Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 168 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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g|!gg«#gp^ M % |; §[ Jossel Mandelstein sah allerdings sehr wenig heldenmäßig aus. Er glaubte sich zu erinnern, daß in früheren Zeiten in. dem Ausdruck des Buckligen etwas Kluges und Pathetisches gelegen Habe, etwas, was darauf schließen ließ, daß eine schöne Seele in diesem armen verkrüppelten Körper wohne, aber davon war nichts mehr zu erkennen, wenn er es sich überhaupt nicht eingebildet Hatte. Mandelstein machte den Eindruck eines gebrechlichen und verkümmerten Greises. Er gebrauchte Krücken, um sich, voran zu bewegen und erinnerte ihn in seiner ganzen Gestalt nur wenig an seine frühere Erscheinung. Wenn nicht die ihm so wohlbekannten langen Ohrlocken, die an jeder Seite hinter seiner Pelzkappe herabhingen, die große, gekrümmte Nase und das kleine, hinter dem langen Bart verborgene Kinn' gewesen wären, würde Schneemann in dieser Gestalt kaum den Jossel von früher erkannt haben, den er mit der Knaben eigentümlichen Grausamkeit früher oft genug verspottet hatte. Jossel humpelte auf seinen Krücken heran und zog ein altes, schwarz gebundenes Buch unter seiuem fettigen Kaftan hervor. „Ich habe Ihnen Ihren Chovolh Halvovot zurückgebracht", sagte er. Der Bildhauer vermochte es nicht, ein Lächeln zu unterdrücken. Er erinnerte sich, wie er in Nom auch selbst oft genug junge Damen unter dem Vorwände besucht habe, ihnen ein Buch zurück zu bringen. Es ist wahr, daß die Bücher, die er zurückbrachte, keine hebräischen Traktate waren, aber es erregte von neuem sein Lächeln, als er sich sagte, daß der hebräische Titel Chovoth Halvovot „die Pflichten des Herzens" bedeute. Die Bube Jenta nahm das Buch dankend an und dann entstand eine kleine verlegene Pause, die die Alte dadurch abzukürzen suchte, daß sie ihre Dose anbot. Jossel nahm eine Prise, und als er dann sein Auge über das Stübchen gleiten ließ, bemerkte er das festlich gedeckte Tischchen, das ihn um so mehr in Erstaunen setzte, da seines Wissens heute kein jüdisches Fest gefeiert wurde. Das alte Sprichwort, daß zwei Personen „Gesellschaft" sind, drei aber nicht, kam zur Geltung, und ohne sich Zeit zu geben, die Bekanntschaft mit dem Helden dieses seltsamen Romans zu erneuern, verließ der Künstler die idyllische Hütte. Mochte der Liebhaber die guten Dinge verspeisen, für die er selbst zu alt war. So hatte also das Dorfgerede doch Grund gehabt; mit seinem Amüsement darüber mischte sich ein.Gefühl des Aergers, daß seine Mutter also recht habe. Gewiß, wenn seine Großmutter noch einmal der großen Passion huldigen wollte, hätte sie sich ein etwas ansehnlicheres Objekt für ihre Liebe wählen können. Indessen konnte man sich von Jossels Geschmack dasselbe sagen. Wenn, nachdem er siebzig Jahre lang in Zölibate gelebt hatte, nun endlich doch der Reiz der Weiblichkeit auf ihn wirkte, hätte man annehmen können, daß die betreffende Dame etwas anders aussehen müsse wie Großmutter. Aber vielleicht hatte diese nach einer anderen Richtung Reize. Sie hatte wohl Geld. Er. legte diese Frage seiner Mutter vor. „Natürlich hat sie Geld", sagte diese grimmig. „Sie hat tausende' von Gulden in ihrem Strumpf. Vor zwanzig Jahren hätte sie unter einem Dutzend wohlsituierter Witwer wählen können, jetzt, da sie schon tiut einem Fuß im Grabe steht, ist sie verrückt geworden und hat ihr Auge aus diesen Bettler geworfen." „Ich dachte, sein Vater hätte ihm sein Wirtshaus vermacht", sagte der Künstler. ___ „Sein Wirtshaus, ja, aber nicht seinen gesunden Menschenverstand. Jossel hat sich schon seit langer Zeit dadurch ruiniert, daß er sich mehr um seinen Talmud wie um sein'.Geschäft gekümmert hat. Er war immer ein Schlemihl." „Aber kann man sich zuviel um den Talmud kümmern? Das ist eine seltsame. Sprache für die Töchter eines. Rabbi." . „König Salomo sagt : ein jegliches Ding zu seiner Zeit", erwiderte..schlagfertig die Tochter.. des Rabbi.. „Jossel - hat die Lehre des weisen Königs nicht beachtet und. daher kommt es, daß er es jetzt versucht. Deine arme Großmutter um ihr Geld zu bringen. Wenn er heiraten wollte, . warum hater es nicht getan, als er 18 Jahre alt war, wie der Talmud dies vorschreibt?" „Er scheint eben alles zur Unrechten Zeit zu tun", lachte ihr Sohn. „Uebrigens glaubst Du, beiläufigbemerkt, daß König Salomo seine tausend Heiraten alle geschlossen hat, als er.18 Jahre alt war?" . . . „Scherze nicht über ernste Dinge", sagte seine Mutter ärgerlich. Er fand, daß man im Dorfe allgemein der Ansicht war^ daß Jossel sich nur des Geldes wegen hinter die alte Frau machte. Dies entlastete seine Großmutter jedoch keineswegs von dem Borwurfe, zu entgegenkommend zu sein, denn wenn sie wirklich eine zweite Ehe eingehen wollte, so hätte sie sich anständigerweise an den Schadchen wenden sollen; dann würde der arme Heiratsvermittler, der in diesem gottvergessenen Dorfe wenig genug verdiente, doch auch ein paar Gulden davon gehabt haben. (Forts, folgt.) SprerWal. Geehrter Herr Redakteur! den Artikel in Nr. 12 „Stadtgemeinde und jüdische iX Arme" von Herrn Dr. W. Feilchenfeld gestatte ich mir folgendes zu bemerken: Der Bericht aus Thorn über die Stadtverordnetensitzung entspricht nicht der Verhandlung. Es ist meinerseits interpelliert worden, daß die jüdischen Armen weniger berücksichtigt werden, und ich habe mehrere Fälle zur Sprache gebracht. Dem Armendirektorium machte ich den Vorwurf, daß es nicht genügend informiert sei. Ich habe zunächst einen jüdischen Armenvertreter vorgeschlagen, ' der die Verhältnisse der jüdischen Armen genau kennt, und die Stadtverordneten haben meinen Antrag abgelehnt. Sowohl Kollege Feilchenfeld wie ich stehen auf dem Standpunkte,, daß es keine jüdischen und christlichen Armen, sondern nur Hilfsbedürftige gibt, für die die Stadt zu sorgen hat, und das wurde auch in der betreffenden Sitzung von uns zum Ausdruck gebracht. Die von einem christlichen Stadtverordneten beantragte Subvention bezieht sich auf einen besonderen Fall. Die Shnagogengemeinde hat ein altes Ehepaar in ihr Altersheim ausgenommen und verlangte von der Stadtgemeinde eine Entschädigung für die ihr abgenommene Armenlast. Der Magistrat hat das Gesuch aus formellen, auch gesetzlichen Gründen abgelehnt, weil die Synagogengemeinde, ohne vorher den Magistrat zu benachrichtigen, die Leute ausgenommen hat. Daraufhin stellte der betreffende Stadtverordnete den Antrag, das Altersheim.zu subventionieren. Von einer Subvention zur selbständigen Versorgung der jüdischen Armen im allgemeinen seitens der Synagogengemeinde war keine Rede. Im übrigen hat die Interpellation schon gute Früchte getragen; auf Anregung des Magistrats sind bereits jüdische Armen mehr unterstützt worden, und dem Vorstande der Synagogengemeinde ist anheim gegeben worden, wegen einer Subvention für das Altersheim nachträglich einen bezüglichen Antrag zu stellen. Der Magistrat erkennt jetzt an, daß wir durch Aufnahme in das Altersheim eine Armenlast für die Stadt übernehmen. Thorn, den 23. März 1908. D.. Wolfs. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.