Jlmim" hielt gestern im Lokale des Brüdervereins seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Geheim rat Dr. Boas gedachte des im Juli v. I. verstorbenen Herrn Gustav Köhler in Fürstenwalde, der seit der Begründung des Vereins dem Vorstande angehört und stets an dessen Beratungen regen Anteil genommen hat. Alsdann erstattete Direktor M. Reich den Jahresbericht, worauf auf Antrag der Revisoren der Kassenverwaltung einstimmig die Entlastung erteilt wurde. Ebenso einstimmig wurde der Voranschlag des Etats für 1908, der in Einnahmen und Ausgaben mit 45 250 Mark balanciert, genehmigt. In den hierauf vollzogenen Wahlen wurden per Akklamation die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder: Geheimrat Dr. Boas, Ludwig Ginsberg, David Friedmann-Berlin, Louis Loewenthal-Breslau, Gustav Tuch-Hamburg wieder- und Adolf Köhler-Berlin, Adolf Erlanger-Bamberg und Justizrab Arndt-Berlin, letzterer zugleich als offizieller Vertreter des Vereins nach außen, neugewählt. Auch die Revisoren Oskar Berlin, Heinrich Fränkel und Oskar Rathenau wurden durch Akklamation wiedergewählt. Zum Schluß wurde aus der Mitte der Versammlung dem Vorstand und der Anstaltsleitung für ihre Mühewaltung der Dank des Vereins ausgesprochen.