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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 161 (sequence 7)
Language
German
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361 Der Hilssvereiu der deutscher: Juden erhielt nunmehr nähere Nachrichten über jüngst auf türkischem Gebiete, vorgekommene schwere Ausschreitungen gegen Juden in Jaffa. Die beklagenswerten Vorfälle sind danach die Folgen des feindseligen Verhaltens des Kaimakams Asses Bey, der seit langer Zeit seinem Haß gegen die Juden und auch gegen die Europäer die Zügel schießen laßt. Wiederholt wurden Juden tätlich angegriffen, ohne daß die Schuldigen eine Strafe traf. Am 13. März kam es bereits zu einer Schlägerei zwischen einem Juden und einem Araber, die aber ohne schwere Folgen blieb. Am Montag den 16. März (am Vorabend des jüdischen Purim-Festes) gingen wiederum Araber gegen einige jüdische junge Leute mit Tätlichkeiten vor. Als die Juden sich zur Wehr setzten, kam es zu einem schweren Krawall, der damit endigte, daß die Polizei einschritt und fünf Juden verhaftete. Die vom Kaimakam genährte judenfeindliche Gesinnung entlud sich nunmehr in Gewalttätigkeiten gegen friedliche Unschuldige, die an russische Zustände erinnern. Die Verhafteten, deren Schuld nicht im geringsten feststeht, wurden unterwegs von den Polizisten mißhandelt, und die Polizisten forderten auch den Straßenpöbel auf, an den Mißhandlungen teilzunehmen. Außerdem wurden die Verhafteten ihrer Barschaft beraubt. Vergeblich suchte die Polizei im „Hotel Spektor" neue Verhaftungen vorzunehmen. Sie fand dort nur harmlose und unverdächtige Personen. Da drang ganz plötzlich der Gendarmerie-Offizier Daud Effendi mit dem Revolver in der Faust, gefolgt von Polizisten und Soldaten und von fünf Arabern, die ebenfalls mit Revolvern und Knütteln bewaffnet waren, durch eine Hintertür in das „Hotel Spektoi" von neuem ein. Die Soldaten und Polizisten begannen auf alle anwesenden Juden zu schießen und einzuhauen. Dreizehn Verwundete liegen als Opfer dieses Gemetzels nunmehr im Krankenhause zu Jaffa, mehrere in kritischem Zustand. In dem Hotel wurde außerdem geplündert, und uni die Spuren dieser Plünderung zu verwischen, versuchte man es sogar in Brand zu stecken. Bezeichnend ist es, daß all diesen Vorfällen, da es sich um Häuser russischer Untertanen handelte, ein russischer Kawaß beiwohnte, der bei diesem nach russischem Muster inszenierten Pogrom die Soldaten und Polizisten aufhetzte. Wenn es sich bei den Verwundeten und Geschädigten auch nur um russische und einen amerikanischen Untertanen handelt, so hat doch der deutsche Konsul, was mit Dank hervorgehoben werden muß, in dieser Angelegenheit sich außerordentlich korrekt verhalten. Die Vorfälle ffnd einzig in der neueren Geschichte der Türkei. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Sultan und die Zentralregierung von Konstantinopel die Untaten in Jaffa mißbilligen. Es ist daher zu erwarten, daß der schuldige Kaimakam zur Verantwortung gezogen werden wird. In Amerika hat der Senat eine vom Senator Hopkins aus Illinois vorgeschlagene Resolution beschlossen, in welcher die Vorgängein Rußland scharf verurteilt werden. Die Resolution weist zunächst darauf hin, daß der Kaiser von Rußland der Anreger der Haager Friedenskongresse ist, wofür ihm die zivilisierte Welt den Dank und die Anerkennung nicht verweigert habe. Dann heißt es in derselben weiter: „Mit Rücksicht darauf, daß dem Kongresse der Vereinigten Staaten eine von zahlreichen angesehenen amerikanischen Bürgern Unterzeichnete Petition zugegangen sei, in welcher auf Grund offizieller russischer Daten nachgewiesen wird, daß Frauen und Kinder, Greise und Krüppel — Menschen, die mit den Unruhen in keinem Zusammenhänge stehen — verfolgt und gemordet werden, daß Gefangene in den Festungen und Gefängnissen gefoltert und gemartert werden, um aus ihnen Geständnisse und Denunziationen zu erpressen, daß ferner von der Polizei und dem Militär Pogrome angezettelt werden, um die Bevölkerung einzuschüchtern; mit Rücksicht weiter darauf, daß die Witwen und Waisen der Ermordeten, ^owie. in Armut geratene Opfer der Plünderungen in - großer Zahl; nach diesem Lande ausgewandert sind, und hier — oft ihrer natürlichen Ernährer und Brotgeber beraubt, — in großer Not. leben; wird beschlossen, daß der Kongreß der Vereinigten Staaten sein Bedauern, ausspricht über derartige Gewalttaten und Unmenschlichkeiten, welche das Schauern der zivilisierten Welt erwecken und den allgemeinen Fortschritt hemmen." Diese Resolution wird sicher in Petersburg arg verschnupfen, wo man auf die Freundschaft mit Amerika jetzt so große Hoffnungen setzt. Dr. David Lkimdörker. Von Dr. Julius Michelsohn. in Meister unserer Kanzelberedsamkeit, der Prediger Dr. Leimdörfer am israelitischen Tempel zu Hamburg, beging am 1. d. M. sein 25jähriges Hamburger Amtsjubiläum. Wer Leimdörfer hörte, sei es auf der Kanzel, sei es bei Trauungen, Bestattungen, Konfirmationen oder an Familien- Festtafeln und ans dem Katheder in seinen wissenschaftlichen Vorträgen, war, das können wir mit ruhigem Gewissen sagen, von seiner rhetorischen Kraft hingerissen. Geboren am 17. September 1851 zu Hlinik in Ungarn, besuchte Leimdörser die Gymnasien und zugleich die Talmudschulen von Sillein, Waitzen, Preßburg und die Universitäten Budapest und Wien; er absolvierte seine theologischen und philosophischen Studien in der Hauptstadt Oesterreichs. Als bevorzugter Schüler der Oberrabbiner von Preßburg und Wien, hatte er sich bald einen Ruf als Kanzelredner und Bibelforscher erworben, so daß ihn Meister Jettinek als seinen begabtesten Jünger allenthalben empfahl. Der Dichter Ludwig August Frankl schrieb einmal von Leimdörfers Reden, „sie seien Gedichte in Prosa". So ward er von der Gemeinde Nordhansen zum Rabbiner und zugleich im Fürstentum Schwarzburg-Nudolstadt 1875 zum Landrabbiner berufen. Nachdem er dort siebeneinhalb Jahre in hervorragender Weise gewirkt hatte, erwählte ihn am 1. April 1883 der Hamburger israelitische Tempelverband zum ersten Prediger, woselbst er nunmehr volle 25 Jahre fungiert. Um die Bedeutung dieses Mannes zu würdigen, wollen wir im Rahmen einer Skizze lediglich Tatsachen ansühren. die ihn uns als Prediger, als Gelehrten, als Pädagogen. und als Menschen in seinen Leistungen und Werken erscheinen lassen sollen. Leimdörfers, Eigenart als Kanzelredner besteht darin, daß er nach dem Vorbilde seines großen Lehrers Jellinek die altorientalische Poesie mit moderner philosophischer Gedankentiefe durchdringend in den Dienst des praktischen Lebens stellt; mit begeifterungdurchglühtein Herzen predigt er das Leben in den aktuellsten Erscheinungen klar und kernig, ohne Phrase, in schwungvoller Diktion^ unterstützt von einem mächtig klingenden Organ und einem packenden Vortrag. Man lese Leimdörfers Predigtsanunlungen, um sich hiervon zu überzeugen. Deren beste sind: Psalterklänge. Der Priestersegen, Cholera-Zeiistimmen, Die Gemütsbildung, Feststrauß, Unser Bekenntnis. Von welcher Wirkung seine patriotischen Reden sind, das geht am besten daraus hervor, daß zum Beispiel die zur Säkularfeier Kaiser- Wilhelm I. gehaltene Festrede „National und religiös" die Aufmerksamkeit des Fürsten Bismarck und des Grafen Waldersee erregte. Beide ehrten Leimdörfer durch besondere Anerkennungsschreiben, und letzterer ließ die genannte Rede unter die israelitischen Soldaten des IX. Armeekorps verteilen. Seit damals stand Leimdörfer mit Waldersee im lebhaftesten Briefwechsel, der, wenn veröffentlicht, geeignet sein.wird, das Vorurteil zu beseitigen, daß Waldersee zu den Antisemiten zählte. Auch Kaiser Franz Josef ließ durch die österreichisch-

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