Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · p. Seite 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 162 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228813--64377-3276438
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

162 ungarische Botschaft Leimdörfer melden, daß die Rede gu seinem 70. Geburtstag, die Leimdörfer auf Wunsch des hiesigen Konsulats dem Druck übergeben hatte, der kaiserlichen Fideikommißbibliothek einverleibt wurde. Leimdörfers Hauptverdienst um seine Gemeinde besteht darin, daß er den Bann, den einst finstere Zeloten gegen den Tempel schleuderten, zu lösen verstand, daß er die Gegensätze in ihrer Schroffheit milderte, ja versöhnte, daß er dadurch ein Führer seiner Gemeinde und Einiger der verschiedenen Parteien geworden. Sein zündendes Wort der Aufklärung, der Freiheit, des Fortschritts zur Ethik der Propheten, verbunden mit seiner flammenden Liebe zum Judentum und streng religiösen Lebensweise, haben dem Tempelverbande viele Freunde gewonnen. Wer die Geschichte des Hamburger Tempels und den Haß seiner Gegner kennt, muß zugeben, daß es viel persönlichen Mutes bedarf, so unerschrocken zu kämpfen gegen fanatische Unduldsamkeit auf der einen Seite, anderseits aber auch gegen den Jndifferentismus, den Abfall und die Fahnenflucht. Ich wiederhole, daß ich Leimdörfers Hauptleistung darin stets erblickt habe. Seine glaubensglühende Predigt von der Einheit des ewigen Gottes und der allumfassenden Menschenliebe hat die Eintracht der Gemeinde gefördert, und ebenso gilt er auch als Förderer des Friedens, wie der verschiedenen Richtungen so auch der verschiedenen Bekenntnisse. In der Gelehrtenwelt hat sich Leimdörfer als wissenschaftlicher Bibelforscher einen Namen erworben. Seine Werke „Ecclesiastes in historischer Beleuchtung", „Das Psalterego" mit einem Vorwort von Professor Cornill, „Zur Kritik des Buches Esther", „Jbn Baruchs Lösung des Koheleträtsels", Jules Oppert in Paris gewidmet, seine Beiträge zur Psalmenliteratur, zur Talmudkunde: „Sifrerätsel", „Messiasapokalypse", „Der I. H. W. H.-Fund von Babel in der Bibel" gegen Delitzsch und andere, haben in der deutschen Gelehrtenwelt lebhafte Beachtung gefunden. Als Pädagoge hatLeimdörfer eine rege Tätigkeit entfaltet. Er schrieb mehrere Lehrbücher für den Geschichts- und Religionsunterricht, die verschiedene Auflagen erlebten, ebenso zwei Schuldramen: „Chanuka-Wunder" und „Lebende Megilla". Auch gelang es ihm, im Verein mit Dr. Seligmann, jetzt in Frankfurt a. M., eine Neligionsschule zu begründen und den Jugendgottesdienst im Tempel einzuführen. Ebenso hat er den hamburgischen Verein für jüdische Geschichte und Literatur mitbegründet, und der „Gabriel Riesser-Verein" zur Förderung der Wissenschaft des Judentums ist sein eigenstes Werk. Es ist überflüssig, zu erwähnen, daß Leimdörfer in den Literatur- Vereinen der größten Städte Deutschlands und Oesterreichs wissenschaftliche Vorträge gehalten hat, und das in fast allen Fachzeitschriften Aufsätze und Artikel aus seiner Feder erschienen sind. Aber höher als alles gilt mir der Mensch, den ich in seiner schlichten Vornehmheit, in seiner Milde und Friedfertigkeit, in. seiner aufopfernden Familieninnigkeit und vor allem in seiner Wohltätigkeit ein Vierteljahrhundert habe wirken sehen. Es ist unvergeßlich, was zur Zeit der Emigration der russischen Juden von seiner Seite geschehen ist. Man konnte ihn damals mit Frau und Kindern fast jeden Morgen, die Hände voll mit Gaben, bei den unglücklichen Opfern der Verfolgung sehen. Auf seine Anregung sind von Madame Furtado-Heine (Paris) viele Arme mit Unterstützungen bedacht worden, sind ferner verschiedene humanitäre Institute von seiten seiner Gemeinde subventioniert worden, so auch die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Ihm verdankt der Neichsverband Deutsch-Israelitischer Lehrer einen Fonds von 75 000 Mark, pelche eine reiche Hamburger Dame aus seine Fürsprache dem genannten Verbände übergeben hat. Das Kinderhospiz für Ferienkolonien in Duhnen hat er mit begründen geholfen, indem auf sein Fürwort hin ein Hamburger Philantrop 20 000 Mark spendete. Daß sich dieser Mann zahlreiche Freunde und Verehrer in den weitesten Kreisen erworben hat, ist kein Wunder; doch möchte ich noch zur Vervollständigung dieser biographischen Skizze an sein Exlibris erinnern, das mit Leimdörfers Wahlspruch schließt: „Licht im Geiste, Liebe im Herzen, Wahrheit im Munde, . In allem Gott!" lörikk aus Lsttowitz. Ueber die Verhältnisse der Juden in Oberschlesien habe ich, trotzdem ich ein eifriger Leser dieses Blattes bin, selten etwas in seinen Spalten gefunden, denn die alljährlichen Berichte über die Tagungen des Synagogen- oder Rabbinerverbandes können unmöglich die Eigenschaft eines Gesamt-Stimmungsbildes für sich in Anspruch nehmen. Noch viel seltener bekommt aber die Außenwelt von einer einzelnen Gemeinde etwas zu hören, ausgenommen wieder, wenn es sich um besondere Veranstaltungen, wie Jubiläen, Einweihungen oder dergleichen handelt. Deshalb möchte ich heut in kurzen Zügen die Verhältnisse schildern, nüe sie die derzeit größte vberschlesische Judengemeinde Kattowitz darbietet. Im wesentlichen stellen die 2700 Juden unter den etwa 38000 Einwohnern immer noch ein nicht zu verachtendes Element dar, das sich auf den mannigfachsten Gebieten des Handels und der Industrie, in freien Berufen und in der Teilnahme, am öffentlichen Leben betätigt. Aber ein wesentlicher Unterschied im Vergleich zu früher ist doch nicht zu verkennen. Kattowitz, das eigentlich nur Verkehrs¬ und Handelsstadt ist, ließ ehemals den Kaufmann, und damit auch den jüdischen, als seinen wichtigsten Bestandteil nach außen erscheinen. Das änderte sich, als mit der Verlegung der Eisenbähndirektion hierher das Beamtentum plötzlich um Hunderteemporschnellte und dadurch, namentlich in seinen höheren Stellen, dem Kaufmannsstande ein Gegengewicht bot, das ihn allmählich aus seiner herrschenden Stellung zu verdrängen droht. Dazu trat noch ein zweiter, das Verhältnis zwischen Juden und Christen umwälzender Umstand, die Art, wie das neue Einkommensteuergesetz die einzelnen Bürger für die städtischen Wahlen stimnifähig machte. Hatten sonst die jüdischen Wähler in der ersten und zweiten Abteilung die unbestrittene Uebermacht, die sie aber aus wohlverstandenem Interesse nicht ausnützten, ja war es ihnen auch möglich gewesen, noch in der dritten Abteilung einige jüdische Stadtverordnete durchznbringen, so änderte sich das, wie gesagt, aus obigem Grunde. Die erste Abteilung hat zwar, wie bisher, noch mehr jüdische Wähler, dagegen sind sie in der dritten ganz einflußlos, und in der zweiten ermöglicht es ihnen nur die Solidarität gegenüber gewissen Bestrebungen, ihre Stellung zu behaupten. Das kann aber jeden Tag anders werden. Der religiöse Friede wurde, soweit mir bekannt, früher niegestört. Erst bei den letzten Stadtverordnetenwahlen im November vorigen Jahres kamen einige antisemitische Sumpfblasen an die Oberfläche; ihre Urheber nebst Anhang fanden aber die verdiente Abfertigung und haben bisher wenig Schaden angerichtet. Da ich einmal bei den Wahlen bin, möchte ich von diesen noch einiges berichten, denn in ihrem Zeichen stand während des letzten Vierteljahres Kattowitz, und auch die hiesige Judenschaft erregten sie oft bis zur Siedehitze. Da waren zuerst die Wahlen zur Handelskammer, in die früher zwei jüdische Mitglieder aus Kattowitz entsandt wurden. Nachdem eines wegen Krankheit ausgeschieden und durch ein christliches ersetzt worden war, versuchte man dieses Mal den Verlust wieder gut zu machen, aber infolge mancher Eifersüchteleien gelang es nicht. Im Zusammenhänge damit wirbelte der „Verein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.