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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 163 (sequence 9)
Language
German
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163 selbständiger Kaufleute" viel Staub auf, der selbst wie sein Vorstand größtenteils aus Juden besteht. Wegen verschiedener Angriffe hatte ersierer sein Amt niedergelegt, ließ sich aber nach langem Hin und Her dazu bewegen, es wieder anzunehmen, nur mit dem Unterschiede, daß man den Vorsitz jetzt einem Nichtjuden übertrug. Die schon oben angedeuteten Stadtverordnetenwahlen boten ein ganz Neues Moment, insofern die von einem interkonfessionellen Komitee entworfene Kandidatenliste beim Zentrum keinen Anklang fand. Es trat Mann für Mann an die Urne und wählte in der dritten Abteilung nur Katholiken, was zur Folge hatte, daß der Kampf in der zweiten desto erbitterter wurde, aber mit dem Siege der Zentrumsgegner endete. Die Zahl der jüdischen Stadtverordneten stieg somit auf 16 unter 42, also eine sehr achtunggebietende Minorität. Nebenbei sei bemerkt, daß wir unter acht unbesoldeten Stadtvätern vier jüdische haben. Am ruhigsten — merkwürdigerweise — wenigstens für die breite Oeffentlichkeit. verliefen die Repräsentantenlvahlen. In einer Wahlversammlung boten eigentlich nur der Synagogenchor und — liorribile dictu — die Verteilung der Alioth und anderer synagogaler Ehrungen Gegenstand leidenschaftlicher Erörterung, aber schließlich siegten die Kandidaten der ruhigen Ueberlegung. Ob diese hinsichtlich des zweiten Streitpunktes die Quadratur des Zirkels lösen werden, bleibt abzuwarten. Aus dem Vorstand hatten zwei der freieren Richtung angehörige Mitglieder eine Wiederwahl abgelehnt; ihre Nachfolger sowie die sonst neugewählten Vorsteher haben aber ebensowenig, wie es bei den Repräsentanten der Fall war, in der Charakteristik des Vorstandes etwas geändert, wenngleich von mancher Seite ein leichter Ruck nach rechts angenommen wird. Jedenfalls sind die besten Aussichten vorhanden, daß das zwischen beiden Gemeindekollegien herrschende gute Einvernehmen weiterhin bestehen bleibt. Dieses erstreckt sich auch auf die Gemeindemitglieder, wie das alljährlich unter großer Beteiligung stattfindende Stiftungsfest des Krankenpflege- und Beerdigungsvereins beweist. Auch das Ende Januar begangene verlief zur allgemeinen Zufriedenheit, nur daß der dargeboteneu Aufführungen und Vorträge gar zu viele waren. Von der Chelvra zum Unterstützungsverein, mit dem sie in zahlreichen Fällen zusammenarbeitet, ist nur ein Schritt. Die eigentümliche Lage von Kattowitz als Einfallspforte von Galizien und Polen setzt ihm gewaltige Aufgaben, welche gegenwärtig noch durch die zahlreichen Rückwanderer aus Amerika bedeutend erhöht werden und an den Eeldsäckel oft schwer zu erfüllende Ansprüche stellen. — Von sonstigen Vereinen seien ihrer Wirksamkeit wegen noch hervorgehoben die Konkordia-Loge, der Verein für jüdische Geschichte und Literatur und die Zionistische Ortsgruppe, welche den hiesigen Juden ill früher ungekannter Weise geistige Nahrung im jüdischen und auch allgemeinen Wissen durch Vorträge, Bibliotheken und Zeitschriften gewähren. Ein zeitweises Zusammengehen der in mancher Hinsicht Prinzipiell geschiedenen Vereinigungen kann trotzdem nur zu stärkerer Betätigung jüdischen Fühlens und Handelns in unserer Mitte beitragen. Von diesem Standpunkt aus ist es zu bedauern, daß die hiesige Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ein desto bescheideneres Dasein fristet. Freilich muß als mildernder Umstand dafür gelten, daß Gelegenheit zur Wahrnehmung mißachteter Rechte nur äußerst selten gegeben ist und die Abstellung solcher Uebelstände inuner in sicheren Händen ruht. — Eine andere Angelegenheit, die Ausweisung nicht reichsdeutscher Juden, findet ebenfalls in den meisten Fällen günstige Gelegenheit, und der Wechsel im Oppelner Negierungspräsidium laßt hoffen, daß auch für später mildere Saiten gegen die sich hier stets redlich ernährenden und politisch gar nicht hervortretenden „Fremden" angeschlagen werden. Wenn es auch nichts Welterschütterudes war, was ich hier mit-- geteilt habe, so halte ich es doch für gut, daß hin und wieder aus dem südöstlichen Winkel des Reiches die Juden ein Lebenszeichen von sich geben, damit man in anderen Gegenden erfahre, daß es auch hier noch jüdisches Leben gibt, und der Austausch solcher Aeußerungen ill einem gelesenen Blatte wird vermutlich ebensoviel zum gegenseitigen Kennenlernen beitragen, wie die zahlreichen Kongresse und Delegiertenversammlungen. Silesiacus. Die Iudenkrsge und die dritte Aeichsduma. Petersburg, den 25. März, nter den vielen großen Aufgaben, die das alte Rußland der neuen Staatsordnung vermacht hat, harrt ihrer Lösung noch immer auch die schwierige Judenfrage. Es war ein Augenblick — und zwar am Abend des 30. Oktober 1905 — als die vernünftigste Lösung unmittelbar bevorzustehen schien: wenigstens erklärte an jenem denkwürdigen Abend der damalige Machthaber, Graf Witte, einer Deputation „die Emanzipation der russischen Juden sei eine Frage der nächsten Tage". Als jedoch bald darauf die organisierte Kontrerevolution ihre glänzenden Siege erzielt hat, da tauchte plötzlich eine neue offizielle Theorie auf: die Judenfrage, hieß es dann, sei eine Frage des Volksgewiffens, deren Lösung dem verkörperten Volksgewissen, der gesetzgebenden Reichsduma, überlassen werden müsse. Im Namen dieser wohlklingenden Theorie verzichtete die Regierung sogar auf die bereits beschlossenen palliativen Maßnahmen zur Erleichterung der unerträglichen Lage der russischen Juden. Nun sollte also die Reichsduma die Judenfrage im vollen Umfange lösen. Zur Zeit der Einberufung der ersten Duma bestände:: auch keine Zweifel über den Charakter der zu erwartenden Lösung: die natürlichsten Elemente einer modernen Staats- Verfassung — die Gewissensfreiheit, Unantastbarkeit der Presse, bürgerliche Gleichberechtigung — schienen mit den zahllosen koinplizierten und verwirrten Ausnahmegesetzen gegen die Juden ganz unvereinbar zu sein, und noch weniger mit der aus diesen Gesetzen beruhenden administrativen Praxis, die die Juden als entrechtete Bürger zweiter Klasse traktiert und diese Ansicht auch der umgebenden Bevölkerung aufzwingt. Die Zusammensetzung der beiden ersten Dumas lieferte eine Bürgschaft dafür, daß sie solche Mißstände zu beseitigen versucht hätten. Wohl konnten dann die zwei folgenden gesetzgeberischen Instanzen, der Reichsrat und die Krone, das Urteil des Volksgewissens abändern oder schmälern, doch hätte das Volk sein Wort — das Wort der Wahrheit und des Friedens — in dieser Frage gesprochen. Bekanntlich waren aber die beiden ersten Dumas bestrebt, das alte Staatsgebüude vom Grunde aus nmzubauen, und fürs neue Rußland ein neues festes Fundament zu legen: deshalb befaßten sie sich in erster Reihe mit der am meisten komplizierten und allumfassenden Agrarfrage. Einen solchen radikalen Umbau, der die Wiederherstellung der alten Herrlichkeit für immer unmöglich gemacht hätte, konnten die Vertreter der alten Gewalt nicht zulassen. Die Ergebnisse sind bekannt: die beiden ersten Dumas existierten insgesamt 175 Tage (statt der verfassungsmäßigen 10 Jahre), ehe die Judenfrage an die Tagesordnung gelangte. Und so harrt diese unverschiebbare Frage noch immer ihrer Lösung. Ob und wie würde sie nun in der dritten Duma gelöst werden? Man könnte eigentlich darauf durch einfache Zusammenstellung und Berechnung der Deputiertenzahl antworten, denen ihr Parteiprogramm ein gewisses Verhalten zu der Judenfrage vorschreibt. Die Antwort wäre zwar für die Juden günstig, sie wäre aber nur in der Theorie richtig. Denn für die Mehrheitsgruppen der jetzigen Duma dient ihr politisches Programm bloß als Schmucksache, als Sonntagskleid, das man während der praktischen gesetzgeberischen Arbeit auch ablegen kann. Es entsteht aber noch die wichtigere Frage, ob die dritte Duma sich überhaupt mit der Judenfrage — nicht aus einzelnen Veranlassungen, sondern als Revision und Reformierung der gesamten judenfeindlichen Gesetzgebung — befassen würde? Das ist schon eine Frage der Taktik der

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