Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 167 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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bekannt war. Es schien, daß die törichte Me sich von Jossel Mandelstein, dem Buckligen, von der Synagoge nach Hause begleiten ließ und daß sie dem mißgestalteten 70 jährigen Alten sogar zuweilen eine Prise aus ihrer Dose anbot, wenn er an der Tür ihrer Hütte vorüberging. Noch ehe Schneemann Zeit gefunden,, seine Großmutter in ihrem ziemlich abgelegenen Häuschen aufzusuchen, hatten die Klatschbasen des Dorfes ihn von der Liebelei der alten Frau in Kenntnis gesetzt, und selbst seine eigene Mutter sprach sich, sehr gereizt darüber aus. Vielleicht trug die Erinnerung an die fanatische Entrüstung, mit der ihre Schwiegermutter es einst mißbilligt hatte, daß sie bei ihrer Verheiratung ihr schönes Haar nicht unter einer Perücke verbergen wollte, viel dazu bei, nun ihrerseits schärfste Kritik zu üben. Der Künstler, der in der ewigen Stadt Toleranz gelernt hatte, mußte sich zusammennehmen, um nicht laut zu lachen. „Alte Leute wollen ihren Weg gehen", sagte er begütigend. „Ja, aber alte Leute sind manchmal schlimmer wie junge Leute," sagte Frau Schneemann ernst, „Du darfst nicht vergessen, daß Jossel Junggeselle ist." „Ja — und deshalb ein Sünder in Israel — ich weiß," sagte der Künstler, seiner Mutter freundlich zublinzelnd; „wie seine unverheirateten Freunde Leopold Barstein, der Bildhauer, und Rozenoffsky, der Pianist, sich darüber amüsiert haben würden!" „Du brauchst nicht spotten. Es ist wahrlich die höchste Zeit, daß auch Du endlich ein Mädchen unter den Traubaldachin führst." „Ich bin so schüchtern — wenig Mädchen sind so entgegenkommend wie Großmutter." „Gott sei Dank!" sagte seine Mutter. „Als ich damals ineine Flechten nicht unter eine Perücke stecken wollte, sprach sie nicht anders von mir, als ob ich eine erklärte Ketzerin sei; aber ich würde ganz gewiß eher gestorben sein, ehe ich mich so schamlos mit einem Manne aufgeführt hätte, mit dem ich nicht verlobt wäre." „Vielleicht sind sie verlobt." „Verlobt mit Jossel! Möge sein Name von der Erde getilgt werden." „Warum denn? Was ist denn los mit Jossel? Selbst Moses Mendelssohn hat einen Buckel gehabt." „Wer spricht von seinem Buckel? Hast Du es vergessen, daß wir einer Rabbinerfamilie angehören?" Ihr Sohn hatte das wirklich vergessen, wie so vieles von diesem naiven Leben, dem er einen Ferienbesuch machte, seinem Gedächtnisse entschlüpft war. „Ja, ja", murmelte er. „Aber Jossel ist doch gewiß fromm, nicht wahr?" Die Erinnerung an die kleine Synagoge mit ihren Psalmsängern und Gebetsprechern tauchte iit ihm aus, und ihm war, als ob gerade der Bucklige sich immer besonders eifrig dabei erwiesen habe. „Er mag von Morgen bis Abend in der Synagoge sein, damit kann er doch seinen Vater nicht abschütteln! Der hatte ein Wirtshaus. Wenn ich an Stelle deiner Großmutter wäre, würde ich mir lieber ein Leichentuch weben, als wie an junge Männer zu denken." „Du sagtest aber doch, daß sie an einen alten Mann dächte?" Im Vergleich mit ihr ist er jung, sie ist 84 Jahre alt, er nur 70." „Nun, dann wird ihre Ehe keinesfalls sehr lange dauern", lachte er. Frau Schneemann legte ihre Hand auf seinen Mund. „Möge der Himmel es nicht zugeben; es hieße, eine achtbare Familie mit einem Bilbel (Schande) bedecken." „Ich werde hingehen und selbst mit ihr sprechen. Ich hätte sie schon gleich besuchen müssen." Als er an dem andern Ende des Dorfes und der einsamen Hütte zuwanderte, in der die alte Frau in selbstgewählter Einsamkeit hauste, war er sich des Kontrastes der geistigen Welt, in der seine Mutter lebte, mit der eigenen voll bewußt. „Die Menschen leben in ihrem eigenen Sinn, nicht in Straßen oder Feldern", philosophierte er. Durch die kleinen, in Blei gefaßten Fenster ihrer Hütte sah er die alte Frau; mit einer weißen Haube angetan, saß sie friedlich spinnend an dem ländlichen Herde, eine klösterlich aussehende, ehrwürdige Gestalt. Es erschien ihm profan, diese Frau mit einer Liebelei in Verbindung zu bringen — sie war das Bild einer Greisin. Aber was für ein seines Bild! Warum hatte er bisher nie daran gedacht, sie zu malen? Ja, solch ein Bild „der Spinnerin" würde unbedingt interessant sein. Er würde auch die Kesubah, das Heiratszertifikat, darin anbringen, das über dem Kaminsims hing, als eine ironische Erinnerung an die Tage ihrer Jugend. Er öffnete die Tür — er hatte in seinen Kindertagen niemals erst an Großmütterchens Tür geklopft — und die Erinnerung an jene glückliche Zeit erwachte mit voller Lebendigkeit. „Guten Abend", sagte er. Sie setzte eine Hornbrille aus und blickte ihn forschend an. „Guten Abend", murmelte sie. „Erinnerst du dich meiner nicht mehr? Ich bin Awromelu." Er gebrauchte den alten kindischen Kosenamen für Abraham, obwohl er beinahe vergessen hatte, daß er so hieß. „Awromeln!" rief sie freudig und stieß beinahe ihr Spinnrad um, als sie aufsprang, um ihn in ihre mageren Arme zu schließen. Er hatte die schmerzliche Empfindung, daß sie viel kleiner sei wie früher und daß ihr zarter Körper beinahe kindliche Verhältnisse angenommen habe. Ihre Hände zitterten vor Alter und Erregung. Dann beeilte sie sich, aus dem ihm so wohl bekannten Schranke Kuchen und andere einfache kleine Näschereien zu holen, Dinge, die er in seiner Jugend so gern gemocht hatte und die jetzt nicht den kleinsten Reiz mehr auf ihn ausübten. „Wie gehts mit dem Geschäft?" fragte sie. „Sie sageil, daß du immer zu tun hast. Muß man in Ron: viele Häuser bauen?" Sie war in der Meinung, daß er Anstreicher sei, und er wagte es kaum, ihr zu widersprechen, besonders, da das Porträtmalen nach der Anschauung der orthodoxen Juden verboten ist. „O, ich bin nicht nur in Rom gewesen," antwortete er ausweichend, „ich habe viele Länder durchreist." Ihre Augen belebten sich plötzlich und leuchteten durch ihre große Brille' „Bist du in Palästina gewesen?" rief sie. „Nein, ich bin nur bis Aegypten gekommen, aber warum fragst du das?" „Ich dachte, du hättest mir vielleicht eine Handvoll heiliger Erde Palästinas gebracht, damit ich sie mit in mein Grab nehmen könnte." Ihr Blick erlosch wieder, sie seufzte und nahm dann ein tröstliches Prieschen Tabak. „Sprich nicht vom Grabe — du wirst hundert Jahre und länger leben", rief er. Im Stillen dachte er des erbärmlichen und lächerlichen Klatsches, mit dem man diese Frau verfolgte; er schonte weder Alter noch Verhältnisse und hing sich an diese vertrocknete Greisin, die selbst nur an ihr baldiges Ende dachte. Plötzlich bemerkte er, daß der Türeingang durch einen Schatten verdunkelt wurde. Im selben Augenblick leuchtete das Auge der Großmutter wieder freudig auf, und schon ehe er sich nach dem Eintretenden umwandte, wußte er, daß der Held des Romans vor ihm stehe.