Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 177 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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177 da? Naturprinzip gewissermaßen durch das historische durchbrochen und die Beobachtung der Sabbatvorschrift mit der Befreiung aus der ägyptischen Bedrängnis begründet. Dieses Streben, den religionsgesetzlichen und ethischen Lehrinhalt der Bibel mit der Erinnerung an das älteste historische Ereignis des israelitischen Volkes zu durchsetzen, hat seine guten Gründe. Es sollte dadurch dem israelitischen Volksbewußtsein zur unverlierbaren Erkenntnis werden, daß die Idee der Freiheit, auf welche jenes Ereignis hinweist, die Grundlage seiner Religion sowohl wie auch seiner Sittlichkeit ist. Es ist meines Wissens bisher noch nicht mit der gebührenden Schärfe betont worden, daß ehe sie sich noch zu einem Volke konsolidierten, bevor selbst ihr religiöses Bewußtsein mit einem bestimmten Inhalt ausgestattet worden ist, bereits die Idee der Freiheit bei den Israeliten tiefe Wurzel gefaßt hat. Ohne den Boden historischer Objektivität zu verlassen, kann demnach behauptet werden, daß der Begriff „Freiheit" den ältesten Kulturbegriff unserer Ahnen darstellt, älter, als der der Nation, ja selbst Religion. Daraus ergibt sich aber zugleich, daß unter jener Freiheit nicht eine nationale, überhaupt materielle, sondern nur .die ideelle, sittliche Freiheit gemeint ist, wie sie viel später unter dem Einfluß der jüdischen Philosophen des Mittelalters von Spinoza in ein System gebracht, von Kant und Goethe weitergebildet und von Nietzsche zur äußersten Konsequenz geführt wurde. Nicht in dem Durchzug durch das Meer und den dabei sich abspielenden Wundern, sondern vielmehr in dem diesen Ereignissen vorausgegangenen sittlichen Umwandlungsprozeß unserer Vorfahren ist das Wesentliche des Pessach-Gedankens enthalten. Nicht ohne Grund wird der 10. Nissan, welcher damals auf einen Sabbat fiel/) von der Tradition als der große Sabbat bezeichnet; jener Tag, an dem die Wahngebilde ägyptischer Naturanbetung und menschlicher Selbstverachtung zerstört worden sind, ist in der Tat ein einzig dastehender, großer Tag in den Annalen unserer Geschichte. Und wenn unsere alten Lehrer behaupten/) jedes Geschlecht habe sich so zu betrachten, als wäre es selber aus Mizrajim gezogen, so haben in richtiger Erkenntnis schon sie das Faktum der Befreiung aus Aegypten aus der Niederung eines ephemeren Ereigniffes in die höhere Sphäre eines sittlichen Ideals gehoben. — Die Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens, besonders aber die jüdische Geschichte. Sie ist so geartet, daß jedes wichtigere Ereignis, von welchem sie berichtet, gleichsam ein Exempel ist zu einer sittlichen Regel, deren Nutzanwendung für die Volksseele klar zutage tritt. Wie nun erst jenes Ereignis, welches den Grund und Boden zu unserer historischen Vergangenheit legte, und dessen Erinnerung wir alljährlich mit dem Erwachen des Frühlings feierlich begehen. In der Tat hat die dem Pessachfest zugrunde liegende Idee seit zwei Jahrtausenden nicht aufgehört, von zentraler Bedeutung für die Lösung des Problems zu sein, welches wir mit dem Wort „Judentum" zu bezeichnen gewöhnt sind; von ihr empfing das Streben nach Verwirklichung unserer religiösen und nationalen Ideale jederzeit starke Impulse und kraftvolle Anregung. In den ersten Jahrhunderten nach dem Untergang unserer staatlichen Selbständigkeit, da die Diaspora noch aus hundert Wunden blutete, schöpfte man aus der Pessach-Geschichte die Zuversicht, daß die entschwundene Herrlichkeit sehr bald in der alten Pracht erstehen würde. Das Wunder, welches in jener Nacht des 14. Nissan an den Ahnen vollbracht wurde, erschien gleichsam als ein Vorbild, dessen Wiederholung Gott nötigeny Vgl. Seder Olam Rcrbba, Kap.-3. a) Pesachim 116b. falls jederzeit veranlassen werde. Diese Zuversicht hatte Akiba und seinem Anhang die Waffen in die Hand gedrückt und den Schwärmern die Worte auf die Lippen gezaubert: „Nur noch in diesem Jahre sind wir Sklaven, im nächsten Jahre frei; nur noch in diesem Jahr Sklaven, im nächsten Jahre in Jerusalem." Indes bald war die Enttäuschung eingetreten und ebenso bald überwunden worden. Als sich die Gemüter beruhigten und die Verzweiflung stummer Resignation gewichen war, konnte es nicht ausbleiben, daß die Volksseele nach neuen Idealen strebte, beziehungsweise die alten den geänderten Verhältnissen anzupassen suchte. So war diePessach- Jdee zum Stützpunkt einer Richtung geworden, deren Anfänge wohl aus die Höhen des Sinai Hinweisen, die aber fortab während der ganzen, langen Nacht des Golus die gesamte Geistes- und Gefühlswelt des jüdischen Volkes beherrschte und seine Lebensfähigkeit und Daseinsberechtigung auf festere Grundlagen stellte. Ich meine den großen Gedanken, der am prägnantesten durch den oft mißbrauchten und mißdeuteten Ausdruck: „die Mission des Judentums" bezeichnet ist. Wie die vielhundertjährige Knechtschaft in Mizrajim als „der eiserne Schmelzofen Gottes", so wurden die entsetzlichen Leiden und Verfolgungen des Mittelalters als ein Mittel betrachtet, welches das Judenvolk für den heiligen Beruf erziehen sollte, „ein Zeuge der Nationen" zu werden. Dies erzeugte jenen Heroismus in der Religion, der äußerlich in der minutiösesten Beobachtung der religiösen Vorschriften zutage trat, innerlich aber bis zur höchsten Stufe sittlichen Adels sich erhebend, die glanzvollsten Kapitel unserer Geschichte schreiben geholfen hat. Das war der Stand der jüdischen Dinge bis zu den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Der Umprägung und Umwertung, welche alle geistigen und sittlichen Werte seitdem erfahren haben, konnten auch die Kulturideale des Judentums nicht entgehen. Und so wurde der Missionsgedanke, der zwei Jahrtausende hindurch dem Judentum Inhalt und Zweck gegeben, für bankerott erklärt, und auf den rauchenden Trümmern erhob sich mit kraftstrotzendem Siegesbewußtsein die jüdischnationale Renaissance. Es hieße das Wesen dieser Bewegung verkennen, wollte man die letzte Ursache ihres Entstehens in. dem schweren politischen und gesellschaftlichen Druck suchen, der neuerdings auf uns lastet. Es standen auch andere Faktoren an ihrer Wiege. Vor allem die materialistische Geschichtskonstruktion unserer Zeit, welche, ganz unter dem Einfluß der modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnis stehend, in der historisch-kritischen Analyse das „ideale Moment" ausschaltet und alles Geschehen auf das Zusammenspiel mechanischer und wirtschaftlicher Kausalgesetze zurückführt. Dasselbe tat der Zionismus, als er aus den rein physischen Elementen der Sprache, des Bodens und des nationalen Selbstgefühls sein Ideal konstruierte und den größten Teil seiner Stoßkraft an die Zertrümmerung des das rein „idealistische Motiv" in der jüdischen Geschichte darstellenden Missionsgedankens gewendet hat. Das ist aber auch der organische Fehler, mit welchem die jungjüdische Bewegung behaftet ist, und der die Schuld trägt, daß sie trotz zwanzigjähriger „Gegenwartsarbeit" über die bloße Negation nicht recht hinausgekommen ist. Sie übersah, daß das Judentum ein ideeller Kulturfaktor ist und als solcher sich nicht in das Prokrustesbett materialistischer Geschichtsauffassung zwingen läßt. Man mag über „die Mission" sich noch so lustig machen, sie als alberne Phrase hinstellen, mit der rückständige Prediger ihre Herde traktieren, jetzt, wo selbst im zionistischen Lager die Verflachung und Abflauung der Bewegung nicht mehr geleugnet wird, ist man vermutlich auch dort zu der Erkenntnis gelangt, daß ohne die verhöhnte I Missionsidee jüdische Geschichte nicht gemacht werden kann.