Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 159 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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tiefen Angriff zurück. Hier im Reichstag ist kein einziger, dem nicht,, gerade so wie mir, jeder wirkliche Nadanantisemitismus zuwider wäre." ' Hierauf brachte Herr Lattmann statistische Zahlen vor, die die Steigerung der jüdischen Einwanderung von Osten her dartnn^ sollten. Schlankweg behauptete er, ohne von irgend einer Seite rektifiziert zu werden: „Wir haben jetzt über 100 000 ausländische Juden in Deutschland! Daß diese Zahl zunehme, ist nicht wünschenswert." Sodann kam er auf die jüdischen Studenten zu sprechen und betonte die Notwendigkeit einer Zurückdämmung des Ausländertums von unseren Universitäten und Hochschulen. Eine Widerlegung dieser Angriffe, die schon darum unberechtigt sind,, weil ja die ausländischen Studenten nicht alle Juden sind — kaum der dritte Teil derselben — ist leider im Reichstag nicht erfolgt. Dagegen interpellierte beiin Militäretat der Abg. Kopsch den Minister wieder einmal wegen der Zurücksetzung der jüdischen Soldaten im Heere, indem er sagte: Die Mannschaften jüdischen Glaubens haben im Heere manche Unbilligkeiten zu erdulden. Jüdische Einjährige hält man bewußt vom Osfizierkorps fern. Dieser Boykott der Einjährigen jüdischen Glaubens ist ein Verstoß gegen die Verfassung. Die Heeresverwaltung behauptet, die Wahl der Reserveoffiziere erfolge ganz unabhängig vom Reserveoffizierkorps. Dann ist es aber die Pflicht der Regierung, dafür zu sorgen, daß nicht verfassungswidrige Grundsätze bei dieser Wahl ausschlaggebend sind. Der Redner führt verschiedene Fälle in Berlin und Danzig an, wonach Regimentskommandeure aus ihrer antisemitischen Neigung kein Hehl machten. Der Redner weist auf den Fall des Sohnes des Justizrats Feige in Breslau hin, der wegen seines Glaubens zum Offizierkorps nicht zugelassen wurde, obgleich sein Vater früher selbst Offizier war. Es sei tief bedauerlich, daß die Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben vom Offizierkorps ansschließe. Schon in .der zweiten Lesung hat ein Parteifreund von mir die Zurücksetzung der Mannschaften jüdischer Konfession gegenüber den christlichen Kameraden zur Sprache gebracht. Die Negierung hat darauf erwidert, daß sie, wenn solche Zurücksetzungen wirklich erfolgt sein sollten, sie auf das entschiedenste mißbilligen würde. Diese Antwort genügt uns nicht, um die Tatsache anfzuklären, daß mindestens seit dem Jahre 1880 im Gebiete der preußischen Militärverwaltung kein einziger Jude Reserveoffizier geworden ist. (Hört, hört! links.) Von einer allgemeinen Untüchtigkeit der Juden kann keine Rede sein, denn innerhalb der bayerischen Militärverwaltung werden die Juden zu Reserveoffizieren befördert. Auch in Preußen war das bis zum Jahre 1880 der Fall. Die Regierung müßte unseres Erachtens darüber wachen, daß bei den Wahlen nicht Gesichtspunkte ausschlaggebend sind, die den allgemeinen Staatsgesetzen Zuwiderlaufen. Man kann geradezu von einem Boykott der Mitbürger jüdischer Konfession sprechen. Dabei schreibt die Verfassung ausdrücklich vor, daß der Genuß staatsbürgerlicher Rechte von dem religiösen Bekenntnis unabhängig sein soll. Wenn' daher aus der Tatsache des dauernden Ausschlusses der Angehörigen einer bestimmten Glaubensgemeinschaft sich der Verdacht ergibt, daß das Offizierskorps bei Ausübung seines Wahlrechts dennoch das religiöse Bekenntnis entscheidend sein läßt, so wäre es die Pflicht. der Vorgesetzten Behörde durch wiederholte Belehrung und ändere Maßnahmen einem derartigen Mißbrauch entgegenzuwirken. (Zustimmung links.) Ferner muß ich darüber Klage führen, daß die Juden schon während ihrer einjährigen Dienstzeit zurückgesetzt werden. Ich erkenne gern und dankbar an, daß die Offiziere zu^einem Teil gerecht denken und sich bemühen, auch den jüdischen Untergebenen gegenüber gerecht zu ' handeln. Es zeigt sich aber die betrübende Erscheinung, daß, wenn nach den Ursachen der Zurücksetzung jüdischer Einjähriger gefragt wird, sehr oft Antworten gegeben werden, die den Anschein erwecken, als bemühe man sich, andere Ursachen anzugeben, als in Wirklichkeit ausschlaggebend waren. Man macht es den Juden entweder dadurch schwer, daß man sie vom.Offiziersunterricht ansschließt, oder mast befördert sie nach sechs Monaten Dienstzeit nicht zum Gefreiten, oder wenn sie zum Offiziersunterricht zugelassen werden, so schlägt man sie nicht zum Reserveoffiziersaspiranten vor. Nur. wenige, erreichen die Befähigung, und auch wenn sie diese erreicht haben, sind noch nicht alle Klippen überwunden. Die Negierung hat erklärt, ein Einfluß auf das Offizierskorps des Beurlaubtenstandes stehe ihr nicht zu. Das mag richtig sein, aber auf die Offiziere im aktiven Dienst hat sie doch einen Einfluß. (Sehr richtig! links.) Der Generalleutnant Sixt von Arnim erwiderte darauf kurz, daß das Material des Abgeordneten Kopsch geprüft werden wird. Nun folgte mit der gleichen Klage der Abgeordnete Hermes (fr. Volksp.): Der Vertreter des Kriegsministers hat auf die schweren Angriffe des Abgeordneten. Kopsch nur die Antwort gehabt, daß er das Material prüfen werde. Nun ist die Frage der Zurücksetzung der Juden im Heere gegenüber ihren christlichen Kameraden schon wiederholt im Hause und in der Budgetkommission behandelt worden. Die Regierung hatte also genügend Zeit, sich zu informieren. (Sehr richtig! links.) Wiederholt sind hier solche Klagen' vorgebracht worden; es -ist aber nichts geschehen, um sie abzustellen. In weiten Kreisen des deutschen Volkes ist darüber eine gewisse Beunruhigung eingetreten, weil der Grundsatz des gleichen Rechtes für alle dauernd verletzt wird. (Beifall links.) Natürlich stellten sich hierauf auch die Antisemiten ein, und zwar sandten sie, um das Urteil des Abgeordneten Lattmann (siehe oben) zu illustrieren, daß der Radauantisemitismus im Reichstage keinen Vertreter habe, einen der kräftigsten Vertreter des wilden Antisemitismus, nämlich den Abgeordneten Bindewald. Abgeordneter Bindewald (Reformp.): Es ist nicht wahr, daß die Inden schlechter in der Armee behandelt werden. Das deutsche Volk ist von Haus aus kriegstüchtiger als das jüdische. (Lachen links.) Die Juden sind viel wohlhabender, besuchen höhere Schulen, das Verhältnis ihrer Einjährigen zu den Gemeinen ist ein viel stärkeres. Es würde also keine Gleichberechtigung, sondern Bevorrechtung sein. Lachenlinks.) AufRassenndVolkstum kommt es an, nicht aufReligion und Konfession. (Lachen links.) Wir sind für das Volksheer und verlangen, daß die, die das Heer führen, der indogermanischen Rasse angehören. (Gelächter.) Wir verlangen von dem Offizier, daß er sich die fremdrassigen Elemente der Juden innerhalb seiner vier Wände vom Leibe hält. Nur dann haben wir Vertrauen zu unserem Offizierkorps, wenn wir wissen, daß es von deutschem Blute ist. Der Jude hat anderes Blut in seinen Adern. (Großes Gelächter.) Treffend antwortete darauf der Abgeordnete Kopsch (fr. Vp.): Ich verdiene den Dank des Hauses, wenn ich in bezug aus Herrn Bindewald lediglich das eine feststelle: Der Rassenantisemitismus dieses Herrn hat in diesem Hause keine Zustimmung, aber die lebhafteste Heiterkeit im ganzen Hause hervorgerufen. (Zustimmung links.) Durch die obenerwähnten Reden sah sich der Vertreter des Kriegsministers, Generalleutnant von Arnim, schließlich veranlaßt, folgendes zu erklären: Auf die Frage der jüdischen Einjährigen einzugehen, halte ich für überflüssig, nachdem ich bei der zweiten Lesung des Etats Stellung genommen habe, und weil nach den Ausführungen des Kriegsministers die Heeresverwaltung keine andere Stellung einnehmen kann, da sie auf dem Boden des Gesetzes stehen muß. Es ist das dieselbe Antwort, die wir so oft schon gehört haben. Gleichwohl haben die freisinnigen Abgeordneten Recht, ihre Klagen in dieser Beziehung immer wieder vorzubringen. Steter Tropfen höhlt den Stein — und härter als Stein wird doch die Militärverwaltung wohl kaum sein. Im übrigen werden wir die ganze Verhandlung nach denr stenographischen Wortlaut in der nächsten Nummer ihrer prinzipiellen Bedeutung wegen zum Abdruck bringen. Auf einzelnes wird auch wohl noch später zurückzukommen sein. ‘ *