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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 165 (sequence 11)
Language
German
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Hervortreten auf scheinbar so entgegengesetzten Gebieten hat mit Zersplitterung oder Mangel der Konzentration nicht das Mindeste zu schaffen; die in so verschiedene Literaturbereiche gehörenden Werke Poppers werden nicht nur durch die Einheit einer starken Persönlichkeit, sondern auch durch die nach allen Seiten ausstrahlende Lichtfreudigkeit, durch den unbedingten Wahrheitsdrang, der sich in allen seinen Untersuchungen betätigt und auch seine dichterischen Arbeiten ideell durchleuchtet, und durch die edle Freiheit einer humanen Lebensanschauung zusammengehalten. Döpper wurde als Sohn jüdischer Eltern in dem tschechischen Städtchen Kolin geboren, absolvierte die technischen Studien in Prag und Wien und trug sich schon als jünger Ingenieur mit weit ausblickenden Ideen und überaus fruchtbaren wissenschaftlichen Anregungen. In das Jahr 1862, das vierundzwanzigste seines Lebens, fällt eine denkwürdige Episode, deren schon einmal in diesen Blättern (anläßlich der Besprechung eines Popp'erschen Buches) Erwähnung geschehen ist. Mittellos, ohne einflußreiche Freunde und Förderer, die es ihm ermöglicht hätten, eine ausführliche Denkschrift herauszugeben oder gar einen Erfindergedanken durch ein kostspieliges Modell zu versinnbildlichen, überreichte der blutjunge Ingenieur damals der Wiener Akademie der Wissenschaften in versiegeltem Kuvert einen technisch-wissenschaftlichen Aufsatz mit der Bitte,' nach 20 Jahren die Siegel zu lösen und so die Priorität der iu dem Aussatz ausgesprochenen Gedanken festzustellen. Als im Jahre 1882 in einer Akademiesitzung das Kuvert geöffnet wurde, konnte sich der bekannte Physiker Siinony, der mit der Mitteilung des Inhalts betraut war, ein keineswegs weichlicher Mann, bei seinem Berichte über die geniale Arbeit, die 20 Jahre verborgen geblieben war, der Tränen nicht enthalten. Die bald darauf in den Sitzungsberichten der Akademie der Wissenschaften veröffentlichte Schrift war „Ueber die Benutzung der Naturkräfte" betitelt und enthielt den ersten Vorschlag elektrischer Kraftübertragung mit ausführlicher, praktisch verwertbarer Nutzanwendung , auf elektrisch bewegte Vehikel, also eine Erfindung, die zwischen Einreichung und Veröffentlichung der Arbeit ans Licht gedrungen, 1882 in den ersten elektrischen Trambahnwagen bereits verwirklicht war und heute unser Verkehrswesen in so außerordentlicher Weise beherrscht. Waren Popper auch die materiellen Früchte seiner Denkertat und der dröhnende Erfinderruhm auf dem lauten Markte entzogen, so erwies ihm die wissenschaftliche Welt doch alle ihm gebührende Ehre, und sein technisches Genie hatte sich inzwischen auch praktisch aus anderen Gebieten durchgerungen. Eine Reihe von Erfindungen, darunter der nach Popper benannte Luftkondensator, fanden in der industriellen Welt volle Anerkennung und Verwertung, und zugleich befestigten ausgezeichnete Arbeiten aus den Gebieten der Mathematik, Physik und Technik, darunter ein hochgeschätztes Werk über Flugtechnik, Poppers Ansehen in technisch-wissenschaftlichen Kreisen. Daneben verteidigte er aber auch in einer sehr wertvollen Schrift seine Glaubensgenossen gegen die damals auskeimeude antisemitische Strömung. Das klare uu.b mutige Denken des außerordentlichen Mannes und seine ingeniöse Gabe der Konstruktion bemächtigten sich jedoch gleichzeitig auch anderer Gebiete. Ende der Siebzigerjahre erschien (zu Voltaires hundertstem Geburtstage) Poppers seither wiederholt aufgelegte sozialphilosophische Schrift: „Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben", eine tiefgreifende Betrachtung über die wirtschaftlichen und ethischen Grundlagen eines Zukunstsstaates, die sich von den meisten Staatsromanen und „Utopien" dadurch-unterscheidet, daß sie im wesentlichen erfüllbare Postulate aufstellt, mit den gegebenen Bedingungen der Menschennatur und der . Kultur rechnet und die Besserung der allgemeinen wirtschaftlichen Lebensbedingungen keineswegs durch die Vernichtung der Individualitäten oder ihrer Betätigung erkaufen will. Eine kleinere Schrift Poppers schlägt gedanklich in interessanter Weise die Brücke von seinen technischen zu seinen literarischen Neigungen. Die um die Mitte der Achtzigerjahre erschienene Arbeit betitelt sich „Die technischen Fortschritte nach ihrer ästhetischen und kulturellen Bedeutung" und legt in interessanter Weise dar, wie das ästhetische Element, nicht etwa als eine willkürliche Zutat, sondern von innen, aus der Empfindung heraus. (allerdings mit Ausschluß der so-. genannten „Schöngeisterei") in das Technische hinübergreist. Trat hier schon ernstes Kunstverständnis und ein aus dem Gegenstand in die Form hinübergeflossener künstlerischer Zug zutage, so war man nichtsdestoweniger überrascht, als Popper Ende der Neunzigerjahre mit einer ausgesprochen poetischen^ Produktion, mit einer Sammlung von Novellen, Legenden und Fabeln, denen er den Namen „Phantasien eines Realisten" gab, auf den Plan trat. Er tat es zunächst unter dem Decknamen Lynkeus, lüftete aber das Visier, als es zum Kampfe mit bornierten Gegnern kam, die gegen die in dem Buche poetisch versinnlichten Ideen Sturm zu lausen versuchten. Die etwa fünfzig Erzählungen, die Popper da zusammensaßt, erinnern in der Formgebung an das Vorbild der Lessingschen Fabeln und der Herderschen Paramythien, indem sie, an überlieferte Motive und Tonarten anklingend, den Legenden neue Ideen zugrunde legen und die Fabeln in neue Spitzen auslaufen lassen. Der gedankliche Gehalt der graziös vorgetragenen,, überaus mutigen, aber nie eine feine Empfindung verletzenden Geschichten faßt von den verschiedensten Seiten her das von einem unbefangenen Denker neu errungene Verhältnis zum Leben in sich; die Schätzung überkommener Philosopheme, traditioneller geschichtlicher Größen wird hier nach ganz neuen Maßstäben vollzogen, den Selbsttäuschungen der Menschen das Gegenbild ihrer uneingestandenen inneren’ Vorgänge entgegengehalten.. Nirgend verfällt der Verfasser in Rhetorik oder Lehrhaftigkeit, aber aus jeder der Geschichten springt die selbständige Auffasfung eines Lebensproblems, wie sie sich der ruhigen, heiteren, über den Leidenschaften schwebenden Überlegenheit erschließt,, hervor. Das Buch, das die Früchte der Lebensweisheit in goldener poetischer Schale bietet, drang gleich nach seinem Erscheinen in weite Kreise hinaus; das Aufsehen, das es erregte, wurde noch dadurch vermehrt, daß Politiker vom. Schlage der späteren Verteidiger der lex Heinze in Deutschland, christlichsoziale Dunkelmänner, sich im österreichischen Parlamente gegen die „Phantasien eines Realisten" ereiferten und ein — seither längst überwundenes — Verbot des Buches erwirkten. Popper ließ sich weder durch solche Opposition bestimmen, in die Arena der erhitzten Polemik hinabzusteigen, noch durch den großen Erfolg zur literarischen Massenproduktion verleiten, die als gefährliche Folge einer Sensation zum Verhängnis mancher Modeschriftsteller geworden ist. Er verblieb im Gleichgewicht seiner ruhigen Denkerstimmung und sandte vor einigen Jahren von der Höhe seiner Lebensänschauung ein neues, gedanklich tiefes Werk hinaus, ein umfangreiches Buch über Voltaire, an dem sich einige Zopfphilologen geärgert haben, weil sie sich eine derartige Monographie ohne den Schweiß der textkritischen Anmerkungen und der Nummern der Originalpaginierung nicht vorstellen können. Diejenigen aber, . die dev Arstox verstanden, die begriffen, daß es sich in dieser Analyse des Voltaireschen

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