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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
Seite 178 (sequence 12)
Language
German
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Die Geschichte hat es mit Willensäußerungen zu tun, welche nach Motiven sich in Handlungen umsetzen, doch immer nur nach den stärksten Motiven. In der jüdischen Geschichte gibt es aber kein stärkeres Motiv, als jene Idee es ist. Freilich als blutleere Phrase, zu welcher sie herabgedrückt wurde und von manchen Predigern auch heute noch gedroschen wird, ist sie keiner weiteren Beachtung wert. Wer ihr jedoch auf den Grund geht, erkennt bald, daß sie den lebenskräftigsten Gedanken des Judentums enthält. Nur muß für die stete Zufuhr von Blut, und Wärme gesorgt werden, Blut von unserem Blut, Fleisch von unserem Fleische-, was vor allem dadurch geschieht, daß an Stelle der Mission des Judentums als abstraetum die des Juden gesetzt wird. Als jüdischer Mensch hat der Jude dieselbe Bestimmung wie der -Arier oder Mongole: die Entwicklung und Steigerung seiner Individualität bis zu den letzten Möglichkeiten. Was Nietzsche als die höchste Forderung des menschlichen Lebens bezeichnet, womöglich vollkommene Lebensentfaltung jedes einzelnen Individuums, muß erst recht vom Leben des Juden gelten, welches, wie das Pessachfest uns zeigt, im Zeichen absoluter, sittlicher Freiheit steht. Freie Entwicklung der jüdischen Persönlichkeit heißt aber nichts anderes, als neben dem allgemeinen Kulturwert sich seines besonderen jüdischen Jndividualwertes bewußt werden, um daraus jene geistigen und sittlichen Qualitäten abzuleiteu, welche das Wesen der jüdischen Individualität ausmachen. In dieser Perspektive betrachtet, erscheinen die Pflege der Sprache, die Sehnsucht nach der Heimat und die Betonung des nationalen Bewußtseins nicht als Selbstzweck, sondern nur als Bruchteile der Einheit, welche die jüdische Individualität gleich allen anderen bildet. Und wenn Nietzsche in geradliniger Weiterführung der Darwinschen strugle for live Lehre weiter behauptet, daß derjenige dem Sinne des Lebens am meisten gerecht wird und am meisten von ihm zu erwarten hat, dem es die größte Gegnerschaft entgegenstellt, so erblicken wir darin eine autoritative Bestätigung, daß wir bis heute nicht umsonst gelebt, zugleich aber eine Ermutigung, von unserer Mission auch in Zukunft nicht zu lassen, trotz der Gegnerschaft der Zeiten. Vielleicht ist gerade sie geeignet, jene Selektion ethischer und moralischer Qualitäten in uns herbeizuführen, welche für die Züchtung des „Volljuden" erforderlich sind. Geben wir dem Judentum, was dem Judentum gebührt, und wir empfangen mehr, als wir gegeben. Denn Was Hände bauten, können Hände stürzen. Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet. Ghetto-Komödien. Von I. Zangwill. Die heilige Ehe. II. O^bwohl Schneemann die ganze Angelegenheit unglaublich komisch fand, so mußte er doch eingestehen, daß er die allgemeine Mißbilligung dieser Heirat teilte. Wirklich, wenn man es recht bedachte, so war es geradezu lächerlich, daß er noch einen neuen Großvater haben sollte. Und was für einen Großvater! Vielleicht war die Bube wirklich im Begriffe, kindisch zu werden. Oder war er selbst schon so weit, den Verstand zu verlieren, indem er diesen Dorfskandal ernst nahm und glaubte, weil ein auf Krücken gehender Buckliger von 70 Jahren von einer mehr wie - 80jährigen Greisin ein paar Traktätchen geliehen habe, müßten die beiden sich nun. heiraten? Indessen sprachen verschiedene Umstände dafür, . daß die allgemeine Annahme nicht unbegründet sei. Es konnte zum Beispiel nicht in Abrede gestellt werden, daß nach Schluß des Synagogendienstes, wenn die Frauen von der für sie reservierten Galerie herab kamen und sich unter die Männer ' mischten, seine Großmutter und Jossel, wie durch eine übernatürliche Macht angezogen, sich sofort fanden und zusannnen den Heimweg antraten. Ebenso stand es fest, daß bei dem letzten Laubhüttenfeft Bube - ihren rituellen Palmzweigdem Buckligen geliehen und ausschließlich seinem Gebrauche überlassen hatte, weil er selbst zu arm war, einen zu erschwingen. Natürlich ließ sich dies auch als ein Akt der Dankbarkeit auslegen, da 14 Tage vorher, als bei dem Neujahrsfeste die Großmutter nach Gottes unerforschlichem Ratschlüsse krank zu Bette gelegen hatte, Jossel sich die Erlaubnis zu verschaffen wußte, den Schofar (Trompete, Horn) zu erlangen und dann die Synagoge verließ, um dainit zu ihrer Wohnung zu eilen. Er hatte — den Anstand wahrend — das heilige Horn in dem unteren Zimmer der Hütte geblasen, so daß sie es oben hörte, und nachdem sie es gehört, frühstücken konnte. Es war ein Akt der Nächstenliebe gewesen, der seine volle Rechtfertigung darin fand, daß die orthodoxe Jüdin durch ihre Krankheit verhindert war, in der Synagoge zu erscheinen. Und doch — welch mittelalterlicher Minnesänger hatte je eine zartere Art der Huldigung seiner Herrin gefunden, als indem er ihr ein Trompetenständchen brachte? Aber woher hatte Jossel es gewußt, daß seine Herrin krank sei? Sein Auge mußte doch über die Galerie der Frauen geschweift und ihre Abwesenheit unter den weinenden und sich hin und her wiegenden Gestalten entdeckt haben! Eines Tages aber geschah etwas, das einen schlagenden Beweis für das wirklich bestehende zärtliche Verhältnis des alten Paares lieferte. Die Großmutter hatte tatsächlich den Dorfpostboten gebeten, ihr den Gefallen zu tun, ein braun verpacktes Paket an Jossels Wohnung abzugeben. Der Postbote plauderte die Sache nicht aus,'aber Jossels Wirtin tat es, und nach einer Stunde schon wußten es alle jüdischen Bewohner des Dorfes, daß Henta Jossel einen Beutel für seine Gebetriemen gesandt habe also das Liebessymbol, daß die jüdischen Mädchen. dem Bräutigam verehren. Konnte ihre schamlose Leidenschaft weiter gehen? Der Künstler beschloß, daß die Sache nicht weiter gehen dürfe. Er setzte seinen Hut auf und ging, Jossel Mandelstein aufzusuchen. Es war aber nicht so leicht, ihn zu finden, und des Malers Entschluß, auf jeden Fall mit ihm zu sprechen, befestigte sich um so mehr, je schwerer es schien, seiner habhaft zu werden. Er schien von der Erde verschwunden zu sein. . Endlich jedoch fand er ihn in dem Beth Hamidrasch (der Schul?), wo er in Gesellschaft einer buntscheckigen Versammlung von Jünglingen und Graubärten, die dem wirklichen Leben ebenso fremd gegenüberstanden wie er selbst, tief in das Studium eines babylonischen Folianten versunken, sich unablässig hin und her wiegte. Der dämmerige Raum der „SchE", in der nur das Studium der heiligen Schriften betrieben wurde, schien ein sehr unpassender Ort zur Besprechung einer Liebesangelegenheit. Er flüsterte daher dem eifrig Lesenden zu, f daß er ihn dringend bäte, mit ihm herauszugehen. Jossel schreckte erstaunt auf. —— „Ach, Ihre Großmutter liegt im Sterben," rief er dann, „ich werde sofort mit Ihnen gehen, um für sie zu beten."

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