Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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. 72. Jahrgang. W. 14. . (AkMklNÜkÜÜlk. 3. April 1908. Beilage zur ,Mllgrmeinen Leitung deß Fudentum^". LorrelponLen?rn und Machrtchtrn. Deutschland. Berlin, 30. März. Am 29. d. M. fanden unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des Zentralkomitees und die Generalversammlung des „Hilfsvereins der deutschen Juden" statt.. Beide Versammlungen hatten sich eines lebhaften Zuspruches auch seitens auswärtiger Mitglieder zu erfreuen. In der Sitzung des Zentralkomitees wurde über den Geschäftsbericht beraten; derselbe fand die Billigung der Anwesenden. Mit lebhafter Befriedigung wurde zur Kenntnis genommen, daß der Verein in ständigem starken Fortschreiten begriffen sei und wie in Deutschland auch im Auslande sich größter Sympathien und tatkräftiger Förderung zu erfreuen habe. Einen besonders tiefen Eindruck, der sich in lebhaftestem Beifall kundgab, rief die Mitteilung des Herrn Simon hervor, daß die Familie des verstorbenen Herrn Wolf Wissotzky in Moskau durch den Sohn des Verewigten, Herrn David Wissotzky, dem Hilssverein der deutschen Juden eine Stiftung von lj4 Million Franken mit der Bestimmung überwiesen hat, technische Mittelschulen im Orient zu begründen. Es wurde dann die statutenmäßige Auslosung eines Drittels der Mitglieder des Zentralkomitees und die Kooptation neuer Mitglieder in das Zentralkomitee und den geschäftsführenden Ausschuß vorgenommen. In das Zentralkomitee wurden die Herren Geheimer Kommerzienrat Coppel-Solingen, Rechtsanwalt Guggenheimer-Offenbach, Rabbiner Dr. Kalischer-Bonn, Apotheker Muhr- Breslau gewählt. An Stelle des verstorbenen Vorstandsmitgliedes des geschäftsführenden Ausschusses, des um den Hilfsverein hochverdienten Stadtrat Magnus-Königsberg i. Pr., wurde Herr Direktor George Marx-Königsberg in den Ausschuß berufen. Das Andenken des Herrn Stadtrat Magnus wie der verstorbenen Mitglieder des Zentralkomitees ehrte die Versammlung durch Erheben von den Plätzen. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich die ordentliche Mitgliederversammlung. Herr Simon gab einen Bericht über die Entwicklung des Hilfsvereins im verflossenen Jahre. Die Organisation ist nach verschiedenen Richtungen hin ausgebaut worden; die Ausbreitung des Vereins in allen Teilen des Reiches hat einen weiteren erfreulichen Fortgang genommen. Mit großem Beifall nahm auch die Mitgliederversammlung die Mitteilung entgegen, daß durch die Stiftung der Familie Wissotzky in Höhe von einviertel Million Franken | die Bestrebungen des Hilfsvereins, die auf die Ausbreitung von Bildung und Kultur im Orient gerichtet sind, eine außerordentliche Förderung erfahren haben. Herr James Simon sprach namens des geschäftsführenden Ausschusses den Mitarbeitern und Förderern des Hilfsvereins, den Vertretern der Lokal- und Schutzkomitees, den befreundeten Organisationen wie den Freunden des Vereins im In- und Auslände wärmsten Dank -aus und richtete die Bitte an die Versammelten, für das große Werk der Humanität und Kultur, dem der Hilfsverein sich widme, auch weiterhin zu wirken und zu werben. Herr Dr. Nathan gab darauf in großen Zügen einen Ueberblick über die Tätigkeit des Vereins: das Hilfswerk für die Juden des Ostens und Orients, die unter wirtschaftlicher Kalamität und grausamer Unterdrückung seit Generation zu leiden haben; die Fürsorge für die Auswanderer; das umfangreiche Schulwerk des Vereins. Des Besonderen ging der Redner, der erst vor kurzem von einer viermonatlichen Studienreise aus dein Orient zurückgekehrt ist, auf die Organisation des Schulwerkes des Hilfsvereins in Palästina ein und führte dabei aus, daß im Hinblick auf die zunehmende wirtschaftliche Erschließung Palästinas, Vorder- und Hinterasiens die intellektuelle kaufmännische und technische Ausbildung der Juden des Orients von besonderer Bedeutung sei. Der Schatzmeister des Hilfsvereins im Ehrenamt, Herr Bankdirektor Ernst Simon, erstattete das Finanzreferat. Sodann erfolgte die Genehmigung des Geschäftsberichtes und die Entlastung der Verwaltung. Die Kassenrevisoren. Kommerzienrat S. Pincus und Georg Tietz, wurden für das nächste Jahr wiedergewählt. Durch Akklamation fand die Wiederwahl der aus dem Zentralkomitee durch dasLos ausgeschiedenen 48Mitglieder statt. Herr Justizrat Timendorfer wurde an Stelle des verewigten Herrn Stadtrat Magnus in den Vorstand des geschäftsführenden Ausschusses gewählt. Auf Einladung von Herrn James Simon vereinigten sich die Mitglieder des Zentralkomitees des Hilfsvereins der deutschen Juden und die Gönner des Vereins in den Räumen des Klubs der Ressource am Abend zu einem Festmahl. Auf den Jahresbericht des Hilfsvereins kommen wir in nächster Nummer zurück. 8. Berlin, 29. März. Die heutige sehr ausgedehnte Repräsentantenversammlung wurde vom Vorsitzenden Louis Sachs mit einem warm empfundenen Nachruf aus das in der vorhergegangenen Nacht verstorbene Mitglied Herrn Louis Eduard Sachs eröffnet, der gegen 30 Jahre im Ehrendienste unserer Gemeinde tätig gewesen. Das Andenken des Verblichenen wird von den Mitgliedern des Kollegiums durch Erheben von den Sitzen geehrt. Geschäftlich bittet dann noch der Vorsitzende für eine Reihe von Vorlagen, die zu spät für eine Ausschußberatung eingegangen sind, die Dringlichkeit zu beschließen. Es erhebt sich darüber jedoch eine kurze Geschäftsordnungsdebatte. Eine Zuwendung der Testamentsvollstrecker des Oskar Hahnschen Nachlasses an das zweite Waisenhaus im Betrage von 2000 Mark für dessen eisernen Fonds wird nach kurzer Debatte allgenommen. Zur Kenntnis gelangt der Bericht der Fürsorgekommission zum Rechnungsabschluß pro 1906/1907. Wir heben daraus hervor, daß die Fürsorge sich auf 139 Parteien' erstrecke, von denen 50 aus dem Vorjahre übernommen waren. Bei den 89 neuen Fällen handelte es sich in 63 Fällen um die Fürsorge für entlassene Straf- und Untersuchungsgefangene und deren Familien, in 15 nur um die Fürsorge für die Familien Inhaftierter und in elf Fällen um die Fürsorge für verwahrloste oder von der Verwahrlosung bedrohte jugendliche. Personen. Die Pflegschaften betrafen 73 Männer. 5 Frauen, 11 jugendliche Personen im Alter von 12 bis 19 Jahrezr. Die Revision der Steuereinziehungsstelle führte zu einer kurzen Diskussion. Professor Blaschke bat, daß die Steuern nach Möglichkeit in demjenigen Quartal erhoben werden sollen, für welches sie ausgeschrieben werden. Gemeinde-, syndikus Lilienthal erklärte daraus, daß derartige Fälle nur ausnahmsweise im Etatsjahr einmal stattfinden können. Herr Benas Levy bat, die Möglichkeit zu geben, die Stenern auch beiden Bankiers einziehen zu lassen. Justizrat Lilienthal erwiderte, daß diese Frage bei der Reform der Steuereinziehung, die sehr bald abgeschlossen werde, mit in Erwägung gezogen werden solle. Alsdann wurde der Rechnungsabschluß der jüdischen Gemeinde pro 1906/07 dechargiert, die erforderlichen Nachbewilligungen genehmigt. Ein zu diesem Punkte gestellter Vertagungsantrag wurde nach längerer Debatte von dem Antragsteller Weinberg zurückgezogen. Er beklagte, daß derartige Vorlagen nicht im vollen Wortlaut den Mitgliedern zugehen, und er erhofft bald die Zeit, in der sich eine größere Zahl von Mitgliedern feinem Wunsche anschließen möchte. Der Referent der Vorlage Herr Lewinsky spricht dem Gemeinde- Vorstand für die kolossale Arbeit, die mit diesem Abschluß zu leisten sei, den wärmsten Dank aus. Aus der Vorlage selbst, deren Zahlen ja schon bei der letzten Etatsberatung gegeben, wurden, hebere wir heute nur noch einige interessante Gesamtzahlen hervor. Die Einnahmen betrugen 2 146 510 Mark, darunter an Gemeindebeiträgen 1821 176 Mark, welche von 29 297 Zensiten aufgebracht wurden. Aus Erbbegräbnissen gingen ein 72451 Mark, auch die Gärtnerei brachte einen erheblichen Ueberschuß. Die Ausgaben stellten sich unter anderem auf Zinsen 275 723 Mark, Amortisationen 40100 Mark, Gehälter, Pensionen, Remunerationen 325 732 Mark, Gottesdienst und gottesdienstliche Veranstaltungen 293 033 Mark, Jugendgottesdienst 20400 Mark, Armenanstalten, Krankenhaus, Hospital, Waisenhäuser 365 800 Mark, Subventionen an Religionsgesellschasten.und Wohl-