Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 173 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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der letzten Zeit die katholische Geistlichkeit mehrere jüdische Kinder entführt und sie, wider den Willen der Eltern, denen man nicht mehr gestattete, die Kinder zu sprechen, getauft hat. Der wesentliche Inhalt dieser- Petition ist folgender: Nach russischen Gesetzen ist der Vater der natürliche Beschützer seines minderjährigen Kindes, und wenn dieses dem Hause entläuft oder durch andere Personen entführt wird, so steht ihm das volle Recht zu, die Hilfe der Polizei zur Wiedererlangung des Kindes anzurufen. Dieses Gesetz ist bindend für alle Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession, wird jedoch in der Praxis hinfällig gemacht durch besondere Zirkulare, die in Rußland immer noch mehr Kraft besitzen als das Gesetz. Der Polizei wird durch solche Zirkulare verboten, Eltern jüdischer Kinder Hilfe zu leisten, wenn die Kinder zum Zwecke des Glaubenswechsels entlausen oder entführt werden. So wurde neulich polizeiliche Hilfe einem gewissen Alexander Wiederschall versagt, dem man eine 15jährige Tochter in ein Kloster entführt und dort getauft hatte. Das gleiche geschah einem gewissen Chaja Kaller, dem man eine 13jährige Tochter und einem Hirsch Gotholder aus Lublin, dem man eine 14jährige Tochter entführt hatte. Die Gesuchsteller betonen nun, daß es ihnen fernliege, Juden, die ihren Glauben ändern wollen, daran zu hindern, sie bitten bloß um die Zurückziehung der geheimen Zirkulare, die den jüdischen Eltern das Recht auf ihre Kinder nehmen. Diese Bittschrift wird sicher jeder vernünftig und objektiv denkende Mensch billigen. Es ist unwahrscheinlich, daß sich gerade deshalb die Gegensätze zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung in Polen verschärft haben sollten. Ißorhum. Berlin, 4. April. er Sommer naht — und da fängt man an, sich mit den Bädern zu beschäftigen. Dabei kommt natürlich Borkum für uns nicht in Frage, obwohl die Borkumer selbst, wie wir erst in der vorigen Nummer mitgeteilt, an den Sommer-Antisemitismus ihres schönen Bades unschuldig sind. Gerade zu derselben Zeit, am 31. v. M., hat auch im preußischen Her reu Hause — man höre und staune! — der Oberbürgermeister von Hildesheim, Struckmann, eine sehr wirkungsvolle Rede gegen das wüste Treiben in Borkum gehalten. Dieselbe ist so interessant, daß wir sie mit der Antwort des Ministers hier nach dem stenographischen Wortlaut folgen lassen: Dr. Struckmann: Ich möchte den Herrn Minister des Innern um Abhilfe ersuchen wegen Mißstände, die sich seit einer Reihe von Jahren auf der Insel Borkum herausgebildet haben und von denen ich glaube, daß sie im Interesse der öffentlichen Ordnung und im staatlichen Interesse nicht ferner geduldet werden dürfen. Es hat sich auf der Insel Borkum unter einer Gruppe von Badegästen seit einer Reihe von Jahren eine Richtung geltend gemacht, die gegen die Juden gerichtet ist und dieselben von der Insel fern zu halten sucht. Sie haben das anfänglich in der Weise versucht, daß sie die Wirte veranlaßt haben, an Juden keine Logis zu vermieten, daß sie die Restaurateure veranlaßt haben, ihnen keine Speisen zu verabreichen, und daß sie auf andere ähnliche Weise den Juden den Aufenthalt auf Borkum unmöglich oder sehr unangenehm zu machen versucht haben. Meine Herren, das sind alles Mittel gewesen, die ich meinerseits nicht schön und nicht richtig finde; am wenigsten, glaube ich, verdienen sie den Namen „christlich" oder „sozial". Etwas Christliches kann ich darin nicht finden. Aber die Mittel haben sich mehr auf dem privatrechtlichen Gebiete bewegt, und dagegen ist wohl schwerlich etwas anderes zu machen, als daß man durch Aufklärung auf das Unangemessene derartiger Mittel hin weist. Es scheinen dann aber diese von mir angeführten Mittel nicht .genügt zu haben, denn seit einer Reihe von Jahren ist man zu drastischeren Mitteln übergegangen. Man hat ein Gedicht verfaßt, das sogenannte Borkumlieb. Man verbreitete es massenhaft auf Borkum, und dort ist es überall bei den Kellnern, in den Wirtschaften und in den Handlungen zu haben. Es wird auf Ansichtskarten gedruckt und durch die Post vertrieben. Diese Ansichtskarte liegt mir vor, und ich werde mir erlauben, sie nachher auf den Tisch des Hauses niederzulegen. Sie enthält erstens ein Bild, in dem geschildert wird, wie die Badegäste unter großem Hurra unter Mitwirkung der Badekapelle das Gedicht singen. Daneben findet sich ein anderes Bild, in dem ein Gastwirt einer jüdischen Familie den Weg weist mit den Worten, die ich nachher mitteilen werde. Ferner befindet sich auf der Ansichts« karte jenes Borkumlied mit dem Motto: Hep, hep, Hurra! Es enthält drei Verse. Die beiden ersten interessieren hier nicht. Der letzte Vers lautet folgendermaßen: Es herrscht im grünen Jnselland Ein echter deutscher Sinn, Drum alle, die uns stammverwandt, Ziehn freudig zu ihm hin. An Borkums Strand nur Deutschtum gilt, Nur deutsch ist das Panier. :,: Wir halten rein den Ehrenschild Germaniens für und für. :,: Der Vers schließt dann: „Doch wer Dir naht mit platten Füßen, Mit Nasen krumm und Haaren kraus, Der soll nicht Deinen Strand genießen, Der muß hinaus! Der muß hinaus! Hinaus!" Nun steht auf dem erwähnten Bilde eine jüdische Familie, die auf diese Weise aus Borkum hinausbefördert wird, indem ihr von seiten des Wirtes erklärt wird: „Bedaure, doch wer sich naht mit platten Füßen usw., der muß hinaus! — hinaus!" Damit aber nicht genug. An jedem Abend ist in Borkum öffentliche Musik. Diese ist allerdings in einem Wirtshause, im Koehlerschen Strandhotel; das Strandhotel liegt aber unmittelbar an der Strandpromenade, also an einem öffentlichen Wege, und die Strand- Halle, wo die Gäste und die Musik sitzen, ist nach dorthin offen, so daß man am ganzen Strande und vom Wege aus die Musik und etwaigen Gesang hören kann. An jedem Abend nun, wo dort Musik ist — abwechselnd soll es auch in anderen Wirtschaften der Fall sein, aber hier doch am meisten —, wird zum Schluß die Melodie jenes Liedes verlangt. Und dann erhebt sich ein lauter Gesang eines großen Teiles der Badegesellschast und des Publikums, das sich in Voraussicht dieser Dinge bereits am Strande versammelt hat, unter« halb dieser Strandhalle; es wird dieses Lied gesungen, und mit großem Hurra und mit großem Getöse wird dann das aufgeführt, was auf dem Bilde dargestellt wird, indem man singt: sie (die Juden) müssen hinaus, die müssen hinaus, hinaus! (Heiterkeit.) — Ja, meine verehrten Herren, zum Lachen ist die Sache, glaubeich, nicht; ich finde sie außerordentlich ernst, ich finde diese Angelegenheit sehr traurig. Meine Herren, es ist mir wohl gesagt worden: das ist ein harmloses Vergnügen. Nein, harmlos ist es nicht, dieses tolle Johlen, dieses Schimpflied, wie man es nicht anders bezeichnen kann. Es ist ein Lied, das direkt zu einer Gewalttätigkeit herausfordert, zum Hinauswerfen; es soll damit eine ganze Klasse vollberechtigter deutscher Bürger gehindert werden, an den öffentlichen Plätzen Borkums, in den Wirtshäusern, die jedem zugänglich sind, zu erscheinen. Man will, da die früheren Mittel nicht drastisch genug gewirkt haben, es aus diese Weise unmöglich machen, daß irgend ein anständiger, ehrliebender Jude überhaupt noch auf Borkum sich einfindet. Denn, meine Herren, wenn er sich einfinden würde, dann können Sie sich ja ganz genau sagen, was ihm bevorstehen würde; dann würde es nicht bei diesem Liede bleiben, sondern dann würde es noch zu anderen Dingen kommen, zu tätlichen Beleidigungen usw. Man will also dadurch, daß man den Juden dies in Aussicht stellt, sie von