Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228813--64385-3276446
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

fahrtsinstitute 111.430 Mark. Von beu Gemeiudebeiträgen wurden verbraucht zirka 24 Prozent für Gottesdienst, zirka 19 Prozent für Lehranstalten, zirka 25 Prozent für soziale Anstalten und schließlich 32 Prozent für Diverses, einschließlich Bestand für das nächste Jahr. Herr Weinberg regt an, den vorhandenen Ueberschuß zu einem Fonds für Synagogen bauten zu verwenden. Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes. Herr Julius Jacoby, erwidert, daß der Ueberschuß sich aus der Mehreinnahme von Steuern und aus der Gärtnerei ergeben habe. Die Verwendung der Ueberschüsse ist auch früher schon für Synagogenbauten (Lützowstraße, Lindenstraße) erfolgt. Herr Benas Levh schließt sich dem Lob des Referenten für die Leistung des Gemeindevorstandes voll an und äußert seine besondere Freude, daß aus den Gemeindeeinnahmen ein so erheblicher Prozentsatz für gottesdienstliche Veranstaltungen ausgegeben werde. — Gemäß dem Anträge Minden wird die bisherige sogenannte freie Kommission in eine ständige gemischte Kommission zur Auswahl von ehrenamtlichen Gemeindebeamten umgewandelt. Nach Ansicht des Antragstellers erscheint es bei der immer mehr anwachsenden Größe der Gemeinde als eine unabweisbare Notwendigkeit, größere Kreise der Genieindemitglieder zur Mitarbeit bei der Selbstverwaltung heranzuziehen. Die Verteilung solcher Anwärter auf diejenigen Gemeindeorgane, für welche sie passen, könne viel besser von einer Zentralstelle besorgt werden, als von den ständigen Deputationen, die bisher derartige Gemeindemitglieder vorgeschlagen haben. Herr Kommissar Netter erklärt ebenfalls, daß die freie Kommission oder „Friedenskommission", wie er sie nennt, ihre Daseinsberechtigung verloren habe, nachdem Friede und Eintracht in die Versammlung eingekehrt seien. Eine Erklärung des Einverständnisses des Gemeindevorstandes zu der Absicht, die Kommission in eine ständige umzuwandeln, könne er noch nicht abgeben. Herr Rechtsanwalt Dr. Ignatz Cohn plädiert auch für die Beibehaltung dieser Kommission, die in jedem Falle vorbeugend gewirkt und die früher häufig Unstimmigkeiten aus dem Plenum beseitigt hätte. — In die Kommission zur Beratung des Antrages auf Erwerb des Restgrundstückes in der Schulstraße zur Erweiterung des Krankenhausneubaues werden durch Akklamation die Herren Geheimrat Senator u,ld Blumenthal- Dr. Weigert, Manheimer und Weinberg entsandt. — Die Abrechnung des Bureaus für die Vermietung von Synagogenplätzen wurde dechargiert. Im ganzen haben der Gemeindeverwaltung zu den hohen Festtagen zirka 27 000 Plätze zur Verfügung gestanden, darunter zirka 800 Eigentumsplätze in der Alten und Neuen Synagoge. Die Gesamtzahl der Plätze verteilt sich auf sechs Synagogen und 15 Betlvkale. Für den Jugendgottesdienst waren 4600 Plätze vorhanden. — Mit der Mietung der Sophiensäle, der Prachtsäle des Westens für den Festgottesdienst und der Unionssestsäle (Greifswalderstraße) für den Jugendgottesdienst erklärt sich die Versammlung einverstanden. Die Vorlage der Ueberweisung der Auszahlung der Gehälter für die Religionslehrer an staatlichen und privaten Lehranstalten, an den Schul- und Talmud Thorah-Vorstand ist vorläufig vom Gemeindevorstand zurückgezogen worden. — Dann folgen in der Beratung die dringlichen Vorlagen. Es werden zunächst mehrere Legate des Rentiers Adolf Michel angenommen: eins von 3000 Mark zur Grabeserhaltung, 1500 Mark für die Altersversorgnngsanstalt ohne weitere Zweckbestimmung, 1500 Mark für verschämte Arme und endlich 3000 Mark für das Reichenheimsche Waisenhaus. — Zur Errichtung eines Denkmals für Moses Mendelssohn werden dem ad hoc gebildeten Komitee 500 Mark bewilligt. Eine längere Debatte rief der Antrag Kalischer hervor, eine gemischte Kommission zur Prüfung des preisgekrönten Entwurfes einzusetzen. Der Antrag wurde vom Antragsteller selbst zurückgezogen, da die Prüfung des Denkmals gar nicht zur Debatte stand. Wir können übrigens hinzufügen, daß der preisgekrönte Entwurf mit dem Motto Phaedon II. vom Bildhauer Rudolf Marcuse in Charlottenburg herstammt. Der aus der Caspar Arnstein-Stiftung verfügbare Ueberschuß von 1654,50 Mark ist auf Veranlassung des Schul- und Talmud- Thora-Vorstandes je zur Hälfte der Knaben- und Mädchenschule überwiesen worden. — Der Festsaal des Schiller-Theater-Restaurants in Charlottenburg wurde auch pro 1908 zum Jugendgottesdienst gemietet. — Zur Passahbeköstigung der Strafgefangenen in Brandenburg wird der geforderte Betrag bewilligt. — Zum Schluß der öffentlichen Sitzung wird nach langer Debatte eine sehr lange Petition des „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums" dem Ausschuß III überwiesen. Diese Petition, die hauptsächlich beklagt, daß für den Jugendgottesdienst nach altem Ritus nicht genügend gesorgt werde, ist schon einmal vom Gemeindevorstand abgelehnt worden unter der Begründung, daß nach gutachtlicher Aeußerung der Rabbiner keine Veranlassung zu irgendwelchen Aenderungen vorliege. Ferner verlangt die Petition nicht mehr und nicht weniger als „Einsetzung eines Rabbinats, das in Lehre und Lehre übereinstimmt." Die Mehrzahl der Mitglieder war sich darüber einig, daß eine Besprechung dieser Petition in einer Ausschußberatung notwendig sei und daß man einem Teil der Gemeindemitglieder nicht das Petitionsrecht nehmen dürfe durch Ueberweisung der Eingabe an den Vorstand. 8. Berlin, 26. März. Den fünften der Vorträge für den Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums hielt, am 23. d. M. Rabbiner Dr. Eschelbacher über Michael Sachs. Die bevorstehende 100. Wiederkehr des Geburtstages von Sachs, der gleich Eduard und Salomon Munk, David Cassel und anderen namhaften Gelehrten in Glogau zur Welt kam (11. September 1808), zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen nehmend, charakterisierte Redner den Gegenstand seines Vortrages mit den Bibelworten: „Schön von Gestalt und Ansehen, fand er Gunst in den Augen der Menschen." Ein lauterer Charakter voll Selbstverleugnung, eine Individualität, in der sich die Gegensätze harmonisch verschmolzen — klares Denken und wissenschaftliche Schärfe mit schöpferischer Kraft, offenem Sinn für das Gegebene und einem wahrhaft poetischen Gemüt — verbunden mit einer edlen und würdevollen äußeren Erscheinung, die selbst Vorübergehende auf der Straße fesselte, und einer glänzenden Rede- und Unterhaltungsgabe, machten Sachs zu einer der hervorragendsten Persönlichkeiten des Judentums in der neueren Zeit. In fesselnder Darstellung führte sodann der Redner ein Bild von dem Leben und Schaffen des ausgezeichneten Mannes vor, der durch sein wahrhaft philantropisches Wirken und durch die reichen geistigen Anregungen, die von ihm ausgingen, befruchtenden Samen nach den mannigfachsten Richtungen ausgestreut hat. Reichlicher Beifall der zahlreichen Hörer folgte den formgewandten und von edlem Pathos getragenen Ausführungen des Redners. 8. Berlin, 27. März. Die Trauerfeier für den verstorbenen Professor Gustav Oppert fand am 19. d. M. in seiner Wohnung statt. Von der Universität hatten sich eingefunden der Rektor Professor Stumpf, der Vorsitzende des orientalischen Seminars Professor Sachau und viele andere. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums war durch Dozenten, Kuratorium und Hörerschaft fast vollzählig vertreten. Tie Gedenkrede hielt Herr- Rabbiner Dr. Warschauer. Er schilderte den Lebensgang des Verstorbenen und rühmte seine wissenschaftlichen und menschlichen Vorzüge. Die meisterhafte Rede machte auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck. Chorgesang eröffnete und schloß die Feier. Dann brachte man den Sarg zur Einäscherung in Hamburg nach dem Lehrter Bahnhof. Wie es heißt, hat Professor Oppert der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" 300 000 Mark zur Begründung eines Lehrstuhls für semitische Sprachen hinterlassen. n. Lautenburg, 27. März. Der um seine Vaterstadt, deren Ehrenbürger er war, hochverdiente Rentier Louis Jacob: ist, wie schon gemeldet, kürzlich nach langer, schwerer Krankheit in: 76. Lebensjahre in Berlin verschieden. Wie sein Vater, Alexander Jacobi, der in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts als Beigeordneter und Stadtkämmerer hier wirkte, hat auch der Verstorbene im kommunalen Dienste dieser Stadt eine reiche Tätigkeit entfaltet. Seit zirka vierzig Jahren Stadtverordneter, war er in den letzten 20 Jahren Stadtverordnetenvorsteher und seit längerer Zeit Kreistagsabgeordneter. Daneben amtierte er als erster Vorsteher der Synagogengemeinde, der er durch die von ihm in die Wege geleitete Renovierung des Tempels ein bleibendes Andenken hinterlassen hat. Die Verehrung, deren sich der Entschlafene bei Lebzeiten erfreut hatte, kam in der Beteiligung an seinem Leichenbegängnisse zum Ausdruck. Die Stadt hatte ihren Bürgermeister Jung, die Synagogengemeinde ihren ersten Vorsteher Blumenthal entsandt, beide Körperschaften hatten außerdem Rabbiner Dr. Pick nach Berlin deputiert mit dem Aufträge, dem Toten einen ehrenden Nachruf in die Gruft nachzusenden. Nach einer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.