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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 166 (sequence 12)
Language
German
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1.66 Lebens und Wirkens nur ein' Buch in der Art des vielgenannten „Rembrandt als Erzieher" oder, uni höher zu greifen, vom Schlage des Carlyleschen „Schiller" handelt, nämlich darum, an dem Wesen Voltaires (gegen das die menschlichen Schwächen verschwinden) das Vorbild einer der Aufklärung, dem Wahrheitsdrange und der Humanität hingegebenen Ezistenz zu entwickeln, zählen auch dieses Buch Poppers zu den reichsten und bedeutendsten, die er uns geschenkt hat. Wie es heißt, arbeitet der originelle Denker seit einer Reihe von Jahren an einer Aesthetik, deren vermutlich naher Vollendung man mit höchsten: Interesse entgegensehen darf. Popper hat sich, ohne jemals auf dem lauten Markte für sich zu werben, eine große Gemeinde von aufrichtigen Verehrern erworben, die aufs herzlichste wünschen, daß er die Genugtuung über seine bedeutsame Wirksamkeit noch lange empfinde unb daß sich ihn: zum Glück der selbsttätig errungenen inneren Harmonie noch viele Jahre die kraftvollste Gesundheit geselle und die Ausführung weiterer .bedeutender Pläne ermögliche. Vz. tzebröilchr Melodien. Von Arthur Silbergleit. H^Fir Juden sind wahrlich Weltprügelknaben. Aber ein Trost blüht uns und unserem Geschick: jeder Schlag, den unsere Seele erhielt, kehrt im Takte eines Liedes wieder. Ja unsere Lieder bilden den Widerhall unserer Schmerzen. Und ein Seltsames begibt sich: die Nachkommen derer, die uns schlugen, beneiden uns um den dunklen Reichtum unserer Verse, die von so süßer Schwermut vollgesogen sind und aus den funkelnden Schalen unserer Geschicke schwarze Trauer herniedertropfen. Schwarze Trauer und lichte Träume. Trauer um Knechtschaft und Kerker, Träume der Befreiung und Erlösergedanken. Und in manchen friedensschönen und mondgeküßten Nächten schreitet der Messias mit erglühten Augen, die an Glanz mit den Gestirnen wetteifern, auf uns zu, nimmt den Dornenkranz von unserem Haupte und schenkt uns dafür seine Segenskrone. In solchen Nächten hören unsere Dichter aus dem Lobgesang der Frommen und dem Geflüster der Winde die längstvergessenen Melodien der alten Davidharfe herauftönen. Wie Davidharsengesang klingt es auch aus einem Buche, das mir ein gütiger Zufall in die Hand spielte. Aus den „Hebräischen Melodien" (Verlag Carl Wigand, Berlin) strömen tausend abgrundtiefe und heilige Regungen von jüdischem Volksempfinden und von Empfindungen für das Judentum herauf. Diese Regungen festgehalten zu haben ist das Verdienst des Herausgebers: Dr. Julius Moses. Uns Juden bedeutet es mehr als ein reizvolles Schauspiel, die innigsten Empfindungen unserer Seele auf den Wogen solcher Gesänge schwimmen zu sehen. Denn das Heiligste unserer Sehnsucht hat sich in diesen Liedern von uns losgelöst. Gleicht nicht ein jeder von uns Narziß, der sich von: festen Uferrand zum Meere hinabbeugt, um hier seine verlorenen Träume wiederzufinden? Unsere verlorenen Träume! Unsere zerstörten Tempel! Wiederausgebaut werden sie in diesem Buche. Und tausend Hände schleppen Steine herbei, unsere Glaubensbrüder und unsere Freunde aus anderen Bekenntnissen. Das Allerheiligste freilich, vor dem der silber- und Perlendurchstickte Vorhang schaukelt, bauen wir mit eigener Hand. Und auch unsere Thorarollen vertrauen wir keinen fremden Fingern an. Ja, Gedichte von Juden und Christen enthält das bezeichnete Versbuch. Der in jüdischen Anthologien sonst in die Erscheinung tretenden Einseitigkeit in der Auffassung und Wiedergabe jüdischen Lebens wird durch Anfügung der Werke christlicher Dichter, die sich mit dem Judentum beschäftigen, somit nachdrücklich begegnet. Auch wird hier jeder philologische Kram, der sich sonst in Sammelwerken dieser Art breit macht, glücklich vermieden. Ausschlaggebend für die Aufnahme der einzelnen Arbeiten war lediglich ihr rein künstlerischer Wert. Dadurch eben unterscheidet sich die vorliegende Anthologie von den andern bisher erschienenen jüdischen Inhalts, daß nicht stoffliche, auch nicht religiöse, sondern eben rein ästhetische Gesichtspunkte bei der Auslese zur Geltung kommen. Das Sammelbuch verrät überall künstlerische Sinnlichkeit und Anschauung. Es vermeidet das Moralpaukenhafte, das Ethische. Dafür finden wir hier zahlreiche Verse voll Ursprünglichkeit, Zauber und Duft. Die Herausgabe einer jüdischen Anthologie dieser Art setzt nicht nur eine Erlesenheit des Geschmacks, sondern auch eine große Kenntnis der hebräischen sowie der Weltliteratur voraus. Der Herausgeber hat beide Voraussetzungen erfüllt. Man erstaunt geradezu ob der Fülle der Dichter, die sich hierzu friedlichem Wettgesang fanden. Wer zählt die Völker, nennt die Namen? Auch wird man in dem Buche der Tatsache inne, daß zu allen Zeiten die Harfe Judas und Judas Lob erklang. Es ist mir mit Rücksicht auf den mir zur Verfügung gestellten Raum nicht möglich, alle Dichter zu erwähnen. Nur die Namen einiger seien angeführt. Heinrich Heine, Lord Byron, Longfellow, M. Opitz von Boberfeld, Adalbert von Chamisso, Wilhelm von Humboldt, August Wilhelm von Schlegel, Christian Daniel Friedrich Schubart, Körner, Rückert, Grillparzer, Graf von Ptaten, Graf Stollberg begegnen wir hier und anderen, auch die Lautenspiele von Lenau, Anastasius Grün, Freiligrath, Emanuel Geibel, Hermann Lingg feiern das Schicksal unseres Volkes. Dichter und Dichterinnen aus unseren Tagen, wie Börries Freiherr' von Münchhausen, Hugo Salus, Stefan Zweig, Georg Hirschfeld, Morris Rosenseld, Abraham Reisen, Theodor Zlocisti, sowie Dolorosa, Else Lasker-Schüler, Thekla Blech und andere ergänzen mit ihren Gesängen den Liederreigeu. Die rneisten Anthologien sind Tautologien. Die einzelnen Herausgeber derartiger Werke übernehmen einfach die Liederschätze,' die bereits ihre Vorgänger zusammengestapelt. — Dr. Moses hat sich vor solchen Ranbzügen gehütet. Manche Liederperlen lassen in diesem Buche zum erstenmal ihren Glanz leuchten. Es wäre zu wünschen, daß die außerordentliche Mühewaltung des Herausgebers durch eine weite Verbreitung des Sammelwerkes belohnt würde. jfSSHIäiiSsS!! Ghetto-Komödien. Von I. Zangwill.*) Oie heilige Ehe. *^1 ls Schneemann, der Maler, von Rom zurückkehrte und sein Heimatsdorf in Galizien aussuchte, fand er, daß der Klatsch sich sehr lebhaft mit seiner Großmutter väterlicherseits beschäftigte, die allgemein unter dem Namen „Bube Jenta" *) Deutsch von Haus Heinz Ewers.

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