Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 176 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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176 die Alleinherrscherin im Gebiet alles geistigen LebenT und Strebens, der alle anderen Wissenschaften blinde Gefolgschaft leisteten. Anstatt sie zu erforschen, verherrlichte und vergötterte man die Natur, und als Folgeerscheinung des Naturkultus ergab sich die stufenweise Herabminderung des individuellen Kulturwerts des Menschen, die schließlich in Selbsterniedrigung und Selbstverachtung ausartete. Natur und Mensch galten im Vorstellungskreis jener Zeit als zwei Welten für sich, ja sogar als feindlich gesinnte Mächte, wobei es als der höchste Triumph des Menschen angesehen ward, die feindliche Macht zu überwinden. Dies führte in der Philosophie zur Stoa und dem Zynismus, in der Religion zur Askese und zum Wunderglauben, in der Geschichte zu den Kreuzzügen, der Inquisition und den Ketzergerichten. Mit dem Auftreten von Kopernikus, Galiläi und Kepler änderte sich alles wie mit einem Schlage. Die geozentrische und anthropozentrische Lehre wurde als töricht und unhaltbar erkannt und zur Gewißheit festigte sich die Ueberzeugung, daß die Erde samt ihren Bewohnern, weit entfernt „die ganze Welt" zu sein, vielmehr nur als ein Teil zahlloser, mannigfaltiger * Weltkörper zu begreifen sei. Dadurch hat das naturwissenschaftliche Bewußtsein gewissermaßen den Höhepunkt überschritten, um fortan in andere Bahnen geleitet zu werden. War der Mensch einmal in seiner organischen Eingliederung in das Weltganze erkannt als ein Wesen, für welches die Natur keinerlei Ausnahmsgesetze geschaffen, so mußte die folgerichtige Durchbildung dieses Gedankens dazu führen, bei der Feststellung des Verhältnisses des menschlichen Individuums zum Universum den naturphilosophischen und metaphysischen Gesichtspunkt fallen und an ihrer Statt geschichtliche und soziale Kriterien treten zu lassen. Dementsprechend gewahren wir vom 17. Jahrhundert ab ein allmähliches Nachlassen des naturwissenschaftlichen Interesses einerseits, auf der anderen Seite das siegreiche Vordringen des historischen Kritizismus und der sozialphilosophischen Analyse. Das 17., 18. und die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts sind die Blütezeit des erwachten historischen Sinnes und der Wissenschaften, welche diesen zu kräftigen geeignet sind. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist eine totale Aenderung der bezeichneten Sachlage zu verzeichnen. Berauscht von den großartigen Erfolgen, welche die Naturwissenschaft auf dem Gebiet der Technik, der Industrie und des wirtschaftlichen Lebens aufzuweisen hat, tritt sie mit der stolzen Gebärde eines Alleinherrschers und dem Verlangen auf, die historischen Wissenschaften als Aschenbrödel in den letzten Winkel der Küche verbannt zu sehen. Wir sind eben Zeugen dieses Geisteskampses, der alle Intellektuellen der Gegenwart in Spannung hält und von beiden Teilen mit gleicher Heftigkeit geführt wird. Für uns ist es nun von besonderem Interesse, zu erfahren: Wie stellt sich das Judentum zu der akut gewordenen Kulturfrage? Als ideeller Kulturfaktor redet das Judentum der historischen Erkenntnis das Wort. Nicht als ob es den Wert „der eisernen Logik der Natur" und deren Anwendung aus das praktische Leben verkennen wollte. Ist es doch eine wesentliche Eigentümlichkeit der israelitischen Gotteslehre, daß sie sich zu allen Zeiten ebenso als eine geoffenbarte, wie auch als eine aus der Natur erkannte und durch sie bewiesene hinstellte. Im allgemeinen jedoch steht das Judentum aus einem Standpunkt, welcher auf die kürzeste Formel durch das Wort der Schrift gebracht erscheint: Denn nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern auch von den Aeußerungen des göttlichen Willens lebt er. Eine Bemerkung der alten Lehrer dürfte geeignet sein, diesen Standpunkt noch schärfer hervortreten zu lassen. Anläßlich des erstmaligen AnzündenS der Menoralichter in der Stiftshütte lassen sie Gott zu Aron sprechen: Lieber sind mir die Lichter, die du anzündest im Heiligtum, als die Lichter, welche ich selbst befestigt habe am Himmel. In der Bildersprache des Midrasch wird hier die Präponderanz des sittlichen Bewußtseins über das naturwissenschaftliche mit aller Schärfe hervorgehoben. Das Reich der inneren Welt, das der Mensch durch eigene Schöpfung sich errichtet, ist größer und herrlicher als das der natürlichen Schöpfung, in welches er von Gott hineingestellt wurde. Der Baumeister jenes Reiches aber ist „die Geschichte". Durch das Zurückgehen auf die Vergangenheit lernt der Mensch an sich selbst und an sein Verhältnis zur Außenwelt einen größeren Maßstab anlegen, das Weltgeschehen 8ub specic aeternitatis betrachten. Indem er aus dem engen Kreis der eigenen Persönlichkeit heraustritt, stellt er sich gleichsam auf eine höhere Warte, von wo aus die wenigen Ereignisse, die er selbst erlebt, ihm als ein verschwindend Kleines erscheinen gegen das geschichtliche Ganze. Demgemäß erfahren die Phänomene der Natur im biblischen Schrifttum nicht nur räumlich, sondern auch sachlich eine bloß parenthetische Behandlung, während das geschichtliche Moment überall dort im Vordergrund steht. Näher betrachtet, ersch'eint selbst die Schöpfungsgeschichte nur als Anknüpfungspunkt, die Einheit des Menschengeschlechts zu beweisen und daraus die mit Abraham beginnende Stammesgeschichte Israels abzuleiten. Ebenso tragen trotz des Naturmotivs, welches sie begleitet, die sämtlichen biblischen Feste durchweg historischen Charakter. Das zeigt sich ganz besonders bei dem Pessachfestses ist ein geschichtliches Fest par excellence. Schon die äußere Form, in welche die Verordnung über die Feier des Festes an den Hauptstellen der Schrift eingekleidet erscheint, ist die der Erzählung. II. Moses Kap. 12, 26: „Und es wird sein, wenn euere Kinder zu euch sprechen: Was bedeutet dieser Dienst? Saget ihnen, es ist ein Ueberschreitungsopfer dem Ewigen". II. M. 13,8: „Und erzähle deinem Sohne an diesem Tage, weshalb der Ewige nur so getan, als ich aus Aegypten zog." II. M. 13,14: „Und es wird sein, wenn dich dein Sohn einst fragen wird, was soll euch dieser Dienst? Sage ihm, mit starker Hand hat uns Gott aus Aegypten geführt." Es geht bereits aus diesen Stellen hervor, daß der Schwerpunkt der Feier nicht so sehr in der Ausübung der festlichen Gebote, als vielmehr in dem geschichtlichen Zurückgehen auf die dem Feste zugrunde liegenden Ereignisse ruht. Wenn wir weiter lesen: Rabbi Gamliel sagte, jeder, der diese drei Dinge am Pessach nicht bespricht?) habe seiner Pflicht nicht genügt; ferner hören, daß Rabbi Akiba und seine Kollegen die ganze Nacht hindurch von den Pessach-Ereignissen erzählen, so beweist das zur Genüge, daß jene Auffassung auch von den Lehrern der Mischna geteilt wurde. Als geschichtliche Erinnerung durchzieht denn auch der Pessachgedanke den Gesamtkomplex der biblischen Gesetzgebung. Es ist interessant zu beobachten, wie selbst Gebote, welche mit dem „Auszug aus Aegypten" in keinem Zusammenhang stehen, schließlich doch mit der Erinnerung an jenes Ereignis begründet werden. Besonders scharf tritt das bei dem Gebot der Sabbatruhe zutage. Im Schöpfungskapitel der Genesis wird der Sabbat sozusagen als ein Naturgesetz dargestellt, eine Art natürlicher Ausgleichung von Bewegung und Ruhe. In dieser Gestalt erscheint er in der ersten Relation des Dekalogs, in der zweiten jedoch wird i) Vgl. Pesachim X, Mischna 8. Gemeint sind die drei Festsymbole: Pessach, Mazzoh, Moraur.