Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 179 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- 179 — - „Nein, nein, sie ist nicht am Sterben," sagte Schneemann schnell, „es müßte denn-sein, daß sie vor Liebe stürbe." „O! Es ist also nicht wegen Ihrer Großmutter?" „Nein — das heißt — ja." Es erschien ihm Plötzlich sehr schwer, die heikle Angelegenheit zur Sprache zu bringen. Ohne weiteres plump von Jossels Absichten zu sprechen, würde, besonders wenn sie am Ende gar nicht existierten, seine Großmutter und damit seine ganze Familie kompromittieren. Auf der anderen Seite drängte es ihn jedoch, zu erforschen, was Wahres an all dem Geschwätz sei, daß sie jedenfalls schon kompromittiert hatte, und als Schützer seiner Großmutter und Repräsentant seiner Familie hielt er sich für verpflichtet, Jossel gerade auszufragen, ob seine Absichten ehrenhafte seien. Er erinnerte sich gewisser Szenen in Romanen und Theaterstücken, in denen unliebsame Freier von den Vertretern der Familie abgefunden und in ein anderes Land geschickt worden waren, ob es nicht am Ende das Beste wäre, denselben Weg bei Jossel einzuschlagen und ihn zu veranlassen, das Dorf zu verlassen? Jedenfalls konnte man es versuchen. „Nicht wahr, Jossel," sagte er, als sie miteinander durch die Dorfstraße gingen, „Siehaben ihr ganzes Leben hier verbracht?" „Wo sollte man sonst leben?" antwortete Jossel. „Haben Sie denn niemals Lust gehabt, einmal etwas anderes zu sehen? Möchten Sie nicht einmal nach Wien gehen?" Jossels ernstes, melancholisch dreinblickendes Gesicht erhellte sich ein wenig. „Nein, nicht nach Wien — es ist eine unheilige Stadt, aber nach Prag! In Prag ist es, wo der große Rabbi gelebt hat und wo heute noch die uralte unterirdische Synagoge sich, befindet, die Gott Jahrhunderte hindurch erhalten hat." „Nun, warum gehen Sie nicht einmal hin, um sie sich anzusehen", schlug der Künstler vor. Jossel stutzte. „Haben Sie mich von meinem Talmud gelockt, um mir das zu sagen?" „Nein, nein, nicht gerade deswegen", stotterte Schneemann, „aber als ich sah, wie eifrig Sie darin studierten, da kam mir plötzlich der Gedanke, wie. schade es sei, daß Sie nicht einmal reisen und zu Füßen der großen Rabbis sitzen könnten," „Wie sollte ich reisen können? Ich kann mit meinen Krücken nicht bis nach Prag humpeln." „O, ich würde Ihnen aber gern das Geld leihen, um dahin zu fahren." „Ich könnte es Ihnen niemals zurückerstatten." „Sie können es im Himmel tun. Sie können mir dort ein wenig von Ihrem Gan Eden (Paradiese) abgeben." Jossel schüttelte den Kopf. „Selbst wenn ich das Reisegeld hätte, wovon sollte ich dort leben? Hier verdiene ich mir ein paar Gulden dadurch, daß ich für die Leute Briefe an ihre nach Amerika ausgewanderten Verwandten schreibe. Außerdem kann ich, wenn es mir nicht beschieden ist, in Palästina zu sterben, ebensogut an dem Orte sterben, wo ich geboren bin." „Warum können Sie nicht in Palästina sterben?", rief der Künstler mit einem neuen Hoffnungsstrahl. „Sie sollen in Palästina sterben, ich verspreche es Ihnen." , Jossels Antlitz schien sich zu verklären. „Ich, ich sollte in Palästina sterben?" srug er begeistert. „So wahr ich lebe, ich werde das Fahrgeld für die ganze Reise und zwar zweiter Klasse für Sie bezahlen." Jossels strahlendes . Antlitz verdüsterte - sich plötzlich. „Wie kann ich Geld von Ihnen nehmen? Ich bin kein Schnorrer." Es war nicht leicht für Schneemann, auf diese Frage eine Antwort zu finden, um so mehr, da Jossels Eifer, nach Palästina zu gehen, um dort zu sterben, ihm bewies, daß kein Grund dafür vorliege, sich seiner zu entledigen. Indessen sagte er sich, daß es immer gut sei, sicher zu gehen, selbst wenn alles nur eitler Klatsch sei, außerdem könne er auf diese Weise einen alten Mann glücklich machen. „Es liegt kein Grund vor, weshalb Sie mein Geld nehmen sollten," sagte er mit echt künstlerischer Eingebung, „aber ich habe allen Grund, mir durch eine Mizwah (gute Tat) die Gnade des Allerhöchsten zu erbitten, und deshalb will ich Sie nach Jerusalem senden. Sehen Sie, ich habe nicht viele gute Taten vollbracht, auf die ich mich vor Gott berufen könnte." „Das habe ich gehört," antwortete Jossel gelassen. „Man sagt, daß Sie in Rom ein sehr gottloses Leben führen." „Das ist wahr", gab der Maler fröhlich zu. „Man sagt, daß Sie das zweite Gebot brechen, indem Sie Darstellungen von Dingen machen, die auf dem Meere und dem Lande sind." „Ich möchte, daß die Kritiker das zugeben wollten", murmelte der Künstler. „Ihre Großmutter versteht das nicht. Sie glaubt, daß Sie Häuser bemalen, was nicht verboten ist. Ich werde sie natürlich nicht enttäuschen — es hieße ihr zuviel Kummer bereiten." Dieses zarte, eines Liebenden würdige Gefühl erregte die Besorgnis des Künstlers aufs neue. „Wann werden Sie zum Aufbruche bereit sein?" fragte er. Jossel zögerte. „Um in Palästina zu sterben, muß man in Palästina gelebt haben," sagte er, >,ich kann es nicht erwarten, daß Gott meine Seele in dem Augenblick zu sich rufen wird, wo mein Fuß den heiligen Boden betritt." Der Künstler dachte einen Augenblick nach, er war kaum reich genug, um Jossel ein sorgenfreies Leben in Palästina garantieren zu können, besonders, wenn er, was ja möglich genug war, noch lange leben sollte. Da aber kam ihm ein glücklicher Gedanke: „Dort ist die „Chalukah" — erinnerte er Jossel. „Ist das ein Wohltätigkeitskomitee?" „Rein, nein, das ist es nicht; es ist einfach eine Art von Universitätsstiftung. Von der ganzen Welt aus wird Geld dahin geschickt, um alte Studierende wie Sie davon zu unterhalten. Die Gebete und Studien unserer alten Männer in Jerusalem kommen ganz Israel zugute. Ihre Gebete würden. mir insbesondere zum Heile sein." „Das ist wahr," sagte Jossel eifrig, „und ich habe immer gehört, daß das Leben dort sehr billig sei." „Dann ist es also abgemacht?" Jossel antwortete einfach: „Möge der Segen des Ewigen für immer und ewig auf Ihnen ruhen, und um des Verdienstes meiner Gebete in Jerusalem willen mögen Ihnen Ihre Sünden vergeben werden!" Der Künstler war gerührt. Während er mit Lachen und Weinen kämpfte, dachte er, daß nie das Haupt einer Familie so rasch einen unerwünschten Freier losgeworden sei. Nicht zu sprechen von einem nicht erwünschten Großvater! (Schluß folgt.) Syrechsaai. Herr Redakteur! mit tiefer Betrübnis habe ich den Bericht über die Verhandlungen in der österreichischen Delegation in Nr. 8 Ihres geschätzten Blattes gelesen, und mit ganz sicher zu sein, daß ich nicht durch einen