Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228813--64386-3276447
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ergreifenden Rede des Rabbiners Dr. Blumenthal wußte Herr Dr. Pick, der dem Verstorbenen persönlich nahegestanden, das gemeinnützige und selbstlose Wirken des letzteren, seine biedere, ehrenhafte Gesinnung und seine Beliebtheit bei allen Konfessionen und Ständen mit warmen Worten zu schildern. Von den Beileidskundgebungen, die den Hinterbliebenen zugingen, sei besonders ein Brief des Landrats des Kreises Strasburg, Raapke, erwähnt, der dem von ihm „stets besonders hochgeschätzten Manne" alle Zeit ein ehrendes Andenken zusichert. p. Breslau, 27. März. Die durch ihre gemeinnützigen Bestrebungen rühmlich bekannte Lessing-Loge hat vor einiger Zeit wiederum den Beweis geliefert, wie ernst es ihr ist, unseren Glaubensgenossen nützlich und dienlich zu sein. Wohl als die erste machte sie den Versuch, einen Unterhaltungsabend für die minderbemittelten Schichten unserer Gemeinde einzurichten, vorzugsweise für die Heranwachsende reifere Jugend, um sie vor den Versuchungen und Gefahren, die ihnen in so mannigfacher Weise bei verschiedenen zweifelhaften Vergnügungen begegnen, zu bewahren. Das Komitee, welches die Veranstaltung in die Hand genommen, hat sich ein großes Verdienst erworben und dürfte mit großer Genugtuung und Zufriedenheit auf den Abend zurückblicken, denn überall begegnete man zufriedenen Blicken über das Gebotene. Die Einladungen erfolgten von einer Zentrale aus und wurden an verschiedene minderbemittelte Kreise versandt. Der Eintritt, nur gegen Karten, war unentgeltlich. Verschiedene Herren und Damen aus dem Kreise der Loge, die durch ihre künstlerische Befähigung bekannt sind, boten ihr Bestes. Die Darbietungen folgten in kurzer Aufeinanderfolge und wurden von dem zahlreich erschienenen Publikum mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Den Mittelpunkt der Veranstaltung bildete ein kurzer, aber inhaltreicher Vortrag über Berthold Auerbach von dem als vortrefflichen Redner bekannten und tätigen Mitgliede Siegfried Laqueur. Während der Pause standen Erfrischungen für einen sehrmäßigen Preis, von dem bewährten Oekonomen des Hauses Herrn Krakauer geliefert, für die Gäste zur Verfügung. Aus dem gelungenen Verlauf der ganzen Veranstaltung dürfte das Komitee die Gewißheit geschöpft haben, daß die Einrichtung durchaus zweckentsprechend ist und sich wohl verlohne, in bestimmten Zeiträumen zu wiederholen. Allerdings müßte die Einrichtung die materielle Förderung weiter Kreise unserer Gemeinschaft finden, sowohl bei unserer Gemeindevertretung, bei einzelnen Vereinen, als auch bei unseren bessersituierten Glaubensgenossen. Wir hoffen, daß das Unternehmen die warme Unterstützung finden wird, die es von ganzem Herzen verdient. Wie wir hören, hat bereits ein durch seinen Gemeinsinn rühmlich bekanntes Mitglied unserer Gemeinde in Anbetracht des guten Zweckes der Loge die Summe von 300 Mark zur Verfügung gestellt. Wünschenswert wäre es jedoch, wenn die Einladungen bei Wiederholung ähnlicher Veranstaltungen an die untersten Schichten unserer Gemeinde versandt werden möchten, da gerade auf diese Kreise der Einfluß formvollendeter Darbietungen am ehesten notwendig ist und hier am meisten veredelnd wirken dürfte, wie ferner, daß die Eintrittskarten von solchen Seiten ausgehen sollten, die vorzugsweise durch ihr Berufsleben mit diesen Kreisen Fühlung haben. u. Glatz, 27. März. Am 22. d. M. beging die hiesige „Chewra Kadischa" ihr 25 jähriges Stiftungsfest unter reger Beteiligung der ganzen Gemeinde. Vormittag war Festgottesdienst in der Synagoge. In einer gehaltvollen Rede wies Prediger Löwenstein auf die hohe Bedeutung des Vereins für das Gemeindeleben hin und sprach den Dank des Vereins all den edlen Männern und Frauen aus, die in selbstloser Hingabe die Wohltätigkeit ausüben. Abends war Diner und Ball, gewürzt von ernsten und heiteren Reden. Herrn Zimmermann, der seit Bestehen des Vereins dessen Vorsteher ist, wurde eine künstlerisch ansgeführte Adresse überreicht. e. Frankfurt a. M-, 27. März. In der letzten Ausschußsitzung der israelitischen Gemeinde wurde mitgeteilt, daß die Negierung die Genehmigung zur Ausgabe einer Anleihe im Betrage von drei Millionen zu vier Prozent erteilt hat. Der Erlös dieser Anleihe wird in der Hauptsache zum Bau eines neuen Krankenhauses und der Westendsynagoge verwandt. Die Regierung legt Wert darauf, daß mit dem Bau des Krankenhauses womöglich sofort begonnen wird. In der Sitzung fanden ferner Genehmigung: der Etat des Krankenhauses, der einen Zuschuß von 59000 Mark erfordert, der Etat des Philantropins, zu dem 80000 Mark aus Gemeindemitteln beigesteuert werden müssen, und der Kaufvertrag mit der Stadt über die Erwerbung einer Parzelle am Bockenheimer Friedhof. n. Bamberg, 27. März. Seine eigene Grabschrift hat der vor einigen Tagen verstorbene Großkaufmann Adolf Koburger, ein demokratisch-liberal gesinnter Mann, kurz vor seinem Tode entworfen. Diese hat folgenden Wortlaut: „Er war ein treuer Anhänger des Stammes, dem er entsprossen, — Liebte treu das Volk und warm die Heimat, in welcher er aufgewachsen und lebte, — Er war ein Jude und ein guter Deutscher, — Arbeitete für das Volk und die Menschheit, für Freiheit und Aufklärung, — Weil er ein Jude, weil er ein Mensch war!" e. Straßbukg i. 29. März. Einer Statistik der „Straßburger israelitischen Gewerbeschule" zufolge wurden von dieser Anstalt im letzten Dezennium 151 ausgebildete Handwerker entlassen. Von diesen arbeiten zurzeit etwa 120 in dem erlernten Berufe, während die übrigen, die ihren Beruf aufgegeben haben, dies in der Mehrzahl aus geistiger oder körperlicher Schwäche notgedrungen tun mußten. Von den erstgenannten 120 arbeiten noch 66 in Elsaß- Lothringen, fünf im übrigen Deutschland. Nur zwei waren bei Aufstellung der Statistik stellenlos, davon einer wegen Krankheit. Auf Anfragen der Anstalt berichteten die dankbaren Schüler fast ausnahmslos, daß sie von Befriedigung über ihren Beruf und von Dankbarkeit gegen ihre Wohltäterin erfüllt seien. Und so raten auch wir den israelitischen Eltern, wohlüberlegt bei der Berufswahl für ihre Söhne vorzugehen und das Handwerk als einen der ehrenvollsten und lohnendsten Berufe hierbei wohl in Betracht zn ziehen. Gesternich-Mugam. LI Wien, 30. März. Der christlich-soziale Agitator und frühere Skriptor der Universitätsbibliothek, Herr Dr. Geßmann, ist nun am Ziel seiner Wünsche. Er ist Arbeitsminister geworden. Man kann sich von dem Uebermut der christlich-sozialen Partei in Oesterreich kaum einen Begriff machen — sie setzt eben durch, was sie nur irgendwie will. Ein Beweis dafür ist unter anderem auch der Fall Wahrmund, wo sie die Lüge verbreitet hat, der Innsbrucker Professor fei ein Jndenftämmling, während doch notorisch sein Vater, Dr. Adolf Wahrmund, einer der wütendsten Antisemiten in Wort und Schrift war. — Wie die Tagesblätter melden, hat der Kaiser Herrn Eugen Fould, dem Schwiegersohn des bekannten Bankiers und Großindustriellen Baron Gustav Springer, den österreichischen Freiherrenstand verliehen und ihm gestattet, seinem Namen den Namen Springer beizufügen. Baron Eugen Fonld-Springer ist der Gatte der einzigen Tochter des Baron Gustav Springer, der sonst keine Nachkommenschaft hat. — Mit Bezug auf die Bemerkung in der letzten Nummer dieser Zeitung, betreffend den Austritt der Frau Anna Löwy aus dem Judentum, werden wir von unterrichteter Seite ersucht, mitzuteilen, „daß die Sache auf ein bedauerliches und verhängnisvolles Mißverständnis zurückzuführen sei und daß die genannte Dame tatsächlich nach wie vor dem Judentum angehört", was wir sehr gern berichtigen. — Anläßlich der sich mehrenden Mißhandlungen jüdischer Soldaten wird das folgende Urteil sicher von allgemeinem Interesse sein: Ein Unteroffizier des Deutschmeister-Regiments wurde wegen roher Mißhandlung jüdischer Rekruten, die der Kriegsminister im Abgeordnetenhanse bestätigte, zu Degradierung und acht Monaten Gefängnis, mit einem Fasttag wöchentlich, verurteilt. — Nach einer Meldung aus Karls bürg hat der neue römisch-katholische Bischof von Siebenbürgen Graf Gustav M ajlath das Protektorat über die jüdische Gemeinde übernommen. Graf Majlath scheint der dortigen jüdisch-spaniolischen Gemeinde großes Wohlwollen entgegenzubringen. Anläßlich seiner Ernennung zum Bischof begrüßten ihn die Juden korporativ als ihren Protektor, und der Bischof übernahm auch das Amt. Interessant ist, daß zu den Festdiners beim Bischof der Rabbiner zugezogen wird, und daß der Kirchenfürst stets dafür Sorge trägt, daß dem Rabbiner koscher zubereitetes Essen vorgesetzt wird. Wenn die Tochter eines spanischen Juden heiratet, stellt der Bischof dem Brautpaar seine Prachtkarosse zur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.