Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 172 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228814--64400-3276462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Auf Grund bet gewonnenen Erfahrungen und Eindrücke konnten die Grundzüge festgestellt werden, nach denen das Erziehungs-Schulwesen im Orient zu leiten sei. Den größten Umfang hat das Schulwerk des Hilfsvereins in Palästina. Das Schulwerk dort ist aus den Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung, des Landes heraus entstanden, ist dem religiösen, Verkehrs- und wirtschaftlichen Leben derselben aufs engste angepatzt und entwickelt sich als ein Organismus von lebendiger Kraft in engem Zusammenhang mit der Gesamtentwicklung des palästinensischen Lebens. Als eines der wertvollsten Ergebnisse der Reise des Herrn Dr. Nathan ist es anzusehen, daß ein prinzipielles Einverständnis mit den beteiligten Kreisen über eine zeitgemäße Ausgestaltung des Unterrichts an den Talmud - Thora - Schulen herbeigeführt werden konnte, so daß bei voller Wahrung des religiösen Charakters und der religiösen Grundlage der Anstalten in ihnen den Bedürfnissen des praktischen Lebens in Zukunft Rechnung getragen werden kann. Der Lehrplan soll nach der Richtung erweitert werden, daß die Zöglinge nach Verlassen der Schule in den Stand gesetzt sind, sich im wirtschaftlichen Leben zu betätigen und ihr Brot selbst zu erwerben, statt mehr oder weniger von der Chaluka abhängig zu bleiben. Auch in der europäischen Türkei, so z. B. in dem durch den furchtbaren Brand in den letzten Tagen bekannt gewordenen Haskiö, wurden neue Schulen errichtet oder die bestehenden erweitert und ansgebaut. In gleicher Weise wurde das Schulwerk in Bulgarien und Rumänien fortgeführt.. Das gesamte Unterrichtswesen des Hilfsvereins umfaßte im Jahre 1907 35 Schulen der verschiedensten Art mit mehr als 4000 Zöglingen. Wo immer das Bedürfnis nach deutschem Unterricht vorhanden war, wurde diesem durch Entsendung in Deutschland ausgebildeter Lehrer in sorgfältigster Weise entsprochen. Neben der kulturellen Tätigkeit hatte der Hilfsverein für das wirtschaftliche Gedeihen und Fortkommen der ärmeren Teile der Judenheit eine rege Wirksamkeit zu entfalten und mußte große finanzielle Opfer bringen, um die Schäden zu beseitigen, die Verfolgung und Not der Juden verursacht haben. In Galizien wurde gemeinsam mit dem Wiener Hilfsverein und der Großloge für Deutschland die Einführung der verschiedensten Hausindustrien weiter tatkräftig gefördert, und die Bestrebungen haben das Resultat gezeitigt, daß im Jahre 1907 zirka 3100 Arbeitskräfte mit einem Jahresverdienst von 267 846,45 Kronen beschäftigt waren. Um das Kleinhandwerk und die Kleinindustrie zu heben, lieh der Hilfsverein den in Galizien bestehenden Kreditorganisationen weitgehende Unterstützungen; für eine energische Bekämpfung des Mädchenhandels hat der Hilfsverein gleichfalls Mittel zur Verfügung gestellt. In Rumänien galt es im Berichtsjahr, die Wunden zu heilen, die die Bauernunruhen und die damit verbundenen Exzesse gegen die Juden geschlagen hatten. Ein Schaden von über 21/a Millionen Franken wurde nach der niedrigsten Schätzung den ohnehin meistenteils in den ärmsten Verhältnissen lebenden Juden Rumäniens zugefügt. 3023 Familien in nahezu 100 Ortschaften hatten unter den Plünderungen gelitten. 42 Personen waren verwundet, von den Hunderten, die Mißhandlungen erleiden mußten, zu schweigen. Damit aber war das Maß der Leiden unserer rumänischen Glaubensgenossen nicht voll. Auf die Gewalttätigkeiten der Bauern folgten die Unterdrückungen und Verfolgungen seitens der Negierung und der Behörden und häuften neues Ungemach auf die schwer betroffenen Juden. Die massenhaften Ausweisungen, die jedem Recht und jeder Menschlichkeit Hohn sprechen, und die gerade in diesen Tagen, ein Jahr nach den blutigen Agrarunruheu, in besonders großen Umfange wieder stattstnden, verschlimmern die an und für sich verzweifelte Lage der rumänischen Juden. Auf Anregung des Hilfsvereins der deutschen Juden einigten sich sämtliche jüdische Organisationen in einer am 5. Mai 1907 in Wien abgehaltenen Konferenz zu einer gemeinsamen Hilfsaktion zugunsten der so schwer geschädigten rumänischen Juden. DaS Hilfswert. das von der Israelitischen Allianz in umsichtigster Weise geleitet wurde, hat bis jetzt über 600 000 Kronen erfordert. Der Hilfsverein allein hat rund 80 000 Kronen für Rumänien verausgabt. Der Ernst der Lage der rumänischen Judenheit erweckt schwere Besorgnis, und es ist leider zu befürchten, das weitere Hilfsmittel für die Verfolgten und Vertriebenen notwendig sein werden. Die wirtschaftliche Krise und eine schwere Teuerung im Orient schufen auch in Palästina einen Notstand, zu dessen Linderung der Hilfsverein das Seinige getan hat. In ganz besonders großen! Umfange war naturgeniäß auch in diesem Jahre Hilfe, für die Juden Rußlands notwendig. Der Sieg der Reaktion in Rußland und die immer mehr sich befestigende Herrschaft der echten Russen haben den russischen Juden auch in diesem Jahre wieder unzählige Leiden gebracht. In verschiedenen Orten fanden Pogroms statt, und in Odessa herrscht ein permanenter Pogrom, der die Sicherheit der Juden stündlich gefährdet und Handel und Wandel zum Stocken bringt. Die zunehmende Verarmung der Gesamtheit der russischen Inden hat zur Folge, daß die gemeinnützigen Anstalten, Schulen und sonstige Institutionen sich in einer außerordentlich kritischen Lage befinden. Um bei all diesen Notständen Abhilfe zu schaffen, hat der Hilfsverein sehr große Mittel aufzuwenden gehabt, in besonders großem Umfange mußte er einer Anzahl abgebrannter Städte, in denen namentlich Juden schwere Verluste erlitten hatten, seine Hilfe gewähren. Die größte Unterstützung, die der Hilfsverein den verfolgten Inden des Ostens zuteil werden lassen konnte, bestand darin, daß er ihre Auswanderung aus den Ländern des Hasses und der Unterdrückung ermöglichte und erleichterte. Für Auswanderungszwecke sink) seit dem Ausbruch der russischen Wirren durch den Hilfsverein der deutschen Juden l1/* Million Mark ausgegeben worden. Die jüdische Auswanderung hat sich gegen das Vorjahr nur um ein Geringes vermindert. Unter den Auswanderern nach Amerika befanden sich im Jahre 1907 149 132 Juden. Die jüdische Gesamtauswanderung dürfte mit 180 000 Personen zu berechnen sein, von denen % aus Rußland stammen. Die Zahl der jüdischen Durchwanderer durch Deutschland hat in diesem Jahre zirka 94 000 betragen. Während die Gesamtheit der jüdischen Auswanderer nur Auskünfte und Belehrung durch Veröffentlichungen und Briefe erhalten konnte, waren diese 94 000 Auswanderer in der Lage, die Organisation des Hilfsvereins, seine Komitees und Vertrauensleute direkt und persönlich in Anspruch zu nehmen. 2500 Auswandererin runder Zahl wurden vom Hilfsverein befördert, 35 000 beherbergt, verpflegt und bekleidet, 2 500 ausgeheilt, so daß insgesanit 50 000 Auswanderern, also über die Hälfte aller jüdischen Auswanderer, die ihren Weg durch Deutschland nahmen, geholfen werden konnte. Das hauptsächlichste Bestreben war, der jüdischen Auswanderung den richtigen Weg zu weisen, die Massen, die durch die Verfolgungen, denen sie in ihrem Heimatland ausgesetzt sind, zur Emigration gezwungen werden, nach Möglichkeit dorthin zu lenken, wo sie begründete Aussichten haben, ihren Unterhalt zu verdienen, und sie von einer planlosen Auswanderung und von dem Aufsuchen solcher Länder und Orte abzuhalten, in denen sie kein Fortkommen hätten j finden können.! Das gesamte philantropische und soziale Hilfswerk des Hilfs- | Vereins der deutschen Juden erforderte im Jahre 1907 die namhafte! Summe von 3/4 Millionen Mark. Trotz der opferfreudigen Untere! stützung, die der Hilfsverein bei seiner Tätigkeit in allen Kreisen der j deutschen Judenheit findet, bleiben die Einnahmen doch noch immer : hinter den großen Ausgaben, die dem Hilfsverein in von Jahr zu Jahr steigendem Maße erwachsen, zurück, und eine Stärkung seiner finanziellen Mittel ist dringend geboten. Sie kann mit Leichtigkeit erreicht werden, wenn jeder deutsche Jude es sich angelegen sein läßt, nach Maßgabe seiner Kräfte den Hilfsverein dauernd zu unterstützen. * Der Gegensatz zwischen der jüdischen und der christlichen Bevölkerung in Polen hat sich infolge einer Bittschrift, die eine Gruppe Juden an die Kommission für die Glaubensfreiheit bei der Duma eingereicht hat, neuerdings verschärft.! Dieser Schritt der Juden wurde dadurch veranlaßt, daß in