Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 175 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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vergessen zu erwähnen — damals mit Herrn von Bethmann-Hollweg auch verabredet, ich wollte ihm einen Bericht über die ganze Frage in einer Eingabe, unterschrieben in meiner Eigenschaft als Herrenhausmitglied, zuschicken. Das habe ich getan in einer Eingabe, die vom Mai vorigen Jahres datiert ist. Eine Antwort darauf habe ich aber nicht bekommen. Ich habe dann also auch dem jetzigen Herrn Minister mündlich von der Sache Mitteilung gemacht und ihn wiederum dringend gebeten, er möge doch Abhilfe schaffen, weil ich das für zuträglicher hielt, als die Sache hier im Herrenhause zur Sprache zu bringen. Zu meinem Bedauern habe ich wieder keine Antwort bekommen, und deshalb sehe ich mich allerdings genötigt, die Frage hier doch vorzubringen. Ich glaube, ich habe dabei so vorsichtig gehandelt, wie man überhaupt nur handeln kann. Mir ist gesagt worden: Ja, findest Du denn im Herrenhause dafür auch die nötige Resonanz? Ich habe erklärt: ja, davon bin ich fest überzeugt! Es wäre mir selbstverständlich ein Leichtes gewesen, irgend jemand zu veranlassen, diese Sache im Abgeordnetenhause vorzubringen. Ich habe vorgezogen, das nicht zu tun, weil .ich glaube, daß gerade das Herrenhaus der gegebene Ort ist, solche Fragen in Ruhe und Objektivität zu erörtern; ich wollte sie nicht gewissermaßen zu einer Parteisache machen, zu einem öffentlichen Skandal. Ich habe den betreffenden Herrn, der mir sagte: Findest du wohl die nötige Resonanz im Herrenhause?, darauf verwiesen, daß im vorigen Jahre eine andere Frage, die von den meisten Mitgliedern dieses Hauses in einem anderen Sinne beurteilt wurde als von dem Herrn Interpellanten, der damals die Sache zur Sprache brachte, nämlich die Duellfrage, trotz der Verschiedenheit der Ansichten in einer so sachlichen und ruhigen Weise erörtert worden sei, daß ich nicht den geringsten Zweifel hätte, daß das Herrenhaus für die gegenwärtige Frage ebenfalls das richtige Forum sei. Ich glaube, daß gerade das Herrenhaus berufen und geeignet ist, dem Gefühle des Rechtes und dem Gefühle — ich kann es nicht anders ausdrücken — dessen, was sich öffentlich schickt und was der Anstand mit sich bringt, in hervorragender Weise Rechnung zu tragen. An den Herrn Minister möchte ich nun das Ersuchen richten, die Abhilfe, die bisher nicht geschaffen worden ist, möglichst bald zu schaffen; denn die Frage ist nun in der Oeffentlichkeit ganz offen und klar und aktenmäßig dargestellt, und darum werden diese Zustände doch nicht ferner bestehen können. Dem preußischen Staate und dem Rechtsgefühl im preußischen Staate würde damit wesentlich Abbruch getan werden; man würde ihm den Vorwurf machen, daß hier nicht mit gleichem Maße zwischen den verschiedenen Konfessionen und Volksarten gemessen wird. Ich lege also die Sache vertrauensvoll in die Hände des Herrn Ministers und bitte ihn dringend, hier einzuschreiten, aber so, daß wirklich ernstliche Abhilfe geschaffen wird. Minister des Innern von Moltke: Ich habe zu meinem Bedauern die Eingabe, von welcher der verehrte Herr Oberbürgermeister Struckmann sprach, nicht bekommen; meine Akten liegen hier, ich kann' es beweisen. Ich habe die Eingabe leider nicht erhalten. Das nur zur tatsächlichen Berichtigung. Im übrigen muß ich ihm zugeben, daß dieses Lied, welches er uns mitgeteilt hat, namentlich in dem letzten Verse, ganz unzweifelhaft eine grobe Beleidigung der anwesenden Einzelpersonen, gegen welche es gerichtet ist, darstellt. Anders liegt die Sache aber, wenn das ganze Publikum das Lied offensichtig und ohne die Absicht der Beleidigung einzelner Personen, die anwesend sind, singt, wie das meist geschehen sein soll, wie ich höre. In letzterem Falle ist nach den gemeinschaftlich von dem Herrn Justizminister und mir angestellten Erörterungen es nicht möglich,-strafrechtlich gegen das bloße Absingen dieses Liedes vorzu gehen. Ich nehme aber keinen Anstand, dieses ganze Verfahren als eine grobe Angehörigkeit zu bezeichnen, zu der nicht einmal Mut erforderlich ist. Diese Verhandlung ist ohne Zweifel sehr interessant. In der Verurteilung des Treibens der antisemitischen Badegäste in Borkum war das ganze Haus — mit Ausnahme eines Heiterkeitserregers und eines Schlußrufers — so ziemlich einig. Und trotzdem bleibt auch hier alles beim Alten! Orllsch. Eine geschichtsphilosophische Betrachtung. Von Rabbiner Dr. Armin Abeles°Wien. den Anfängen seiner Entwicklung war der menschliche Geist ausschließlich aus die Erkenntnis der Natur gerichtet. Der Urmensch lebte und webte in der Natur; frei und unmittelbar war sein Verhältnis zu ihr, gewissermaßen von Angesicht zu Angesicht. Sie galt ihm als Feind und Freund zugleich. Feind, den er durch Zauberformeln zu beschwören und Opfergaben zu beschwichtigen suchte. Freund, dessen Winke und Zeichen er gedeutet, auf dessen Ratschläge sein Ohr lauschend gehorcht hatte. Aus der Feindschaft entwickelte sich seine Religion zur Naturreligion; der Freundschaft entsprang seine Philosophie als Naturphilosophie. Jn den Läusten der Zeiten ist aus dem Urmenschen der Kulturmensch geworden. Dieser Umwandlungsprozeß bildet eines der Welträtsel, an dessen Lösung der menschliche Geist bereits sehr viel Kraft und Energie gewendet hat. Trotz der schönen Resultate, welche die Wissenschaft auf diesem Gebiete zutage gefördert hat, kann von einer endgültigen Lösung des Problems schlechterdings nicht die Rede sein. Wie dem aber auch sein möge, sei es, daß diese Metamorphose als Ergebnis einer vielhunderttausendjährigen Entwicklung oder als mit elementarer Plötzlichkeit erfolgte Willensäußerung Gottes anzusprechen wäre, von allem Zweifel unberührt ist die Tatsache, daß der Gesichtskreis des Menschen dadurch eine wesentliche Verschiebung erfahren, sein Denken und Fühlen eine ändere Richtung genommen hatte. Je mehr er sich vom Schauplatz der Natur entfernte, je dicker die Scheidewand war, die ihn von seiner Umgebung abgesondert, dxsto lebhafter regte sich in dem Menschen das Bedürfnis, sich auf sich selbst zu besinnen, die Münze seines sittlichen Wertes zu prägen. War er bis dahin ein willenloses Werkzeug der ihn umgebenden Naturgewalten gewesen, so begann er mit seinem Eintritt in die Kultur sich als Glied der sozialen Ordnung zu betrachten, als mitbestimmenden Faktor der Geschichte. In dem Maße, wie neue kulturelle und soziale Aufgaben an ihn herangetreten, seine Lebensbedingungen umgestaltend und seine Daseinsmöglichkeiten vervielfältigend, differenzierte sich der primäre Naturtrieb des Urmenschen zu historisch-sozialem Empfinden. Nicht nur post hoc, sondern auch propter hoc gesellte sich schon frühzeitig zu dem naturwissenschaftlichen Bewußtsein das Streben nach historischer Erkenntnis. Beide, Naturbetrachtung und Geschichtserkenntnis, sind demnach nichts weiter als zwei Arten des menschlichen Erkennens, Attribute der denkenden Substanz. Gleich zwei mächtigen Strömen durchfluten sie das weite Gebiet der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes, für die oberflächliche Betrachtung einander an keinem Punkte berührend, scheinbar sogar in auseinanderstrebender Richtung. Wer aber ihren Lauf von der höheren Warte geschichtsphilosophischer Betrachtung zu verfolgen versieht, dem fällt es nicht schwer, zu erkennen, daß sie zusammengehören, im Verhältnis ununterbrochener Wechselwirkung stehen und ihre Flutwellen einem Ziel entgegenströmen: sich in das unendliche Meer menschlicher Erkenntnis zu ergießen. Allerdings, das Geltungsgebiet beider war zu keiner Zeit ein gleiches; nach dem jeweiligen Stand der Kultur verengten oder erweiterten sich ihre Grenzen und demgemäß war auch die Schätzung ihres Wertes Schwankungen unterworfen. Im Altertum bis in das späte Mittelalter hinein war die Naturbetrachtung — von einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis im modernen Sinn des Wortes kann in jener Zeit nicht gut gesprochen werden —